Musik

Ein Berliner komponiert eine neue Hymne für die Brandenburger

Der Kirchenmusiker Manfred Schlenker dichtete und vertonte „Der Ort, wo meine Wiege stand“. Das Stück für einen vierstimmigen Chor gehört mittlerweile längst zum offiziellen Liedgut der Mark.

Foto: Katrin Starke

Mit der inoffiziellen Brandenburger Hymne „Steige hoch, du roter Adler“ ist Manfred Schlenker nie warm geworden. Nicht nur, weil die Nationalsozialisten das Wanderlied missbraucht hätten. „Mir steckt zu viel Marschieren in der Melodie.“

Kurzerhand dichtete und vertonte der gebürtige Berliner, der heute in Hohen Neuendorf (Landkreis Oberhavel) lebt, eine neue Hymne für die Mark. Gedacht für einen vierstimmigen gemischten Chor. „Der Ort, wo meine Wiege stand“, hat der 88-Jährige das Stück betitelt. In seiner Wahlheimat am Rande Berlins gehört es längst zum offiziellen Liedgut, wird bei Festen auf dem Rathausvorplatz oder bei Chorauftritten in Kirche und Kulturhaus intoniert.

Sonnenschein, Äcker, Wälder, Sümpfe und Sand – was in dem Lied der Mark aus den 20er-Jahren Eingang fand, fehlt auch bei Schlenker nicht. Doch der Kirchenmusiker hat es nicht beim Lob der Natur belassen. Ihm sei wichtig gewesen, auch an das dunkle Kapitel Brandenburgs zu gemahnen. „Des Hasses Fackel legte Brand, des Wahnsinns Flamme loht. Die Nachbarn wurden sich zum Feind, des Unrechts Willkür triumphiert“, hat Schlenker seinen Gefühlen Ausdruck verliehen.

Bis heute erinnert er sich an das laute Dröhnen, wenn die Soldaten ihre Absätze rhythmisch aufs Pflaster knallen ließen. Seine Wehrmachtsstiefel brachten den damals gerade erst 18-jährigen jungen Mann schließlich nach Riga, dann nach Tallinn und Narva – in sowjetische Kriegsgefangenschaft. 8000 Inhaftierte fasste das letzte Lager, in das Manfred Schlenker geriet.

Im Krieg Leiter eines Gefangenenchors

Er hatte Glück, wurde wegen seiner musikalischen Vorbildung in die Kulturgruppe beordert. „Plötzlich leitete ich einen 2000 Mann starken Gefangenenchor, schrieb Gesangsstücke, baute aus dem vorhandenen Material Instrumente.“ Es ist die Musik, die Arbeit mit den Sängern, die ihn die Strapazen vergessen lassen, die vielen Jahre, die er hinter Stacheldraht verbringen muss.

Als Schlenker am 1. Januar 1950 in die Freiheit entlassen wird, hält er am Plan fest, den er schon als Zwölfjähriger fasste. „Ich wollte Kirchenmusiker werden.“ Die Mutter, eine ausgebildete Sängerin, hatte den Jungen auf die Idee gebracht, zugleich den Klavierunterricht und kleine Auftritte im Saal der Berliner Stadtmission im zweiten Hinterhof am Kaiser-Wilhelm-Platz organisiert. „Die Kirche zahlt zwar wenig, aber zuverlässig“, will sich Schlenker seine Zukunft sichern. Die heißt für ihn Thüringen. Die Berliner Wohnung ist ausgebombt, die Familie zieht zur Verwandtschaft.

Eine Leidenschaft für Johann Sebastian Bach

Vom Komponieren lässt der Organist auch nach der Gefangenschaft nicht ab – weder an seiner ersten Arbeitsstelle in Stendal, noch Jahre später als Leiter der Domkantorei in Greifswald. Kantaten und Oratorien fließen aus seiner Feder. Trotz großen Arbeitspensums in der Kirche und dem nicht minder aufregenden Familienleben mit drei Söhnen und zwei Töchtern. Unter Schlenker wird Greifswald zur Pilgerstätte von „Bachianern“.

In den 80er-Jahren organisiert der Domkantor dort die Bach-Woche, dirigiert Musiker der Komischen Oper Berlin. Freie Zeit nutzt Schlenker, um eigene Noten aufs Papier zu bringen. Der Stress – „wenn auch positiv“, wie Schlenker bemerkt – rächt sich. Mit 62 Jahren erleidet er auf der Bühne einen Herzinfarkt.

Der Kirchenmusiker muss beruflich kürzertreten. Doch zu Hause komponiert er auch weiterhin. Was Schlenker besonders reizt: „Das Lied.“ Johann Sebastian Bach setze da für ihn Maßstäbe. Der Mann in weiß gepuderter Perücke schaut Schlenker bis heute über die linke Schulter, wenn dieser kraftvoll in die Tasten seines schwarzen Flügels greift. Das gerahmte Konterfei des berühmten Thüringer Komponisten hat sich der 88-Jährige zur Inspiration an die Wohnzimmerwand in Hohen Neuendorf gehängt.

Schlenker schreibt auch für einen Verleger

„Bach hat nicht nur hochkomplizierte Werke geschrieben, sondern auch Choralstücke, also kleine, leichte Stücke.“ Für Schlenker die Bachsche Meisterleistung schlechthin. „Einfach zu schreiben, das ist die wirklich hohe Kunst.“ An der versucht sich der Musiker seit Jahrzehnten. Verse von Heine, Goethe oder Fontane nimmt er sich vor. Gerade schreibt er an einer Hommage auf den Thüringer Dichter Rudolf Baumbach (1840-1905), der sich mit „Hoch auf dem gelben Wagen“ seinen Platz in der Musikgeschichte gesichert hat.

„Avantgardistisches war nie meine Sache“, sagt Schlenker. Weder den eigenen Stil betreffend, noch wenn es um die Worte geht, die er vertonen möchte. „Allein auf die Metrik kommt es an“, wiegt Schlenker einen Gedichtband von Goethe in der Hand. „Der ist mir viel lieber als Fontane. Goethe ist sinnfälliger, Fontane wechselt oft den Takt.“ Trotzdem hat er dem Wanderer durch die Mark Brandenburg die Freundschaft nicht aufgekündigt: „Dann dauert es bei der Melodiesuche eben ein wenig länger, geht das Komponieren nicht ganz so leicht von der Hand.“

Für die Schublade schreibt Schlenker keinesfalls. Längst hat ihn ein Verleger entdeckt, er hat zwei Kartons, gefüllt mit mehr als 60 Manuskripten, in die Druckerei gebracht. „Die Chöre aus Hohen Neuendorf und Stolpe schöpfen reichlich daraus“, sagt Schlenker mit leisem Stolz.