Norbert Glante hat sich heute für ein kräftiges Rot entschieden. So leuchtet sein Hemd schon aus der Ferne. Auffallen ist die Devise. Zumal an diesem Tag in Zeuthen "tote Hose" ist, wie Glantes örtlicher Wahlunterstützer Günter Warme sagt. Nur wenige nähern sich dem kleinen Stand mit den SPD-Schirmen an der Ecke Oldenburger Straße/Miersdorfer Chaussee. Und wer kommt, will nur schnell vorbei. "Wir sind wunschlos glücklich", wehren zwei ältere Damen die Werbungsversuche des Europawahlkämpfers ab. Der 56-jährige Glante bleibt gelassen. Er ist es gewohnt, übersehen zu werden.

Dabei macht Sozialdemokrat Glante schon seit fast 20 Jahren Politik für die Brandenburger - zunächst als Landrat von Potsdam und seit 1994 als Abgeordneter in Brüssel und Straßburg. Doch auch eine Woche der Europawahl am 7. Juni ist für viele das europäische Parlament ganz weit weg. Sie fragen sich: Wie soll man die aus Brüssel schon ernst nehmen, die die Krümmung der Gurken bestimmen wollten? Schwere Zeiten für einen Europawahlkämpfer auf dem Lande. Zumal Europa die Märker noch weniger als andere zu interessieren scheint. Bei der letzten Europawahl 2004 hatte Brandenburg mit 26,9 Prozent die niedrigste Wahlbeteiligung Deutschlands. Glante musste damals um seinen Wiedereinzug zittern. Seine SPD war mit 20,5 Prozent der klare Wahlverlierer. Und die Landespartei hatte kaum Interesse an seinem einsamen Wahlkampf gezeigt.

Dieses Mal ist es spürbar anders. Sagt zumindest Glante. Denn nur etwa drei Monate nach der Europawahl wird nicht nur der Landtag, sondern auch der Bundestag gewählt. Der Ausgang der Europawahlen gilt als Stimmungsbarometer. Brandenburg hat derzeit vier Abgeordnete im Europäischen Parlament: Neben Norbert Glante (SPD) sind das Christian Ehler (CDU), Helmuth Markov (Die Linke) und Elisabeth Schroedter (Grüne). Nur Markov tritt nicht mehr an, dafür kandidiert Lothar Bisky.

Ein Mann mittleren Alters ist mittlerweile an den Stand getreten: "Ich will bloß mal gucken", sagt er. Und: "Ich werde wählen gehen. Wen ich wähle, weiß ich aber noch nicht. Horst Uelze vom örtlichen Team "SPD-60plus" zeigt auf Glante: "Ihn kann ich empfehlen." Der Mann schenkt dem Kandidaten nur einen kurzen Blick. Er vertieft sich lieber in die Broschüren. Glante steht ein wenig da wie bestellt und nicht abgeholt. Er nutzt die Zeit, um übers Handy Termine klarzumachen. Seit dem 10. Mai ist der Wahlkampfbus nun schon täglich unterwegs - meist aber ohne den Kandidaten. Der hat durchaus ein ausgefülltes Programm: Er besucht Betriebe, Seniorenheime und spricht auf SPD-Veranstaltungen. "Die Leute wollen meistens gar nicht so viel über Europa wissen", sagt einer der Wahlkampforganisatoren. "Sie wollen ihre Probleme gelöst haben." So geht es in Fürstenwalde ums Abwasser, in Frankfurt an der Oder um die Betrunkenen vor Kaufland, das dort nur noch "Saufland" heißt.

Erst Informatiker, dann Politiker

Auch nach 15 Jahren in Brüssel und Straßburg ist Glante, der verheiratet ist und drei Kinder hat, bodenständig geblieben. Der Informatiker, der bis zu seinem Einstieg in die Politik im Zentralinstitut für Physik in Potsdam arbeitete, ist der Typ Schwiegersohn geblieben. Er hat gelernt, mit Angriffen umzugehen. "Ich sage den Leuten auch gerne, was ich bekomme", sagt er. "Es sind 7300 Euro brutto, dazu kommt eine steuerfreie Pauschale für meine Reise-und Büroaufwendungen von 4000 Euro." Aus dem umstrittenen Pensionsfonds für Abgeordnete ist Glante nach eigener Aussage schon vor Jahren wieder ausgetreten. Als die Altersversorgung des Bundestags griff.

Wenn Norbert Glante an seinen sogenannten freien Tagen in Brandenburg zu Grundsteinlegungen kommt, erwartet er schon lange keine große Begrüßung mehr. "Protokollarisch gibt es immer ein wenig Schwierigkeiten", sagt er und grinst. "Zuerst wird der Minster vorgestellt, dann der Bürgermeister und die die Stadtverordneten, dann komme ich - wenn ich Glück habe." Vorbei sind aber die Zeiten, in denen ihm schon mal der Stuhl unterm Hintern weggezogen wurde, weil ein "wichtigerer Gast" kam.

Selbst die Landes-SPD scheint ihren Europaabgeordneten zuweilen zu vergessen. Bei der Auftaktveranstaltung zum Europawahlkampf in Potsdam mit SPD-Chef Franz Müntefering und Ministerpräsident Matthias Platzeck war Glante weder im Flyer aufgeführt noch als Redner vorgesehen. Der Mann für Europa durfte schließlich doch noch reden - und bedankte sich bescheiden "für die Chance eines Grußworts".

Dafür hatte Glante kürzlich in seinem Wohnort Werder ein Erfolgserlebnis. In der Apotheke begrüßte er zwei ältere Damen. Nach einer Zeit drehte sich eine von ihnen um rief: "Hab ich Sie doch erkannt, Herr Glante!" Darüber hat er sich richtig gefreut.