Sie erinnern sich an alles. An die Schreie. Das Klackern der Türen. Die Dunkelheit. Die Kälte, die noch immer da unten ist, im Keller der Leistikowstraße 1. Von 1945 bis weit in die 1980er-Jahre hat der sowjetische Geheimdienst in dem ehemaligen Pfarrhaus unweit des Schlosses Cecilienhof in Potsdam Menschen unter grausamen Bedingungen gefangen gehalten. Einige von ihnen sind jetzt an den Ort des Schreckens zurückgekehrt. In dem einstigen Gefängnis des sowjetischen Geheimdienstes KGB wurde am Mittwoch im Beisein von Hunderten Gästen die neue Dauerausstellung zur Erinnerung an die Opfer des Stalinismus eröffnet. Über 900.000 Euro haben Bund und Land in die Ausstellung investiert. Doch nicht alle Opfer sind mit der Gestaltung der Gedenk- und Begegnungsstätte einverstanden. So war deren Eröffnung von Protesten begleitet.

"Schicksale zu wenig beleuchtet"

Nach dem Abzug der sowjetischen Streitkräfte aus Ostdeutschland 1994 hatten sich zunächst ein Gedenkstättenverein sowie eine Zeitzeugeninitiative um das Haus gekümmert. Sie rückten die Geschichte des 1916 erbauten Gebäudes inmitten eines lange hermetisch abgeschlossenen Militärareals in das öffentliche Bewusstsein. Im Jahr 2008 wurde die Stiftung Gedenk- und Begegnungsstätte Leistikowstraße gegründet. Sie wird von der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten treuhänderisch verwaltet.

Gedenkstättenverein und Zeitzeugen-Initiative werfen der Stiftung vor, die Dramatik der Häftlingsschicksale zu wenig in den Vordergrund zu stellen. Stattdessen habe sie aus dem Haus ein „KGB-Museum“ gemacht. Es seien auch bauliche Veränderungen vorgenommen worden, womit der Ort nicht mehr authentisch sei. Der Streit eskalierte vier Wochen vor der Eröffnung: Ein früherer Häftling griff Gedenkstättenleiterin Ines Reich tätlich an.

Offensichtlich gehen die Erwartungen auseinander, sagte Reich am Rande der Ausstellungseröffnung. „Wir wollten ein modernes zeithistorisches Museum, andere eher ein Mahnmal.“

Kühler Umgang mit Opfern vorgeworfen

Für die Zeitzeugen-Initiative erklärte hingegen der frühere KGB-Häftling Bodo Platt: „Ziel war, uns auszugrenzen.“ Betroffene und ihre Mitkämpfer wie die ehemalige Bürgerrechtlerin Vera Lengsfeld forderten bei einer Pressekonferenz in der Villa Quandt den Rücktritt von Gedenkstättenleiterin Reich. Ihr wird vor allem der kühle Umgang mit Opfern vorgehalten. Der Hauptvorwurf lautet denn auch: In der Ausstellung fehle „der Mensch“.

Gegenüber dem Eingang bildete sich am Mittwoch eine Menschenkette. „Ignoranz und Arroganz statt Empathie“ war auf einem der vielen Plakate zu lesen. Als um 14 Uhr die Eröffnungsreden vor der Gedenkstätte gehalten wurden, blieb der Applaus zunächst spärlich. Den ersten Beifall erhielt Brandenburgs Ministerpräsident Matthias Platzeck (SPD). Dabei werfen Opferverbände dem Regierungschef seit Bildung der rot-roten Regierung im Herbst 2009 eine unzureichende Auseinandersetzung mit der Vergangenheit vor. Überraschend macht Platzeck aber deutlich: „Dass eine Gruppe der Zeitzeugen nicht mehr an der Debatte über die Konzeption der Ausstellung beteiligt ist, kann uns nicht zufriedenstellen.“ Dabei handele sich gerade um jene Zeitzeugen die sich jahrelang „als empathische und kompetente Ansprechpartner für die Opfer des Stalinismus erwiesen haben“. Ihrem Engagement sei es zu verdanken, dass die Geschichte des Ortes wach gehalten wird. „Die Eröffnung der Ausstellung ist ein guter Tag für ganz Deutschland“, sagte Platzeck. Er schloss nicht aus, dass das umstrittene Konzept noch verändert werden könnte. Kulturstaatsminister Bernd Neumann (CDU) sagte, das Gebäude dokumentiere „als einziger authentisch erhaltener Haftort das brutale Regime des sowjetischen Militärgeheimdienstes in der Sowjetischen Besatzungszone und in der späteren DDR.“ Auf 1000 Quadratmetern sind etwa 400 Fotos und Dokumente zu sehen. 50 Häftlingsschicksale werden exemplarisch dargestellt. Unter den Zeitzeugen, die in der Ausstellung zu Wort kommen, ist Friedrich Klausch. Er war 18 Jahre alt, als ihn der sowjetische Geheimdienst am 6. April 1948 an der Sektorengrenze verhaftete. Weshalb, das weiß er bis heute nicht. Sie brachten den angeblichen Spion in die Leistikowstraße 1.

Quälende Erinnerungen

Der heute 83-Jährige muss sich überwinden, um in den Keller hinunter zu steigen. Seine Zelle war die ganz hinten, links von der Eingangstür. Als er unten steht und in die Kameras blickt, kommt die Erinnerung blitzartig zurück: Wie er bei jedem Geräusch denkt, sie wollen ihn wieder holen. Zum Verhör. Wie leer sein Kopf mitunter ist. Stundenlang sinnt er darüber nach, wie man ich schreibt – mit ch oder sch. Wenn durch das Gitter des winzigen Fensters eine Fliege den Weg zu ihm findet, fängt er an, mit ihr zu sprechen.

Klausch lebt heute in Mainz und will nur eines: Dass alle erfahren, was damals passiert ist. Und keiner es je vergisst.