Die Ermittlungen im Mordfall Brigitte Scholl aus Ludwigsfelde (Teltow-Fläming) dauern nach rund vier Wochen zwar noch an, doch das Ergebnis bedeutet für die 25.000-Einwohner-Stadt einen Paukenschlag. Die Staatsanwaltschaft Potsdam hat am Mittwoch einen Haftbefehl gegen ihren Ehemann, den ehemaligen Bürgermeister Heinrich Scholl (SPD), erlassen und vollstreckt. Der 68-Jährige stehe angesichts der Ermittlungsergebnisse unter dem dringendem Tatverdacht, seine Ehefrau ermordet zu haben, bestätigte Ralf Roggenbuck, Sprecher der Staatsanwaltschaft Potsdam. Als Mordmerkmal nannte der Justizsprecher Heimtücke. Offenbar ahnte Brigitte Scholl bis zuletzt nichts von den Absichten ihres Ehemannes. Wie berichtet, war die 67-Jährige am 30. Dezember 2011 in einem Waldstück zwischen Siethen und Ludwigsfelde tot aufgefunden worden. Auch ihr innig geliebter hellbrauner Cockerspaniel „Ursus“ wurde neben der mit Zweigen bedeckten Leiche entdeckt.

Nähere Angaben zum Motiv, zu den Hintergründen und was die Ermittler konkret auf den früheren Kommunalpolitiker gebracht haben, wollte die Strafverfolgungsbehörde nicht machen. Grund: Die Ermittlungen dauern noch an, weiterhin seien von den Ermittlern „zahlreiche Puzzlestücke“ zusammenzusetzen. Etwa 40 Hinweise aus der Bevölkerung hatte die Kriminalpolizei erhalten, hieß es lediglich. Selbst die Frage, wie Scholl auf den Tatvorwurf des Mordes reagiert habe, ließ Roggenbuck unbeantwortet.

Kripo durchsucht Wohnhaus

Die Kriminalpolizei hatte noch am Mittwoch die Doppelhaushälfte der Scholls in der Walter-Rathenau-Straße und Nebengebäude mehrere Stunden lang mit einem Großaufgebot von Beamten durchsucht. Offenbar sollten in dem Wohnhaus noch weitere Beweise und Spuren gesichert werden. Dies wiederum könnte darauf hinweisen, dass sich der 68-Jährige zu den gegen ihn erhobenen Vorwürfen nicht geäußert hat beziehungsweise die Bluttat abstreitet. An der Spurensuche waren auch Kriminaltechniker beteiligt. Mehrere Kisten mit Beweismitteln wurden am späten Nachmittag abtransportiert. Zu diesem Zeitpunkt war Heinrich Scholl bereits längst auf dem Weg in die Untersuchungshaft. „Wir sind geschockt und fassungslos“, sagte der stellvertretende Bürgermeister René Böttcher auch im Namen von Rathauschef Gerhard Frank (SPD). „Das kann man gar nicht in Worte fassen.“ Die Reaktion ist nachvollziehbar. Immerhin hatte ein mutmaßlicher Mörder die Geschicke Ludwigsfeldes 18 Jahre lang mitgestaltet.

Ehefrau vermisst gemeldet

Einen Tag vor Silvester hatten Polizeibeamte bei ihrer akribischen Suche in einem Wald östlich des Stadtzentrums das Mordopfer entdeckt. Auslöser für diese Suche war die Vermisstenanzeige, die Heinrich Scholl selbst einen Tag zuvor erstattet hatte. Seine Frau sei mit Auto und Hund unterwegs gewesen und in der Nacht zuvor nicht mehr heimgekehrt, hatte Scholl den Beamten gegenüber zu Protokoll gegeben. Der Leichnam soll schrecklich entstellt gewesen sein, hatten Nachbarn hinter vorgehaltener Hand berichtet. Erst einen Tag nach der Entdeckung der Toten wurde der von ihr benutzte silberfarbene Mercedes der C-Klasse mit dem Kennzeichen TF - BS 900 vor einem Mehrfamilienhaus an der Maxim-Gorki-Straße entdeckt. Die Wahrscheinlichkeit eines Raubmordes erschien damit bereits geringer. Der Wagen wurde von der Polizei beschlagnahmt und aufwendig auf Spuren untersucht.

Die Identität des Mordopfers wurde erst am 3. Januar von der Polizei bestätigt, nachdem eine DNA-Analyse vorlag. Doch noch Tage später hieß es seitens der Staatsanwaltschaft, dass der Ehemann des Opfers nicht tatverdächtig sei. Ebenso wurde ein Zusammenhang mit einem Korruptionsverfahren gegen den Ex-Bürgermeister von der Polizei nicht bestätigt. Gegen Heinrich Scholl und den Landrat von Teltow-Fläming, Peer Giesecke (SPD), ermittelte die Staatsanwaltschaft Neuruppin. Noch im Januar sollte Anklage gegen die beiden Politiker erhoben werden, weil sie sich angeblich von einem Investor jeweils zu teuren Essen im Wert eines vierstelligen Betrages einladen ließen. Es stand der Verdacht der Vorteilsannahme im Raum. Beide Beschuldigte hatten die Vorwürfe jedoch bestritten. Warum Heinrich Scholl nicht zur Identifizierung seiner toten Frau aufgefordert wurde, blieb zudem lange ein Geheimnis.

Bereits die Nachricht vom gewaltsamem Tod der 67-jährigen Brigitte Scholl, die einen Kosmetiksalon führte und sich in sozialen Projekten engagierte, hatte die Bevölkerung der Kleinstadt Ludwigsfelde schwer schockiert. Zahlreiche Ludwigsfelder hatten ihre Trauer mit dem Niederlegen von Blumen und Kerzen am Wohnhaus bekundet. Als in einem Bestattungsinstitut ein Kondolenzbuch ausgelegt wurde, bildeten sich davor zwei Tage lang Schlangen. Erst am vorigen Sonnabend wurde Brigitte Scholl in Ludwigsfelde beigesetzt.