Fürstenwalde

Wenn Flüchtlinge eine Windkraftanlage bauen

Eine Windkraftfirma im brandenburgischen Fürstenwalde findet keine Fachkräfte. Jetzt arbeitet sie mit jungen Asylbewerbern zusammen - und macht hervorragende Erfahrungen.

Foto: Klaus-Dietmar Gabbert

Gerold Brunken reagiert etwas erstaunt. "Ich wundere mich ehrlich gesagt, dass vor uns noch niemand auf die Idee gekommen ist", sagt der kaufmännische Leiter der Fürstenwalder Firma Reuther STC GmbH. Die Idee, von der er spricht, ist die Förderung von Asylbewerbern im Interesse einer langfristigen Fachkräftesicherung. Der Hersteller von Windkraftanlagen mit knapp 330 Beschäftigten braucht dringend Schweißer.

Weil es nicht genügend deutsche Bewerber gibt, wandte sich Brunken an die gemeinnützige Gesellschaft für Arbeit und Soziales (Gefas), die in Fürstenwalde seit November 2013 ein Asylbewerberheim betreibt. 13 junge Männer, zwischen 18 und 32 Jahren alt, aus Somalia, Kamerun, Afghanistan und dem Tschad zeigten sofort Interesse, auch wenn das Ganze erst einmal nur ein unentgeltliches Praktikum ist.

"Diejenigen, die sich geschickt anstellen, haben bei uns durchaus eine Perspektive. Denn gute Leute können wir immer gebrauchen. Die würden wir übernehmen und auch noch weiter ausbilden", so Personalchef Brunken. Seiner Meinung nach müsste sich die Wirtschaft im Bereich der Flüchtlingshilfe und Integration viel mehr engagieren, denn "das ist ja eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe".

Die Firma übernimmt so auch den Großteil der 22.000 Euro Kosten, stellt Arbeitskleidung und Unterrichtsmaterial. Los ging es Anfang Februar mit zwei Wochen Deutsch-Intensivkurs, es folgten zwei Wochen Grundlagen-Theorie in der Metallwerkstatt. Neun Wochen lang stehen die jungen Flüchtlinge wochentags ab 7 Uhr früh an der Werkbank, am Sonntag haben sie zudem noch jeweils sechs Stunden Deutsch, wo es um Fachbegriffe der Schweißtechnik geht. Zum Abschluss gibt es dann noch eine Woche Praktikum direkt bei der Firma Reuther.

Gesetzliche Hürden

Die eigentliche Hürde für das Projekt waren die geltenden Gesetze: Einen Antrag auf Arbeitserlaubnis dürfen Flüchtlinge erst nach drei Monaten bei der Ausländerbehörde stellen, arbeiten können sie erst, wenn sie bereits 15 Monate in Deutschland leben, oder aber wenn sie eine Aufenthaltsgenehmigung oder Duldung besitzen. Dann bekommen sie in ihren Ausweis den Stempel "Erwerbstätigkeit erlaubt". Diese Erlaubnis allerdings muss alle halbe Jahre erneuert werden.

"Vielfach liegt es nicht an der fehlenden Erlaubnis, sondern an den mangelnden Deutschkenntnissen, wenn Asylbewerber bestimmte Jobs nicht bekommen", erzählt Gefas-Heimleiter Hartmut Sehne von seinen Erfahrungen. Es gebe einfach zu wenig Sprachkursangebote, sagt er, lobt aber gleichzeitig die gute Kooperation mit der Volkshochschule sowie dem Fürstenwalder Aus- und Weiterbildungszentrum (FAW). Dort absolvieren auch die künftigen Schweißer ihr Praktikum. Es ist als gemeinnützige Arbeit eingestuft, und die ist erlaubt. "Unser Flüchtlinge haben wirklich Lust zu arbeiten, sind hoch motiviert", ist Sehne überzeugt und bekommt Bestätigung von Ausbildungsleiter Wolfgang Hoeft: "Die rackern durch ohne Pause. Ich muss sie manchmal wirklich bremsen."

Der erfahrene Metallbauer war, wie er zugibt, zunächst skeptisch – vor allem was die Pünktlichkeit und das Durchhaltevermögen der jungen Ausländer betrifft. Doch er wurde eines Besseren belehrt: Keiner der Praktikanten kam bisher zu spät oder nahm es mit der Arbeitsmoral nicht so genau. Nun muss allerdings mit der Ausländerbehörde geklärt werden, wie es nach dem Praktikum für die Flüchtlinge weiter gehen kann.

"Einmalig in Deutschland"

"Unser Projekt ist bisher einmalig in Deutschland, deswegen betreten wir Neuland, wo andere vielleicht zurückschrecken", sagt Gefas-Geschäftsführer Siegfried Unger. Nur wenn die jungen Flüchtlinge eine Arbeitserlaubnis bekommen, kann es für sie bei Reuther weiter gehen, macht er deutlich. Und nur wenn eine Lösung gefunden werde, könnte das Beispiel tatsächlicher Integration Schule machen. "Der Bedarf auf unserer Seite ist da. Wir haben eine Liste von Flüchtlingen, die sofort arbeiten oder etwas lernen würden", sagt Siegfried Unger.

Der Somalier Hamza Ahmed Aden ist froh, durch den Schweißerlehrgang Abwechslung in sein Leben zu bekommen. Der 26-Jährige wohnt inzwischen nicht mehr in der Gemeinschaftsunterkunft am westlichen Stadtrand, sondern in einer eigenen Wohnung mitten in Fürstenwalde. "Ich mag die Stadt, ich fühle mich hier willkommen und sicher", sagt er. Die Gefas half bei Umzug und Möbelbeschaffung sowie bei den Behördengängen.

Einen Beruf hat der junge Somalier eigentlich auch, er ist gelernter Schneider – eine eher filigrane Tätigkeit, für die man Geschick und Fingerfertigkeit braucht. Die hat der gut Deutsch sprechende Hamza auch, bestätigt der Gefas-Heimleiter. "Er hat uns sowohl als Dolmetscher, als auch bei der Ausbesserung von Kleidung schon sehr geholfen. Außerdem ist er ein talentierter Fußballer, spielt bei Union Fürstenwalde", lobt Sehne.

Doch in der lauten, schmutzigen Schweißer-Werkstatt ist der ehrgeizige Hamza eher ein Mann fürs Grobe. "Das macht nichts", sagt er mit einem breiten Grinsen, "denn ich habe hier eine echte Chance – und die will ich nutzen."

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