Sie sind enttäuscht, viele auch verzweifelt. Mindestens ein Jahr lang absolvierten sie ein Praktikum in einer Kita und lernten für die Prüfung zum staatlich anerkannten Erzieher am Feierabend. Alles vergebens. In der Uckermark zum Beispiel bestanden von 36 Teilnehmern nur vier die Prüfung. Ähnlich sieht es in Strausberg oder Cottbus aus. Das Desaster zieht sich durch ganz Brandenburg.
Die Arbeitsagentur steht mit ihrem bundesweiten Vorhaben, Arbeitslose zu Erziehern umzuschulen, in der Kritik. Vor allem frühere Schlecker-Verkäuferinnen sollen bei entsprechender Eignung damit eine neue Perspektive erhalten. In manchen Bundesländern läuft ein solches Projekt bereits. Es stellte sich als Misserfolg heraus. Mehr als 70 Prozent der Quereinsteiger scheiterten in Brandenburg in diesem Jahr an den schwierigen Prüfungen. Die Konsequenz: Frustrierte Umschüler und ein hoher finanzieller Schaden für die Arbeitsagenturen, der sich auf mindestens 954.000 Euro beläuft.
Das Ergebnis ist vielen ein Rätsel
Es fielen in diesem Jahr fast drei Viertel der teilnehmenden 150 Frauen und Männer in Brandenburg durch. 106 von ihnen bestanden die Prüfung nicht. Stephan Breiding, Sprecher der brandenburgischen Bildungsministeriums, sagt: „Für uns ist das Ergebnis auch ein Rätsel.“ Im Jahr davor ließen sich 77 Teilnehmer zu staatlich anerkannten Erziehern umschulen, da fiel nur jeder Fünfte durch. Das Ministerium sei dabei, die diesjährigen Ergebnisse zu überprüfen.
Die am Ende ihrer Ausbildung gescheiterten Erzieher erheben schwere Vorwürfe. Manche drohen mit rechtlichen Schritten. Sie mutmaßen, man habe sie gezielt durchfallen lassen. „Man hat die Zulassungsbedingungen erschwert und die Prüfungsbedingungen verändert“, sagte etwa Julia Winkler aus dem uckermärkischen Angermünde der „Märkischen Oderzeitung“. Die staatlich geprüfte Kinderpflegerin war mit ihrem Mann von Bayern in ihre uckermärkische Heimat zurückgekehrt und wollte sich hier eine neue berufliche Zukunft aufbauen. Da ihr Abschluss nicht ausreicht, um hier als Erzieherin zu arbeiten, investierte sie viel Zeit in ihre Weiterqualifizierung. Wie viele andere Betroffene glaubt die junge Mutter, dass es eine Anweisung aus dem Bildungsministerium an die prüfenden Fachschulen gegeben habe, möglichst viele scheitern zu lassen. Aber weshalb? Die Durchgefallenen verweisen auf angebliche qualitative Unterschiede zwischen der Ausbildung an staatlichen Schulen und der Ausbildung bei freien Trägern. Sie haben eine Petition an den Landtag verfasst. Darin heißt es: „Wir können nicht zum Spielball der politischen Interessen gemacht werden.“
Alle 17 Prüfungen bestehen
Ministeriumssprecher Stephan Breiding weist diesen Vorwurf vehement zurück. „Das sind Verschwörungstheorien, da ist absolut nichts dran“, sagt Breiding. „Die Prüfungsbedingungen haben sich nicht geändert.“ Um das Problem des Personalmangels etwas abzufedern, habe das Bildungsministerium vor zwei Jahren zusätzlich eine neue Kita-Personalverordnung in Kraft gesetzt. Sie öffnet eigens auch Seiteneinsteigern die Tür in den Beruf. Die Kita-Träger durften von da an Mitarbeiter einstellen, die sich parallel zum Erzieher umschulen lassen. Die Ausbildung bei privaten Bildungsträgern dauert – je nach vorheriger Qualifikation – ein bis zwei Jahre. Die reguläre Ausbildung hingegen umfasst drei Jahre.
„Es könnte sein, dass viele die Ausbildung auf die zu leichte Schulter nahmen“, sagt Sprecher Breiding. Auch in Berlin sind die Durchfaller-Quoten hoch. Den Seiteneinsteigern wird viel abverlangt: Die angehenden Erzieher mussten 17 Prüfungen absolvieren, darunter 14 mündliche Prüfungen. Der Prüfungsmarathon habe seine Gründe, sagt Breiding. Denn anders als bei der regulären Erzieherausbildung schreiben die sogenannten „Nicht-Schüler“ keine Klausuren und können damit keine Noten einbringen. Sie müssen ihre Kenntnisse deshalb allein in den Prüfungen unter Beweis stellen. Wenn sie eine davon nicht bestehen, sind sie durchgefallen. Laut Verordnung darf die Prüfung erst ein Jahr später wiederholt werden.
Kosten von 8900 Euro pro Teilnehmer
Beim Berufsbildungswerk in Angermünde sorgten die Ergebnisse am Oberstufenzentrum Bernau für Entsetzen. Die Teilnehmer seien gut vorbereitet worden, sagt die dortige Geschäftsführerin Susann Höft. Die Hoffnung aller ist, dass die Tests wiederholt werden dürfen. Inzwischen hat sich auch der Bundesverband der Erzieher eingeschaltet. „Die Sache stinkt“, sagt der Vizevorsitzende Axel Langner. Auch er glaubt, dass Quereinsteiger nicht gewollt sind. Die Arbeitsagenturen als Geldgeber verlangen ebenfalls Rechenschaft. Die Chefin der Eberswalder Arbeitsagentur, Dagmar Brendel, hat einen Runden Tisch angeregt, dieser Forderung schließt sich die Arbeitsagentur Frankfurt (Oder) an. Die Agentur in Eberswalde investierte rund 400.000 Euro in die Förderung der Erzieher-Ausbildung. In Frankfurt, das auch für Strausberg zuständig ist, waren es knapp 180.000 Euro. „Pro Teilnehmer belaufen sich die reinen Lehrgangskosten auf 8900 Euro“, sagt der Frankfurter Behördensprecher Andreé Schulz. „Dazu kommen Fahrtkosten und je nach Bedarf Kinderbetreuungskosten.“
Faire Chance für alle gefordert
Schulz zeigt sich aber nicht nur deshalb erschüttert. „Neun von 19 Teilnehmern in Strausberg hatten nach ihrem Abschluss einen Arbeitsplatz in Aussicht.“ Der CDU-Landtagsabgeordnete und Vizevorsitzende des Petitionsausschusses, Henryk Wichmann, fordert jetzt eine „faire Chance“ für die Teilnehmer. Seiner Ansicht nach gab es Abstimmungsschwierigkeiten zwischen Ministerium, Arbeitsagentur und Bildungsträgern. „Die hohe Durchfaller-Quote ist nicht zu akzeptieren“, sagt auch der Linke-Abgeordnete Jürgen Maresch. Die Grünen im Landtag verlangen ebenfalls Aufklärung. Das Ministerium will nicht ausschließen, dass die Prüflinge eine neue Chance bekommen. Wie verfahren werde, hänge vom Ergebnis der derzeitigen Analyse ab.
Brandenburg benötigt zusätzliche Erzieherinnen und Erzieher. Vor zwei Jahren wurde der „Betreuungsschlüssel“ in den Kitas erhöht. Er ist im Bundesvergleich aber immer noch viel zu niedrig: Derzeit betreut hier eine Erzieherin sechs Kinder im Alter bis zu drei Jahren in einer Gruppe, bei den Älteren müssen sich zwölf Kinder eine Erzieherin teilen.


