Wissenschafts- und Kulturministerin Sabine Kunst (parteilos) will die Hochschulstrukturen in Brandenburg reformieren. Die Berliner Morgenpost sprach mit ihr auch über die Probleme beim Bau der Synagoge in Potsdam, über den ersten jüdisch-theologischen Studiengang an einer staatlichen Hochschule und den umstrittenen Wiederaufbau der Garnisonkirche.
Berliner Morgenpost: Frau Kunst, in Brandenburg wird derzeit heftig über Neuausrichtungen in der Hochschulpolitik gestritten. Ist eine Fusion der Universität Cottbus und der Fachhochschule Lausitz wirklich unumgänglich?
Sabine Kunst: Ja. Der Brandenburgische Landtag hat die Neugründung der BTU Cottbus-Senftenberg ganz klar beschlossen. Zum 1. Juli werden die Universität Cottbus und die Fachhochschule Lausitz zur „Brandenburgischen Technischen Universität Cottbus-Senftenberg“ zusammengeführt, noch vor dem im Herbst beginnenden Studienjahr 2013/14. Der Standort Senftenberg wird als – wie auch die Cottbuser Standorte – als Campus bleiben und ein sichtbares Profil erhalten.
Tausende haben in den vergangenen Monaten in der Lausitz gegen den Plan demonstriert. Dabei wurde Ihr Rücktritt gefordert. Der Vorwurf: Sie sparen zu Lasten der Region, der Mitarbeiter und der Studierenden.
Es geht nicht darum, Geld zu sparen. Die Gründe für die Neugründung sind ganz andere: Es geht darum, die Zukunft der Hochschullandschaft in Brandenburg zu sichern. Die Hochschulen müssen wettbewerbsfähig bleiben. In den berlinfernen Regionen werden künftig weniger Menschen leben. Wollen wir dort genügend Studierende haben, muss das Studienangebot über die Region hinaus attraktiv sein. Um die Hochschulregion in Forschung und Lehre attraktiver zu machen, investieren wir übrigens zehn Prozent mehr Geld in der Lausitz.
Womit wollen Sie Studenten für die geplante Lausitz-Universität interessieren?
Es ist geplant, dort eine Durchlässigkeit zu schaffen, wie es sie bisher noch an keiner Hochschuleinrichtung in Brandenburg gibt. Die Universität will sich für Studierende ohne Hochschulzugangsberechtigung öffnen und sich noch stärker mit der Wirtschaft verzahnen. So können Ingenieure in Betrieben, die sich zum Beispiel auf Mikrotechniken spezialisieren wollen, an der Lausitz-Uni ihren Masterabschluss machen. Man wird die Chancen der Lehren aus dem Braunkohleabbau nutzen und sich auf Energieforschung konzentrieren. Die Uni will auch verstärkt Studiengänge zu Gesundheit und Pflege anbieten. Damit leistet sie einen entscheidenden Beitrag zur Akademisierung der Pflegeberufe.
Brandenburg gibt im Bundesvergleich pro Studierenden an der Universität das wenigste Geld aus, die Fachhochschulen befinden sich bei der finanziellen Ausstattung im Mittelfeld. Wie können Sie das vertreten?
Dass ich gerne mehr Geld für die Hochschulen hätte, will ich nicht verhehlen. Doch wenn das Land ab kommenden Jahr keine neuen Schulden mehr machen will, muss auf die Finanzen geachtet werden. Bei den Fachhochschulen stehen wir zumindest finanziell im Vergleich der Bundesländer recht gut da. Noch nicht zufriedenstellen kann uns die Situation an den Universitäten. Im Haushaltsentwurf 2013/14 ist bereits zusätzlich Geld vorgesehen. Ich werde am Ende daran zu messen sein, wie sich das Delta über die Zeit schließt.
Wollen Sie weitere Hochschulen zusammenlegen?
Nein. Das wird nicht nötig sein. In weniger als einem Jahrzehnt ist die Zahl der Studierenden um ein Fünftel gestiegen. Ich bin optimistisch, dass Brandenburg dauerhaft die Zahl von 50.000 Studierenden halten kann. Vorausgesetzt, das Angebot stimmt. Brandenburg profitiert auch vom Bewerberansturm in Berlin. Die Nachfrage in Potsdam ist extrem, in Frankfurt/Oder ist sie gut.
Fast ein Drittel der Studenten in Brandenburg kommt aus Berlin. Viele Märker studieren in der Hauptstadt. Was kann sich noch verbessern in der Zusammenarbeit mit Berlin?
Die Zusammenarbeit läuft im Wissenschaftsbereich sehr gut. Allerdings würde ich mir wünschen, dass noch mehr Forschungseinrichtungen in Berlin und Brandenburg gemeinsam an Zukunftsthemen arbeiten. Dazu zählen beispielsweise Ernährungssicherung und Energie.
Der Brandenburger Landtag hat jetzt den Weg für die erste jüdisch-theologische Einrichtung einer staatlichen Universität in Deutschland frei gemacht. Die Opposition von CDU und Grünen hatte einen Staatsvertrag dafür gefordert, der die Finanzierung regelt.
Die Gründung der „School for Jewish Theology“ der Universität Potsdam ist eine historische Weichenstellung für ein europaweit beachtetes Modell. Bisher gibt es jüdisch-theologische Studiengänge an Universitäten in Deutschland nicht. Die jüdische Theologie wird damit nach fast 200 Jahren als Fach in der Universität etabliert und soll in Zusammenarbeit mit dem Abraham-Geiger-Kolleg mit fünf Professuren im Wintersemester an den Start gehen. Für einen Staatsvertrag einen Verhandlungspartner zu finden, wäre sicherlich langwierig. Die jüdische Theologie wird daher voraussichtlich über einen öffentlich-rechtlichen Vertrag abgesichert.
Werden dort nur Rabbiner ausgebildet?
Nein, auch andere Interessierte können an dem Studiengang teilnehmen. Es gibt ja bereits Jüdische Studien an der Universität Potsdam. Allein für die zusätzlichen theologischen Professuren stellt das Land noch einmal über eine halbe Million Euro zur Verfügung.
In Brandenburg steht keine einzige Synagoge. Seit mehreren Jahren hält das Land knapp fünf Millionen Euro für den Bau in Potsdam bereit, die Stadt hat auch das Grundstück kostenlos zur Verfügung gestellt. Woran scheitert es?
Es gibt unterschiedliche Positionen innerhalb der jüdischen Gemeinden. Die Synagogengemeinde möchte eher den sakralen Charakter des Gebäudes betont sehen, die jüdische Gemeinde die Funktion eines Gemeindezentrums. Wir brauchen viel Geduld, das Gespräch weiter zu moderieren. Die Lösung muss am Ende von allen Seiten getragen werden. Bis zum Sommer sind vier weitere Gespräche geplant. Eigentlich hätte mit dem Bau bereits vor zwei Jahren begonnen werden können, die Synagoge neben dem neuen Landtag in der Stadtmitte stünde kurz vor der Fertigstellung.
Der Förderverein hat das Land jetzt aufgefordert, den Vertrag mit dem Architekten Haberland zu kündigen. Also alles wieder auf Start?
Das Rad muss nicht noch mal völlig neu erfunden werden. Der Grundentwurf steht.
Wie lange hält das Land seine Förderzusage noch aufrecht?
Wir bleiben bei unserer Zusage – und setzen darauf, dass sich die jüdischen Gemeinden in absehbarer Zeit über die Gestaltung ihrer Synagoge einigen werden.
In Potsdam soll auch die Garnisonkirche wieder aufgebaut werden. Wie stehen Sie zu dem Vorhaben der evangelischen Stiftung unter Altbischof Wolfgang Huber?
Sagen wir mal so: Es gibt viel Für und Wider. Für das Stadtbild und als ein Zeichen für Versöhnung kann es von zentraler Bedeutung sein. Es wird sich natürlich noch zeigen, ob diejenigen, die den Wiederaufbau planen, dieses Projekt auch wirklich finanziell stemmen können.
Sind Sie jetzt dafür oder dagegen?
Wie ich schon sagte: Allein zum Gedenken an den Tag von Potsdam braucht Brandenburg nicht den Wiederaufbau dieser Kirche. Aber ich kann die Anliegen, die sich mit dem Bau verbinden, Friedens- und Versöhnungsarbeit und auch die städtebauliche Bedeutung durchaus nachvollziehen.
Bis 2011 waren Sie Präsidentin der Universität Potsdam. Im Herbst 2014 wird in Brandenburg neu gewählt. Stünden Sie als Ministerin erneut bereit oder bereuen Sie Ihren Wechsel in die Politik?
Ich stehe wieder zur Verfügung, wenn der Ministerpräsident das auch möchte. Wissenschafts- und Kulturministerin in Brandenburg zu sein, ist eine spannende und sehr vielfältige Aufgabe. Es reizt mich schon, weiter mitzugestalten.



