Die brandenburgische Landeshauptstadt präsentiert sich gerne als weltoffen und tolerant. Eine repräsentative Bürgerumfrage zu Migranten und Asylsuchenden hat dies jetzt bestätigt. 86 Prozent der Befragten vertreten die Meinung: Potsdam ist eine tolerante Stadt. Dieser Anteil hat sich im Vergleich zu den beiden vorangegangenen Befragungen in den Jahren 2013 und 2014 deutlich vergrößert. Jedoch ergab sich auch, dass sich die Potsdamer durchaus Sorgen machen. „Nach den größten Herausforderungen in der Stadt gefragt, nennen die Potsdamer das Thema Flüchtlinge an vierter Stelle – nach den Problemfeldern Verkehr, Wohnen sowie Verschmutzung und Lärm“, sagte die Sozialbeigeordnete Ilona Müller-Preinesberger (parteilos) am Montag. Dabei sehen sich die Bürger laut Umfrageergebnis nur unzureichend von der Stadt informiert.
Die Einschätzung, wonach Potsdam eine tolerante Stadt ist, überrascht die Sozialbeigeordnete nicht. „Das deckt sich mit meinen Erfahrungen auf Bürgerversammlungen zur Flüchtlingsunterbringung“, sagte Müller-Preinesberger. „Natürlich gibt es Ängste, doch die sind deutlich weniger geworden.“ Bedenken, dass die Flüchtlingskinder dem eigenen Kind den Kita-Platz wegnehmen könnten oder den Schulplatz blockieren, konnten offenbar weitgehend ausgeräumt werden, meinte Müller-Preinesberger.
Die nun ausgewertete Umfrage, an der 1900 von 5235 angeschriebenen Potsdamern teilnahmen, wurde schon im September 2015 durchgeführt. Trotz der sich zuspitzenden Flüchtlingsdiskussion auf Bundesebene sieht die Sozialdezernentin aber keine Anhaltspunkte dafür, dass sich die Stimmung seither in der Landeshauptstadt gedreht habe. Sehr erschrocken sei sie aber über die Ausschreitungen bei der Anti-Pegida-Demonstration in der vorigen Woche.
Sozialdezernentin hofft auf ruhige Gegendemonstration
„Gewalt war noch nie hilfreich“, sagte sie, „ich hoffe sehr auf eine ruhige Gegendemonstration an diesem Mittwoch.“ Dann ist erneut ein sogenannter Abendspaziergang gegen die Islamisierung des Abendlandes geplant. Bei der ersten Demonstration nach Pegida-Art in Potsdam verhinderten rund 1000 Gegendemonstranten den Spaziergang von rund 100 Teilnehmern, der Abend endete mit Krawallen. Vermummte aus der linksextremen Szene warfen Böller und Schneebälle mit Steinen in die Menge. Mehrere Polizisten wurden verletzt. Die Stimmung schaukelte sich hoch. „Es gab Familien, die mit Kinderwagen kamen und plötzlich Hass entwickelten gegenüber den Versammlungsteilnehmern“, beschrieb eine Polizeisprecherin die Lage.
Potsdam tickte schon immer anders als der Rest des Landes. Hier gibt es eine aufgeschlossene und liberale Gesellschaft, aber auch die aktivste linksextreme Szene in Brandenburg. Die Potsdamer gelten als diskussionsfreudig, streitbar – und hilfsbereit. Bei der Umfrage gaben 44 Prozent an, dass sie Flüchtlinge und Asylsuchende mit Geld- und Sachspenden, ehrenamtlich oder anderweitig unterstützen. Dabei helfen Frauen häufiger als Männer. 61 Prozent gaben Sachspenden, nur 15 Prozent Geldspenden
69 Prozent, also etwas mehr als zwei Drittel, erklärten bei der Umfrage, keinen regelmäßigen Kontakt zu Flüchtlingen und Asylsuchenden zu haben. Bei 12,5 Prozent besteht der Kontakt vor allem beruflich, bei neun Prozent in der Nachbarschaft. Am positivsten bewertet wird er von den 65-Jährigen und Älteren, gefolgt von den unter 30-Jährigen. In der Altersgruppe 50 bis unter 65-Jährige gaben weniger als die Hälfte eine positive Bewertung ab. Mehr als 80 Prozent sehen einen großen oder sehr großen Handlungsbedarf – vor allem bei der Sprachförderung in Kitas und Schulen und beim Angebot von Deutschkursen.
Das knapp 167.000 Einwohner zählende Potsdam hat im vergangenen Jahr knapp 1500 Flüchtlinge aufgenommen. Derzeit leben etwa 2000 in der Landeshauptstadt. Die meisten in Gemeinschaftsunterkünften. Etwa 400 Flüchtlinge konnten eine Wohnung beziehen. In den meisten Fällen schloss die Stadt den Mietvertrag mit der Pro Potsdam oder Privatvermietern ab. Turnhallen sind trotz der angespannten Wohnungssituation bislang nicht belegt. Auf dem Parkplatz des Sportplatzes Sandscholle wurden zwei Leichtbauhallen aufgestellt.
Nicht zufrieden sind die Potsdamer mit der Informationspolitik der Stadt – trotz zahlreicher Bürgerversammlungen und Informationen im Internet. 84 Prozent der Umfrageteilnehmer fühlten sich über die Integrationsangebote unzureichend informiert, über den Ablauf der Flüchtlingsaufnahme 81 Prozent. Groß seien auch die Informationsdefizite zu Unterkünften und auch zu Möglichkeiten der Hilfe. 12 Prozent der Befragten engagierten sich ehrenamtlich für die Flüchtlinge.

