Big Ben lässt grüßen. Nicht von ungefähr sind die zwei roten Zapfsäulen mit dem Bullauge nach dem Uhrturm am Londoner Westminster-Palast benannt. Das englische Vorbild ist unverkennbar. 1938 installierte das Mineralölunternehmen Nitag die mannshohen Zapfsäulen in ihrer im Landhausstil errichteten Tankstelle an der Berliner Straße nahe der Glienicker Brücke. Benzin und Diesel sprudeln aus ihnen schon lange nicht mehr. Doch schon bald können die Gäste des Restaurants „Garage du Pont“, das sich heute in der einstigen Tankstelle befindet, hier wieder ihr Auto betanken – vorausgesetzt es fährt mit Strom.

Auf einem Bauernhof versteckt

„Zu DDR-Zeiten wurden die Zapfsäulen auf einem Bauernhof in Brandenburg versteckt. Erst nach der Wende sind sie wieder aufgetaucht und hier an ursprünglicher Stelle wieder aufgebaut worden“, erzählt Kai Desinger, 49. Der Zehlendorfer Unternehmer hat die von den Potsdamer Architekten von Estorff und Winkler gestaltete Tankstelle 2012 in ein französisches Lokal umgebaut. Seiner Leidenschaft für Frankreich hat er dabei breiten Raum gegeben – von der Speisekarte bis zum Interieur, das er persönlich in französischen Antikläden beschafft hat.

Auch sein Faible für schnelle Oldtimer lebt er in der „Garage du Pont“ aus. Schwarzweiß-Fotos, aufgenommen bei den 24-Stunden-Rennen von Le Mans in den 50er-Jahren, hängen an den hellen Ziegelsteinwänden, die Rücksitzbänke der Citroen-DS-Reihe von 1968 hübschen den Gastraum auf, Desinger hat neben Café und Bistro sogar ein eigenes Oldtimer-Museum integriert. Jetzt verknüpft der gebürtige Westfale die Geschichte der Kraftstoffstätte an der ehemaligen Reichsstraße 1 – dem Tor nach Berlin – mit der Moderne. Die Vorbereitungen für die Einrichtung der neuen Stromtankstellen laufen bereits.

Betrieb nur im Winter

„Eine der Big-Ben-Zapfsäulen verfügt bereits über Strom“, sagt Desinger. „Allerdings führt sie erst zehn Kilowatt. Sie wird noch umgerüstet, um die Leistung auf 22 Kilowatt zu erhöhen.“ Diese Säule aus den 30er-Jahren werde jedoch nur in der Wintersaison in Betrieb genommen. Ihrer exponierten Lage am Rand der Sommerterrasse des Restaurants wegen. Die Gäste, die im Freien speisen, möchte der Gastronom nicht in ihrem Genuss einschränken. Alternativ will er deshalb eine Stromzapfsäule auf dem Gästeparkplatz aufstellen. „Auch die ist Retro“, betont Desinger. Ein Modell aus den 50er-Jahren, das noch in seinem Lager vorrätig ist. Die Zapfsäule soll mit zwei Stromanschlüssen und einem Adapter für alle Stecker versehen werden, sodass jede Art von Elektroauto vorfahren könne.

Nur eine kleine Zwischenladung

„Das Tanken bezieht sich allerdings nur auf eine kleine Zwischenladung“, schränkt Desinger ein. Geld machen könne und wolle er mit der Idee nicht. „Ich betreibe in erster Linie ein Lokal.“ Strom darf Desinger offiziell sowieso nicht verkaufen. Deshalb kooperiert er mit den Potsdamer Stadtwerken. Die seien vom Projekt angetan, hätten selbst einige Vorhaben im Bereich der Elektromobilität auf den Weg gebracht. Nun wollen sie den umtriebigen Geschäftsmann unterstützen und den „nötigen Saft“ bereitstellen. „In der Anfangsphase würde ich den Ladestrom gern kostenlos zur Verfügung stellen“, sagt Desinger. Noch verhandelt er darüber mit den Stadtwerken.

In der Medizintechnik zu Hause

Das Thema Mobilität sei für ihn eher Herzenssache denn Fachgebiet. Desinger, der an der Technischen Universität Berlin Maschinenbau studiert hat, ist in der Medizintechnik zu Hause. Er hat in Teltow das Unternehmen Celon an den Start gebracht, das Produkte für die sogenannte Schlüsselloch-Chirurgie herstellt. Weder sei er Gastronom noch Experte für Elektromobilität oder Umweltaktivist, macht der 49-Jährige deutlich. „Aber ich bin Familienvater und weiß um die schwindenden fossilen Ressourcen. Mir stellt sich die Frage, wie meine Kinder und Enkelkinder in einigen Jahrzehnten mobil sein können.“ Die Elektromobilität sei für ihn eine der Möglichkeiten. Hier ein Stück den Weg zu bereiten, sei ihm wichtig.

Und zugleich will er mit der Stromtankstelle neue Zielgruppen fürs Lokal erschließen. Interessengemeinschaften von Elektroautobesitzern, die es auch in Berlin gebe, würden häufig durchs Umland touren, weiß Desinger. Und seine „Garage du Pont“ liegt an einer beliebten Strecke. Auch Autokonzerne wie BMW, Porsche, Mercedes würden mehr und mehr auf Hybridantriebe setzen. Der Geschäftsmann hat also noch einen weiteren Kundenkreis im Blick. Die großen Hersteller als Unterstützer zu gewinnen, sie zu begeistern, ihre Kundenevents mit E-Fahrzeugen in der „Garage du Pont“ auszurichten – Desinger hält es für möglich.

Anstoß für die Stromtankstelle

Mit Tesla Motors, dem weltweiten Technologieführer im Bereich der Elektromobilität, ist es ihm bereits gelungen. „Die haben mir mit ihrer Suche nach einer geeigneten Location, um ihre E-Autos potenziellen Käufern aus Berlin und Brandenburg zu präsentieren, erst den Anstoß für die Stromtankstelle gegeben“, sagt Desinger. Die Tesla-Autos werden künftig also regelmäßig bei der „Garage du Pont“ vorfahren und „E-Sprit“ ziehen. Dass sich vor seinem Restaurant aber lange Schlangen von Elektromobilen bilden, erwartet Desinger nicht. „Die sind noch zu teuer. Und solange auch das Problem der begrenzten Reichweite nicht gelöst ist, werden E-Autos sicher selten auf der Straße zu sehen sein.“

Früher kamen schwere Maschinen

Die Tankstelle an der Glienicker Brücke – als Anlaufstelle für emissionssparende Elektromobile würde dieser Ort sich einmal mehr im Wandel der Zeit neu erfinden. Kurz nach dem Fall der Mauer, 1990, hatte der Unternehmer Christian Timmermann die Tankstelle übernommen und sie im amerikanischen Route-66-Ambiente zur Anlaufstelle für Fans der sogenannten „Indian“-Motorräder gemacht – schwere Maschinen, noch robuster als Harley Davidsons, die gern mal mit Motoren mit 5,7 Liter Hubraum ausgestattet sind. Um Sparsamkeit und Ökologie ging es dabei nicht. Aber Energie von einer Tankstelle, die brauchen Fahrzeuge eben noch immer.