Museum eröffnet

Villa Schöningen ist "Schmuckstück der Republik"

| Lesedauer: 7 Minuten
Christine Richter
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Villa Schöningen wird zum Museum

Seit 1843 steht die klassizistische Villa Schöningen auf der Potsdamer Seite an der Glienicker Brücke. Anderthalb Jahrhunderte lassen sich an dem Gebäude ablesen. Nun wird aus der Villa ein kleines Privatmuseum.

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Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hat am Sonntagabend die Villa Schöningen in Potsdam eröffnet. Das Haus beherbergt eine Ausstellung zur Geschichte und zeitgenössische Kunst. Neben Merkel erschienen auch Michail Gorbatschow, Hans-Dietrich Genscher, Henry Kissinger und der polnische Außenminister Radoslaw Sikorski.

Es ist fast ein Staatsakt, die Eröffnung des neuen Museums der Freiheit an der Glienicker Brücke in Potsdam. So viele Gäste, so viele hochrangige Vertreter sind der Einladung in die restaurierte Villa Schöningen gefolgt. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hat sich Zeit genommen an diesem Vorabend des 9. November, um die Laudatio zu halten. Aber auch der ehemalige Sowjetpräsident Michail Gorbatschow, der frühere amerikanische Außenminister Henry Kissinger, der ehemalige Bundesaußenminister Hans-Dietrich Genscher (FDP) sind erschienen – und werden mit viel Applaus begrüßt, als sie den Saal im ersten Stockwerk der Villa betreten. Zuvor haben sie wie so viele andere Gäste schon auf dem Mauerstück, das vor dem Museum aufgestellt ist, unterschrieben.

„Wir freuen uns riesig, dass wir die Eröffnung am Vorabend des deutschen Schicksalstags feiern können“, sagt Mathias Döpfner, Vorstandsvorsitzender der Axel Springer AG. Der 9. November sei ein „Tag der Schande“, denn damals, 1938, fand in Deutschland die Pogromnacht gegen die jüdische Bevölkerung statt, aber der 9. November sei auch ein „Tag der unbändigen Freude“, als die Mauer fiel. Wenige Meter von der Villa entfernt stand diese Schreckens-Mauer, in der Havel hatten die DDR-Grenzsoldaten den sogenannten Stalinrasen – 14 Zentimeter lange Stahlnägel, montiert auf einem Brett – versteckt, an denen sich Flüchtlinge schwer verletzt hätten. Ein solches Brett ist jetzt im Museum zu sehen. „Die Villa Schöningen verkörpert die deutsche Geschichte“, sagt Döpfner.

Geschichte und Kunst vereint

Döpfner und der Bankier Leonhard H. Fischer hatten die Villa im März 2007 gekauft, sanieren und zu dem Museum umbauen lassen. „Es war immer klar, dass es ein öffentlicher Ort werden soll, ein Ort der Geschichte“, sagt Döpfner. Im Erdgeschoss der Villa ist die Dauerausstellung zur deutschen Teilung, zur Geschichte des Hauses, der Glienicker Brücke und des Mauerfalls zu sehen, im ersten Stock dann zeitgenössische Kunst, die sich auch mit Themen wie Teilung oder Freiheit beschäftigt. Diese Kunstausstellungen werden immer mal wieder wechseln.

Zur Villa gehören auch ein kleines Café und ein großer Garten. Er würde sich freuen, wenn die Besucher im Café sitzen, die schöne Umgebung genießen oder auch ein Glas des hauseigenen Weins „Villa Schöningen“ trinken würden, so Döpfner. „Unser Traum wäre es, wenn die Villa Schöningen ein fröhlicher Ort der Freiheit wird, was sie in der Vergangenheit nie war.“ Und die Gäste applaudieren laut.

Kissinger ist Ehrengast

Lobende Worte für das neue Museum der Freiheit finden auch die Ehrengäste. Henry Kissinger sagt, er habe damals, als er mit seiner Familie 1938 vor den Nationalsozialisten aus Deutschland fliehen musste, niemals gedacht, dass er einmal bei der Eröffnung eines Freiheitsmuseums dabei sein werde. Die Wiedervereinigung sei einer der bewegendsten Momente in seinem Leben gewesen. Kissinger dankt Genscher für die immer gute Zusammenarbeit, ganz besonders aber lobt er Gorbatschow. „An ihn wird man sich immer erinnern“, sagt Kissinger. Denn dessen Entscheidung, keine Panzer rollen oder Soldaten schießen zu lassen, habe die Welt verändert. Er möge sich gar nicht vorstellen, welchen Weg die Geschichte ohne Gorbatschow genommen hätte. Das Museum an diesem historischen Ort sei eine großartige Idee, lobt Kissinger. „Die Villa Schöningen erinnert uns an unsere Werte und Pflichten.“

Auch der polnische Außenminister Radoslaw Sikorski ist nach Berlin gekommen. Und hält eine Rede, mit der er die dicht gedrängt stehenden Gäste begeistert. Der Fall der Mauer sei für ihn vergleichbar mit der Mondlandung oder der Wahl des Papstes. „Jeder weiß noch, was er an diesem Tag gemacht hat“, sagt Sikorski. Und erzählt dann seine eigene Geschichte. Im August 1989 kehrte er nach acht Jahren im Exil nach Polen zurück, denn dort hatte die erste nichtkommunistische Regierung ihr Amt angetreten. Am 9. November war er, 26 Jahre alt, beim Besuch des deutschen Bundeskanzlers Helmut Kohl (CDU) in Warschau dabei – als Journalist. Und kehrte dann mit Kohl nach Berlin zurück. Mit einer Kollegin kam er vom Osten aus über den Grenzübergang Checkpoint Charlie nach West-Berlin. „Und diese Kollegin ist heute meine Frau“, erzählt Sikorski zur Freude der Anwesenden. „Und unser Sohn ist ein Kind des Mauerfalls.“

Damals habe er den Mauerfall aber auch mit gemischten Gefühlen gesehen, denn dies bedeutete, dass der Kommunismus beendet war und Deutschland wieder Deutschland wurde. Auch jetzt habe er gemischte Gefühle: „Wie können Geschichtsbücher über ein Ereignis geschrieben werden, das ich noch so lebendig fühle?“ Und lobte dann Deutschland, das wirklich zum einflussreichsten Land in Europa geworden sei, dessen Basis aber Demokratie und Werte wie die Freiheit seien. Polen sei froh, dass es in diesem europäischen Haus, das Deutschland mit aufgebaut habe, dabei sein dürfe. „Wie glücklich wir heute sind. 1989 ist eine Geschichte mit Happy End“, sagt Sikorski. Da gibt es donnernden Applaus und sogar ein paar Jubelrufe.

Und so macht Bundeskanzlerin Merkel das, was jeder der Anwesenden gerne getan hätte: „Ich sage Danke im Namen des Auditoriums.“ Merkel, die trotz ihrer vielen Verpflichtungen rund um den 20. Jahrestag des Mauerfalls Zeit gefunden hat, lobt die Eröffnung des Freiheitsmuseums als „herausragendes Beispiel für privates Engagement“. Die deutsche Geschichte habe Licht- und Schattenseiten, es habe viel Leid wie in der Pogromnacht 1938, aber auch viel Freude gegeben – wie am 9. November 1989. „Traum und Trauma spiegeln sich in der Villa Schöningen wider“, sagt die Bundeskanzlerin. Auch die Kombination aus einer historischen Dauerausstellung und zeitgenössischer Kunst gefällt ihr: „Kunst braucht Freiheit.“

Ein fröhlicher Ort in Potsdam

Das neue Museum erinnere die Menschen daran, sich die Frage zu stellen: „Was haben wir noch zu tun?“ Die Villa Schöningen sollte „den Mut geben, mutig zu sein“. Und ein „fröhlicher Ort“ sein. „Da bin ich allemal dafür“, sagt die Kanzlerin.

Dann schauen sich die Gäste – unter ihnen auch Telekom-Chef René Obermann und TV-Moderation Maybrit Illner, Friede Springer, der Liedermacher Wolf Biermann, der Chef des Berliner Herzzentrums Roland Hetzer, TV-Moderator Günther Jauch, der Sänger Max Raabe – die Ausstellung an. Auch der neue Außenminister Guido Westerwelle (FDP) ist kurz vorbei gekommen. Er spricht aus, was wohl alle denken: „Die Villa ist ein Schmuckstück für die Republik.“