Es ist fünf Minuten nach zwölf Uhr mittags, als ein tiefer Donnerhall die Potsdamer Innenstadt kurzzeitig erbeben lässt. Die Druckwelle ist noch in mehr als einem Kilometer Entfernung spürbar. Die dunkle Fontäne aus Wasser, Schlamm und Stroh schießt rund 60 Meter hoch in den Himmel und wird langsam vom Wind verweht. Mit der erfolgreichen Sprengung einer 250 Kilogramm schweren amerikanischen Fliegerbombe aus dem 2. Weltkrieg endet gestern erfolgreich eine der größten Evakuierungsmaßnahmen der vergangenen Jahre in Potsdam. 7000 Menschen mussten in einem angenommenen 600-Meter-Wirkungsbereich der Bombe ihre Wohnungen und Arbeitsplätze verlassen.
Bereits am Dienstag wurde der Blindgänger im Zuge der planmäßigen Suche nach Bomben aus dem 2. Weltkrieg in der Nuthe entdeckt. Dort lag sie in 1,3 Meter Tiefe nahe dem ehemaligen Kaufland-Parkplatz an der Babelsberger Straße. Von diesem Moment an wurden alle Vorbereitungen für die Evakuierung getroffen. Handzettel wurden verteilt, ein Bürgertelefon eingerichtet und die Medien informiert.
„Wir haben ungefähr 600 Mitarbeiter im Einsatz“, sagt Rita Haack, Pressesprecherin der Stadt Potsdam. „Unter ihnen 300 Mitarbeiter der Stadtverwaltung, 60 Feuerwehrleute und Einsatzkräfte des Technischen Hilfswerks, 200 Polizisten und Mitarbeiter der Wasserwacht.“
Von acht Uhr früh an sind Straßensperren aufgebaut. An vielen Abfahrten entlang der Schnellstraße stehen Motorradpolizisten. Sie sperren unter anderem die Zufahrten zum Hauptbahnhof. Auch in der Innenstadt sind viele Wege gesperrt. Der gesamte Zugverkehr ist unterbrochen. Züge dürfen den Potsdamer Hauptbahnhof lediglich passieren, nicht aber halten. Von elf Uhr an wird der Streckenabschnitt zwischen Potsdam-Sanssouci und Griebnitzsee komplett gesperrt. In den gesperrten Bereichen Zentrum Ost und südliche Innenstadt befinden sich auch Schulen, Kitas, Gebäude der Landesregierung und Altenheime.
„Die Feuerwehr hat mehr als 280 gehunfähige und bettlägerige Personen transportiert“, sagt Haack. „Die meisten von ihnen sind in Turnhallen von Schulen untergebracht.“ Diese stehen leer, da Herbstferien sind. Aber auch viele andere Potsdamer, die ihre Wohnungen verlassen müssen und niemanden haben, bei dem sie unterkommen können, fahren mit einem Bus-Shuttle zur Aula im Humboldt-Gymnasium. Andere haben Glück: „Mich betrifft das glücklicherweise nicht“, sagt Irene Lang. „Ich fahre jetzt zur Arbeit und komme erst spät am Abend wieder. Ansonsten hätte ich meinen Sohn in Berlin besucht.“
In der Zeit, in der die Helfer von Haustür zu Haustür gehen und überall klingeln, bereitet Sprengmeister Manuel Kunzendorf gemeinsam mit seiner Mannschaft die Sprengung vor. Dazu gehört auch das Abdecken der Bombe mit einer speziellen Strohmatte. „Dabei handelt es sich um sehr stark zusammengepresste Strohballen mit einem Gewicht von jeweils mehr als 200 Kilogramm“, sagt Potsdams Feuerwehr-Chef Wolfgang Hülsenbeck. Insgesamt neun Tonnen Stroh liegen zum Zeitpunkt der Sprengung über der Bombe.
Wildunfall sorgt für frühes Chaos
Gegen elf Uhr steigt die Spannung. Die Evakuierung ist abgeschlossen. Auf dem Innenhof der Potsdamer Feuerwache warten Helfer und Verantwortliche auf das Signal des Sprengmeisters. Das Deutsche Rote Kreuz verteilt heißen Eintopf. Die Gespräche drehen sich um die Sprengung. Es komme lediglich in fünf Prozent aller Fälle vor, dass ein Blindgänger gesprengt werden muss, heißt es. In 95 Prozent der Fälle kann er entschärft werden. Jeder ist gespannt, mit welcher Wucht die Bombe detonieren wird und ob die Sprengung zu sehen ist. Immer wieder telefoniert der Feuerwehrchef mit dem Sprengmeister. Als es losgehen soll, kommt erneut ein Anruf. „Eine Person wird noch im gesperrten Bereich vermutet“, sagt Hülsenbeck. Auf dem sogenannten Schlauchturm der Feuerwache in mehr als 20 Metern Höhe stehen Feuerwehrleute und Verantwortliche der Stadt. Unter ihnen auch Oberbürgermeister Jann Jakobs (SPD). Wenige Minuten nach zwölf Uhr detoniert die Bombe mit einem lauten, dumpfen „Bumm“. 15 Minuten später werden alle Verkehrssperrungen aufgehoben. „Wir sind sehr zufrieden mit dem Einsatz. Alles hat wunderbar geklappt, und alle Mitarbeiter haben gut zusammengearbeitet“, sagt Hülsenbeck.
Auch die Sperrung des Hauptbahnhofs konnte nach Bahnangaben um 12.23 Uhr aufgehoben werden. Die S-Bahnlinie S7 fuhr ab 12.40 Uhr planmäßig. Der erste Regionalexpress in Richtung Berlin konnte um 13.24 Uhr wieder fahren, der Gegenzug in Richtung Magdeburg um 13.38 Uhr. Die Regionalbahnlinien RB20, 21 und 22 wurden noch bis 14.30 Uhr umgeleitet.
Pech hatte hingegen, wer wegen der angekündigten Sperrung vorsorglich früher mit der Bahn unterwegs war. Schon seit den frühen Morgenstunden kam es zu Verspätungen und Zugausfällen bei der Regionalbahn. Wie am Tag zuvor bei der Berliner S-Bahn waren erneut Wildschweine die Ursache. Kurz vor 6.30 Uhr war ein Zug der Regionalexpress-Linie RE1 (Magdeburg- Frankfurt/Oder) zwischen Groß Kreutz und Werder in eine Rotte gerast. Mehrere Tiere starben. Der Zug wurde nach Bahn-Angaben bei dem Aufprall so schwer beschädigt, dass er abgeschleppt werden musste. Beide Gleise wurden nach dem Unfall zunächst gesperrt. Es kam im morgendlichen Regionalverkehr zwischen Potsdam und Berlin zu Verspätungen von bis zu 50 Minuten. Betroffen waren zahlreiche Berufspendler. Für die auf offener Strecke festsitzenden Fahrgäste bestellte die Deutsche Bahn einen Ersatzzug aus Brandenburg/Havel. Mitarbeit Markus Falkner



