Brandenburg

So jagt die Soko "Grenze" Autodiebe

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Jeanette Bederke

Foto: picture-alliance/ dpa

Die Polizei-Sonderkommission "Grenze" jagt Autodiebe auf Brandenburgs Straßen. Sie bringen bis zu 80 Prozent der gestohlenen Fahrzeuge über den Raum Frankfurt (O.) nach Osten.

Im langsamen Tempo fährt Ralf Kant mit seinem Wagen über die nachtleeren Straßen im Landkreis Barnim. Er ist hellwach, hält Ausschau nach hochwertigen Fahrzeugen mit ortsfremden Kennzeichen. „Deutsche Marken wie VW Passat, VW T4 oder T5, Audi A6, BMW X5 sowie Luxuslimousinen von Porsche stehen derzeit bei Autoklauern hoch im Kurs“, sagt der erfahrene Polizeikommissar. Prüfend mustert er einen entgegenkommenden Wagen mit Offenbacher Kennzeichen. Dann winkt der Polizeikommissar ab. „Das war ein Mini, so was ist nicht gefragt.“

Kommt dem Zivilfahnder doch ein Fahrzeug verdächtig vor, so alarmiert er über Funk seine uniformierten Kollegen, die den Wagen bei nächstbester Gelegenheit kontrollieren. In dieser Nacht wird er jedoch nicht fündig. Die Zahl der Autos auf den Straßen ist niedrig, Kants Riecher schlägt nicht an. „Das ist unser Alltag, richtig harte Arbeit, zermürbendes Warten“, sagt der Ermittler, der sich regelmäßig die Nächte um die Ohren schlägt und auch die am Straßenrand parkenden Fahrzeuge argwöhnisch beäugt. „Ich würde meinen Wagen über Nacht nicht so stehen lassen, sondern lieber auf das abgeschlossene Grundstück stellen.“

Wobei Autodiebe längst nicht nur im Schutze der Dunkelheit aktiv werden. „Erst in dieser Woche sind tagsüber auf dem Parkplatz vor dem Eberswalder Finanzamt mehrere Fahrzeuge verschwunden.“ Fahnder und Ermittler der Polizei schwören inzwischen auf sogenannte Unterbrechungsschalter. Die kann sich jeder Autobesitzer für 50 bis 100 Euro einbauen lassen. „Diese Schalter werden versteckt installiert. Sie unterbrechen den kompletten Stromkreislauf, Diebe kommen damit also nicht weit“, sagt Martin Wentorf, Chef der Polizei-Sonderkommission „Grenze“, die sich seit vergangenem Herbst dem Kampf gegen den Autodiebstahl in Brandenburg verschrieben hat.

Die tägliche Arbeit der Ermittler ist inzwischen „echt gefährlich“ geworden, wie Wentorf betont. Denn die Autoschieber werden immer aggressiver, rammen Polizeiwagen, die sich ihnen entgegen stellen, liefern sich halsbrecherische Verfolgungsjagden mit den Polizisten, ebenso mit den Kollegen von Zoll und der Bundespolizei, bauen Unfälle.

Der Autodiebstahl habe im vergangenen Jahr im Vergleich zu 2007 um 250 Prozent alarmierend zugenommen, bilanzierte Innenminister Dietmar Woidke (SPD) erst vor Kurzem. 309 Fahrzeuge verschwanden im vergangenen Jahr allein aus dem Frankfurter Stadtgebiet – Tendenz steigend. 38 Autos waren es allein im Januar dieses Jahres, im Vergleichsmonat des Vorjahres nur 15. Allerdings hat die Polizei in diesem Jahr laut Wentorf auch schon 110 geklaute Autos sichergestellt und immerhin 100 Täter festgenommen. Die Bedingungen für Diebe sind nahezu ideal: Gerade einmal eine halbe Minute brauchen Profis, um ein Auto aufzubrechen, die elektronische Wegfahrsperre auszuschalten und das Fahrzeug zu starten. „Wir haben es täglich mit organisierter Kriminalität auf höchstem technischen Niveau zu tun“, sagt Hanjo Loose, Leiter der Frankfurter Polizeiwache.

Ist der Wagen erst geknackt, fährt man binnen weniger Minuten über die Stadtbrücke nach Polen. Ein ebenso schneller Fluchtweg führt über die Autobahnbrücke gen Osten. Damit ist wohl auch zu erklären, dass 60 bis 80 Prozent der in Westeuropa gestohlenen Fahrzeuge, so die Erkenntnisse der Soko „Grenze“, im Raum Frankfurt über die Grenze gebracht werden. Doch auch dort ist das Entdeckungsrisiko noch groß: „Mit GPS ausgestattete Fahrzeuge lassen sich in Polen hervorragend wiederfinden. Da klappt die Kooperation bereits gut und schnell“, sagt Martin Wentorf. Erst wenn die gestohlenen Wagen außerhalb der EU sind, können die Fahnder nicht mehr viel machen.

Sichtbare Erfolge kann die 54 Mann starke Soko „Grenze“ – spezialisiert auf sogenannte Totalentwendungen von Fahrzeugen aller Art – bisher noch nicht vorweisen, wie deren Vize-Chef Gerd Otter zugeben muss. „Die Zahlen gehen rauf und runter. Den Trend zu stoppen, ist unser Ziel und wäre tatsächlich ein Erfolg“, sagt der Polizeioberkommissar, der schon erleichtert ist, wenn in einer Nacht im Brandenburger Grenzraum zu Polen kein Fahrzeug geklaut wird.

Litauer drängen auf illegalen Markt

Neben polnischen Dieben drängten nun verstärkt Litauer auf den illegalen Fahrzeugmarkt, so Ermittler. Das Geschäft ist mühselig, wie Otter bestätigt. Die Soko sei um den Aufbau kurzer Kommunikationswege zu den zuständigen Behörden in den jeweiligen Ländern bemüht. „Wir brauchen kurzfristige Infos über in Fahndung stehende Wagen – sonst sind die Diebe mit den Autos längst über alle Berge“, sagt der 37 Jahre alte Ermittler.

Doch oftmals haben die Besitzer der Fahrzeuge den Verlust noch gar nicht bemerkt und damit auch die Polizei noch nicht informiert. Beliebt bei professionellen Banden ist laut Otter die Verwendung von Dubletten. Die Ganoven schauen im deutschen Grenzgebiet nach Kennzeichen an Fahrzeugtypen, die sie demnächst – immer auf Bestellung – entwenden sollen. Dann lassen sie Dubletten dieser regionalen Kennzeichen prägen und bringen sie am gleichen Fahrzeugtyp an, den sie aber ganz woanders geklaut haben. Die gestohlenen Wagen fallen dann an Oder und Neiße nicht gleich auf – werden sie von der Polizei überprüft, so ist die Fahnungsabfrage negativ, denn das Fahrzeug mit den Original-Kennzeichen steht ja noch unbehelligt bei seinem Besitzer auf dem Hof.

Was sich die Soko „Grenze“ aber auf die Fahnen schreiben kann, ist der erhöhte Verfolgungsdruck, der die Gegenseite offenbar nervös macht.

„Wir verhaften ja meist die Kuriere, die die Wagen nicht selbst geklaut haben, sondern sie lediglich über die Grenze bringen.“ Vorneweg, sagt der Polizeioberkommissar, fährt in der Regel ein „Pilotwagen“, dessen Fahrer aufklärt und vor Polizeikontrollen warnt, so dass die Kuriere mit den gestohlenen Autos ausweichen können. Erwischen die Ermittler doch ein geklautes Fahrzeug, so kann dessen Fahrer nur wegen Hehlerei belangt werden. „Das geschieht jetzt verstärkt mittels beschleunigter Verfahren“, bestätigt Michael Neff, Sprecher der Frankfurter Schwerpunkt-Staatsanwaltschaft für organisierte Kriminalität. In der Regel kommen Ersttäter mit Bewährungsstrafen davon – doch sie sind vorbestraft. Werden sie wieder erwischt, haben sie ihre Bewährung verwirkt und landen im Gefängnis.

„Wer einmal verurteilt wurde, ist für die Bande sozusagen verbrannt, nutzlos“, sagt Otter. Der Bandenchef müsse sich ständig nach neuen Leuten umschauen. „Das baut Druck auf, der aggressiv macht.“