Martin K. ist richtig böse geworden. Da hatte er sich für ein Schnäppchen, wie der Berliner meinte, eine nagelneue Marken-Waschmaschine in der polnischen Grenzstadt Kostrzyn gekauft. Und dann streikte seine Neuanschaffung gleich beim zweiten Waschgang. Das Geschäft im Nachbarland stellte sich stur. Tenor: Eventuelle Mängel hätte K. binnen drei Tagen geltend machen müssen. In seiner Not wandte der sich an das deutsch-polnische Verbraucherschutzzentrum in Frankfurt.
„Wir sind mit ihm zu diesem Geschäft gefahren und haben die Sache geklärt“, sagt Chefberaterin Katarzyna Trietz. Der 37 Jahre alten Juristin macht so leicht keiner etwas vor. Genau wie ihre beiden Mitstreiter hat die gebürtige Polin an der Frankfurter Europa-Universität „Viadrina“ deutsches und polnisches Recht studiert und kennt sich aus mit Regeln und Gesetzen in beiden Nachbarländern. „Ich habe dem Verkäufer klar gemacht, dass die Fristen für Reklamationen länger sind – in beiden Ländern. So haben wir die Sache geklärt.“ Der Bedarf einer deutsch-polnischen Verbraucherberatung, die kostenlos arbeitet, steige ständig, sagt Trietz. Nach ihren Angaben wurden im „Konsument“-Verbund im vergangenen Jahr knapp 2800 Anfragen bearbeitet, ein Drittel davon waren individuelle Beratungsgespräche. Im Jahr 2006 gab es knapp 200 Verbraucheranfragen. Nicht immer ist persönliches Erscheinen notwendig, oft hilft schon ein klärendes Telefonat, sagt Katarzyna Trietz und verweist auf eine Erfolgsquote ihres Zentrums von immerhin 80 Prozent bei außergerichtlichen Einigungen. Seit dem Jahr 2006 sind die drei „Viadrina“-Juristen für die Verbraucher da, zunächst vorwiegend für Deutsche, seit dem Jahr 2009 verstärkt auch für Polen.
Beratung mit ungewisser Zukunft
Pauschal könne man Deutschlands östliches Nachbarland längst nicht mehr als Schnäppchenparadies abtun. „Schnäppchen können deutsche Kunden in Polen vor allem bei Dienst- und Handwerkerleistungen aller Art machen, weil die Lohnkosten im Nachbarland nach wie vor niedriger sind.“ Für die Deutschen ist es nicht zuletzt das billigere Benzin, für Polen sind Urlaubsreisen preisgünstiger, wenn sie die in Deutschland buchen. Wer detaillierte Informationen wünscht kann auf der Internetseite des Zentrums unter www.konsument-info.eu nachschauen. Dort gibt es für jeden Monat einen aktuellen Preisvergleich. Die notwendige Zuarbeit aus Polen erhält das Frankfurter Zentrum von den beiden Büros in Gorzow und Zielona Gora.
Im Rahmen des EU-geförderten, bundesweit einmaligen Projekts „Konsument“ kooperiert die Brandenburger Verbraucherzentrale dabei seit zwei Jahren mit der polnischen Federacja Konsumentow, der größten Verbraucherschutzorganisation im Nachbarland. „Die Zusammenarbeit hat sich bewährt. Wo wir im polnischen Recht nicht weiterkommen, fragen wir unsere Kollegen – ebenfalls zweisprachige Juristen – jenseits der Grenze und umgekehrt“, resümiert Trietz.
Die EU-Förderung für das binationale Beratungs-Projekt läuft allerdings Ende des Jahres aus. Der Antrag für eine Verlängerung ist gestellt, die Aussichten sind nach Ansicht von Rainer Radloff, Geschäftsführer der Brandenburger Verbraucherzentrale, „nicht rosig“. Angedacht ist deshalb die Gründung eines Fördervereins, der sich um die Finanzen kümmern soll und in den auch die regionale Wirtschaft eingebunden werden soll. Doch noch ist die Zukunft ungewiss. „Den Hauptteil unserer Arbeit machen inzwischen rechtliche Beratungen und die Hilfe bei Reklamationen aus“, sagt Trietz, die auf den steigenden Konsumtourismus verweist. Ein Drittel der Anfragen kommt aus Berlin. Laut Radloff haben die Hauptstadt und auch Sachsen sowie Mecklenburg-Vorpommern Interesse am Brandenburger Pilotprojekt gezeigt.
Internet-Käufe vergrößern die Nachfrage
„Wir beraten längst nicht mehr nur in der Region. Verbraucher melden sich aus Süddeutschland genauso wie aus Nordostpolen. Das liegt vor allem an der wachsenden Zahl von Internet-Käufen.“ Deutsche Verbraucher erkundigen sich beispielsweise, bevor sie eine Immobilie in Polen erwerben, ihre Zähne dort behandeln lassen oder sie suchen Hilfe, wenn sie sich eine Treppe haben von einer polnischen Firma bauen lassen, die nun bei entdeckten Mängeln nicht dafür gerade stehen will. Es sei interessant, mit zwei im Detail doch recht unterschiedlichen Rechtssystemen zu arbeiten. „Wenn man sich in beiden gut auskennt, kann man die jeweils für den Verbraucher günstigsten Regelungen anwenden“, sagt Beraterin Katarzyna Guzenda, deren Angaben nach sie und ihre Kollegen auch schon Strafanzeigen gestellt hätten – wegen unerlaubten Medikamentenverkaufes und wegen Betruges durch einen Veranstalter berüchtigter „Kaffeefahrten“, für die ihren Angaben nach jetzt verstärkt gutgläubige Teilnehmer aus Polen geworben werden.
Ansonsten suchten Polen vor allem bei Gebrauchtwagenkäufen in Deutschland Rat bei Reklamationen. Das Thema Auto sei jedoch auch bei deutschen Verbrauchern sehr gefragt, so dass die Frankfurter Berater dazu schon einige Vorträge gehalten haben. „In der Tat lassen sich beim Neuwagenkauf in Polen einige tausend Euro sparen – was den Grundpreis betrifft“, erklärt die Juristin Trietz. Allerdings gebe es Unterschiede in der „Standardausstattung“, dass heißt: „Was in Deutschland schon inklusive ist, muss in Polen häufig dazu gekauft werden, beispielsweise Klimaanlage, Soundsystem, Einparkhilfe.“




