Energie

„Der Ökoterror mit Windrädern muss ein Ende haben“

Selbst im einzigen energieautarken Dorf Deutschlands, in Feldheim, regt sich Unmut gegen weitere Rotoren.

Auf den ersten Blick unterscheidet sich Feldheim nicht von unzähligen anderen Orten in Brandenburg. Die zumeist schlichten Häuser schmiegen sich rechts und links der Straße aneinander, in den akkurat hergerichteten Vorgärten blühen die Rosen, in Rot, Rosa und in Gelb. Annemarie Glück sitzt auf einer kleinen Bank vor dem Haus; sie macht kurz Pause von der Gartenarbeit.

„Wir sind schon stolz auf unser Dorf“ sagt die 68-Jährige. Feldheim ist tatsächlich etwas Besonderes: Der 127-Einwohner-Ort, etwa 60 Kilometer südwestlich von Berlin gelegen, versorgt sich komplett selbst mit Strom und Wärme – und ist seit 2010 das erste „energieautarke Dorf Deutschlands“. Die Bewohner in 37 Haushalten bekommen ihre Energie über den Wind, die Sonne und über die örtliche Biogasanlage.

Widerstand gegen die Windkraft, wie er derzeit in ganz Brandenburg massiv zunimmt, ist in dem Energie-Vorzeige-Dorf wohl kaum zu erwarten. Irrtum. Mittlerweile reicht es offenbar sogar den innovativen Feldheimern. Viele von ihnen wollen nicht noch mehr Windräder.

Wald wird gerodet

„Jetzt ist es genug“, findet die ehemalige Traktoristin und Stapelfahrerin in der örtlichen Agrargenossenschaft, Annemarie Glück. „Und das ist nicht nur meine Meinung.“ In diesem Moment tritt ihr Sohn Thomas aus der Tür. „Sie roden nun auch noch den Wald und stellen die Dinger da hin“, sagt er. „Ein Frevel.“

Derzeit drehen sich 47 Windräder in Feldheim. Im Windpark Feldheim-Nord sollen nun weitere zwölf Riesen aufgestellt werden. Ein einziges Windrad würde reichen, um das Dorf zu versorgen, so Thomas Glück.

Er fragt sich: „Warum sollen wir ganz Deutschland retten?“ Brandenburg exportiert nach Auskunft des Wirtschaftsministeriums über 60 Prozent des erzeugten Stroms aus erneuerbaren Energien.

Für andere geht es mit ganzer Kraft darum, Brandenburg zu retten. Vor zu vielen Windrädern. 3277 Windkraftanlagen gibt es derzeit im Land, 400 werden demnächst in Betrieb gehen. Für 1092 weitere Anlagen läuft nach Auskunft des Landesumweltamtes das Genehmigungsverfahren.

28.000 Unterschriften in vier Monaten gegen Windkraft

Knapp 80 Bürgerinitiativen quer durchs Land haben die Volksinitiative mit dem heroischen Titel „Rettet Brandenburg“ initiiert. In nur vier Monaten sammelten die Windkraftgegner bisher etwa 28.000 Unterschriften. „Im Juli soll die Liste dem Landtag übergeben werden“, wie der Sprecher Thomas Jacob im Gespräch mit der Berliner Morgenpost ankündigt.

Die Unterzeichner fordern, dass die Bauordnung geändert wird. Die Abstände zu den Wohnhäusern sollen auf das Zehnfache der Gesamthöhe der Windräder vergrößert werden. Außerdem sollen die Wälder komplett von ihnen frei gehalten werden.

„Der Ökoterror muss ein Ende haben“, sagt Jacob, der im Spreewald zu Hause ist. „Als wir 2008 schon einmal eine Volksinitiative gestartet hatten, haben wir ein Jahr gebraucht, um die Unterschriften mühsam zusammenzubekommen. Die Leute haben uns beschimpft, warum wir für diese wunderbare Energie auf die Straße gehen“, sagt Jacob. Die Initiative war im Landtag an der Mehrheit der damals rot-schwarzen Koalition.

Landesregierung spürt den Gegenwind der Bevölkerung

Der Widerstand gegen die „Verspargelung der Landschaft“ wächst von Jahr zu Jahr. Doch die Landespolitiker sehen sich unter Druck, die Energiewende so gut es geht hinzubekommen. Die rot-rote Regierung setzt weiter auf die Braunkohle, fährt aber eine Doppelstrategie. Sie will Brandenburgs führende Stellung bei den erneuerbaren Energien ausbauen.

Bis 2030 soll sich die Zahl allein der Windkraftanlagen mehr als verdoppeln. „Wir haben da Riesendebatten“, sagt Ministerpräsident Dietmar Woidke (SPD). „Es wird immer schwieriger, die Zustimmung der Bevölkerung zu bekommen.“

Der Anteil der Stromerzeugung aus erneuerbaren Energien lag laut Wirtschaftsministerium – gemessen am Eigenbedarf – im Jahr 2013 bei 67,5 Prozent. Die Energiestrategie des Landes funktioniert aber nur weiter, wenn die Brandenburger mitmachen. Wolfgang Lorenz, Energieexperte beim Landkreis Potsdam-Mittelmark sagt: „Die Akzeptanz kann nur steigen, wenn die Windparks spürbare Vorteile für die Bürger bringen.“

Vor allem auswärtige Anleger verdienen an Windparks

Derzeit ist es so, dass die Gewerbesteuereinnahmen meist an die Kommune fließen, in der der Investor seinen Firmensitz hat. Und es verdienen vor allem auswärtige Anleger. „Wichtig ist, dass die Bürger etwas von den Windparks haben“, sagt auch der Energie- und Klimaschutzbeauftragte von Treuenbrietzen, André Hoyer.

Die Stadt habe deshalb inzwischen in den Verträgen mit den Projektierungsfirmen eine Klausel eingebaut, wonach sie den Bürgern eine Beteiligung am Windpark anbieten sollen. In Feldheim sind einzelne Bürger nicht nur an den Anlagen beteiligt, sie zahlen auch bis zu 50 Prozent weniger Strom, als sonstige Anbieter verlangen.

In den Nachbargemeinden hingegen sehen die meisten nur Nachteile durch die Windkraft. „Wasserstoffspeicher und Lithium-Ionen-Akkus sollen nur darüber hinwegtäuschen, dass man den Strom noch nicht großindustriell speichern kann“, sagt Olaf Beyer. Der ehemalige Berliner wohnt in Lüdendorf.

Von seinem Dorf aus kann man die Windräder bei Süd- und Südostwind hören, aber nicht sehen. Das wird sich ändern, wenn die neuen Räder in Feldheim-Nord stehen.

Eine Lüdendorferin klagt

Mit Mitstreitern kämpft Olaf Beyer gegen die Erweiterung der Windkraftanlage. Er hat Fotos gemacht von der Schneise, die der Investor für den Transportweg in den Wald geschlagen habe. „Es geht nur noch um Profit“, sagt er. „Das Tafelsilber des Landes wird verscherbelt.“

Eine Dorfbewohnerin klagt gegen die Pläne. Die Lüdendorfer sind sich untereinander aber nicht einig. Das geht so weit, dass sie zwei Maibäume aufstellen und zwei Osterfeuer abbrennen. „Zwei Drittel von uns sind gegen die Windräder“, sagt Olaf Beyer. Die Windkraft entzweit vielfach die Dörfer. Im Selbstversorger-Muster-Ort Feldheim, da halten sie zusammen. Noch.

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