Brandenburg

Mehr Storchenpaare, aber weniger Junge

Es wird in Brandenburg vermutlich kein gutes Storchenjahr. Die Tiere haben nur wenig Nachwuchs. Viele haben gar nicht gebrütet.

Ein Weißstorch steht in seinem Nest im Spreewalddorf Schlepzig (Brandenburg)

Ein Weißstorch steht in seinem Nest im Spreewalddorf Schlepzig (Brandenburg)

Foto: Patrick Pleul / dpa

Potsdam.  Im storchenreichsten Bundesland bekommen die Storchenpaare immer weniger Junge. Schon das dritte Jahr in Folge brüten sie nicht mehr so viele Küken aus wie sie eigentlich sollten. „2015 ist es besonders auffällig“, sagt Bernd Ludwig, Leiter der Arbeitsgruppe Weißstorch im Naturschutzbund Nabu. Zwar kamen zuletzt wieder mehr Störche nach Brandenburg. Doch um den Bestand stabil zu halten, müsste jedes Storchenpaar jedes Jahr zwei Küken lebenstüchtig in die Welt entlassen. 2013 waren es statistisch aber nur noch 1,4, voriges Jahr 1,8 junge Störche. Endgültige Zahlen zur Aufzucht liegen für dieses Jahr noch nicht vor.

„Der Lebensraum verändert sich“, beschreibt Bernd Ludwig die Gründe dafür, dass Störche weniger brüten als früher. „Die Zugvögel finden immer weniger Feuchtwiesen vor, dafür immer mehr riesige Ackerflächen, auf denen für die Biogasanlagen Mais und Raps angebaut werden.“ So täten sich die Tiere bei der Nahrungssuche schwerer. Viele Junge verenden, weil ihre Nahrung durch die intensive Landwirtschaft pestizidbelastet sei. Der Weißstorch ernährt sich von Kleintieren wie Regenwürmern, Insekten, Fröschen, Mäusen, Ratten, Fischen, Eidechsen und Schlangen.

Zu wenig Zeit zum Brüten

Dieses Jahr hat sich die Situation noch verschärft. „Die Störche sind später als sonst zurückgekommen“, sagt der Experte. „Das lag am schlechten Wetter unterwegs.“ Vögel bleiben zum Überwintern oft in Spanien und Portugal. Andere Störche kommen aus Afrika zurück. Sie haben offenbar zu wenig Nahrung gefunden, um sich den Flug über Wüsten und Gebirge zuzutrauen.

Gewöhnlich sind sie bis spätestens Anfang Mai wieder in Deutschland zurück und fangen dann an zu brüten.

Wird es später als 10. Mai, verzichten sie häufig darauf. Wer danach kommt, schafft es nicht mehr: Denn 33 Tage müssen sie brüten. Acht bis neun Wochen werden die Kleinen im Horst gefüttert. Die Jungen starten Mitte August gen Süden, die älteren Storche meist zwei Wochen später. Auch die Trockenheit habe eine Rolle gespielt, sie habe das Nahrungsangebot verkleinert, sagt Bernd Ludwig. Er kennt sich aus. Der ehemalige Diplom-Lehrer für Biologie und Chemie engagiert sich seit 1964 für die Störche. Der 75-Jährige Naturschützer fordert: „Die Landschaft muss wieder vielgestaltiger werden, mit kleinen Tümpeln, abwechslungsreichen Feldfrüchten und mehr Tieren.“ Auch sollte dringend weniger gespritzt werden. Ludwig plädiert: „Der Ökolandbau gehört erweitert.“

In den Störchendörfern Brandenburgs musste man in diesem Frühjahr also länger als sonst auf die Tiere warten. Und in den Nestern bleibt es ruhiger als sonst. Im Internet-Storchen-Horst in Vetschau werden in diesem Jahr gar keine Jungen großgezogen. Rühstädt in der Prignitz, das storchenreichste Dorf Europas, wirbt damit, Heimat für 30 Storchenpaare zu sein. Sie nisten auf den Dächern des Dorfes. Der Ort ist deshalb bei ihnen so beliebt, weil sie in den Elbauen reichlich Nahrung für die Aufzucht ihrer Jungen finden. 2013 haben 34 Storchenpaare in Rühstädt 72 Storchenkinder bekommen. 2014 nisteten mit 38 Paare zwar noch mehr in dem Dorf, doch sie bekamen nur 53 Küken.

Der Trend geht nach unten

Das Landesumweltamt bestätigt die Entwicklung. „Wir rechnen damit, dass wir langfristig wieder abnehmende Bestände in Brandenburg haben könnten“, sagt Tobias Dürr, Mitarbeiter an der Staatlichen Vogelschutzwarte. „Falls der Trend anhält.“ Allerdings schwanke die Zahl des Storchennachwuchses von Jahr zu Jahr. „2009 war ein Tiefpunkt, damals bekamen 1193 Storchenpaare 2147 flügge Junge“, berichtet Dürr.

In den Jahren darauf stieg die Zahl wieder an. 2013 brüteten in Brandenburg 1351 Paare erfolgreich 1878 Junge aus. 2014 war mit 1424 Paaren das Rekordjahr, doch die Nachwuchsrate fiel mit 2592 lebensfähigen Küken bescheiden aus. „Es waren zwar mehr flügge Junge, aber doch in der Relation weniger pro Paar, als für einen stabilen Bestand erforderlich wären“, sagt der Vogelschutz-Experte.

Anders als in Niedersachsen oder Bayern ist es in Brandenburg verpönt, zuzufüttern. „Wir sehen den Schwerpunkt im Storchenschutz beim Lebensraumschutz und der Sicherung von Brutplätzen“, sagt Tobias Dürr. Deutschlandweit wurden voriges Jahr etwa 6150 Storchenpaare gezählt, immer noch die meisten in Brandenburg. Etwa 1400 haben hier ihr Zuhause.