Der Hintergrund für den tödlichen Schuss, den am Sonnabend ein Mann auf einem Campingplatz bei Wittenberge (Prignitz) abgefeuert hatte, ist offenbar ein Familienstreit. Die Auseinandersetzung endete in einer Tragödie, die eine 67 Jahre alte Frau das Leben kosten sollte. Die Staatsanwaltschaft Neuruppin gab am Sonntag erste Ermittlungsergebnisse bekannt. Demnach war der 56 Jahre alte Tatverdächtige am Nachmittag zum Zeltplatz Hinzdorf gefahren, wo in einem Festzelt die Jugendweihe eines Familienmitglieds gefeiert wurde. Gegen 15.45 Uhr traf er dort ein und soll beim Betreten des Zeltes sofort gezielt einen Schuss auf einen 42-Jährigen abgegeben haben. Das Projektil traf zunächst den Mann am Hals und danach eine 67 Jahre alte Rollstuhlfahrerin. Die Frau, bei der es sich um die Großmutter des Mädchens handeln soll, deren Jugendweihe gefeiert wurde, wurde tödlich getroffen. Sie starb noch am Tatort. Der 42-Jährige wurde mit schweren Verletzungen in ein Krankenhaus eingeliefert.

Der Tatverdächtige flüchtete anschließend zu seinem Wagen und zwang einen Gast der Feier, das Steuer des Autos zu übernehmen. Während der 90 Minuten langen Fahrt über Wittenberge und die Bundesländer Sachsen-Anhalt und Niedersachsen und schließlich wieder zurück nach Sachsen-Anhalt wurde die Geisel mit der Schusswaffe bedroht. „Wegen eines technischen Defekts blieb das Auto schließlich nahe der Ortschaft Tannenkrug stehen. Der 56-Jährige flüchtete in ein angrenzendes Waldstück“, sagte Präsidiumssprecher Rudi Sonntag.

Die Geisel blieb unverletzt und wurde wenig später von der Besatzung zweier Funkstreifenwagen in Obhut genommen, die das Fahrzeug bereits seit Wittenberge verfolgt hatten. Die Flucht des Schützen vom Campingplatz endete nach Angaben des Sprechers schließlich gegen 18.30 Uhr. Zu diesem Zeitpunkt habe sich der mutmaßliche Täter den Beamten am Rande eines Waldgebietes gestellt. Der Mann habe sich widerstandslos festnehmen lassen. Die Tatwaffe wurde bislang nicht gefunden. Die am Sonntag von der Polizei wieder aufgenommene Suche in dem Waldgelände bei Tannenkrug blieb vorerst ergebnislos.

An der umgehend eingeleiteten Fahndung nach dem verhängnisvollen Schuss waren nach Polizeiangaben insgesamt 300 Beamte des Polizeipräsidiums Potsdam, Spezialeinsatzkräfte des Landeskriminalamtes Brandenburg sowie Beamte der Bundespolizei und der Länder Niedersachsen und Sachsen-Anhalt beteiligt. Dabei wurde auch ein Polizeihubschrauber eingesetzt. Unmittelbar nach der Tat hatte die Kriminalpolizei eine Sonderkommission gebildet.

Die genauen Hintergründe, die letztlich zu der Tat auf dem Zeltplatz Hinzdorf führten, sind noch unklar. Wie Morgenpost Online erfuhr, soll es sich bei dem angeschossenen 42-Jährigen um den Bruder des festgenommenen Tatverdächtigen handeln. Der 56-Jährige soll sich von seiner Familie bereits seit geraumer Zeit ausgegrenzt und verraten gefühlt haben. Offenbar habe er den Umstand, nicht zur Jugendweihe seiner Lieblingsnichte eingeladen gewesen zu sein, nicht verkraftet. Dies könnte den Tatverdächtigen zu einer Kurzschlussreaktion veranlasst haben, der zu dem bewaffneten Anschlag führte. Auch eine fragwürdige Beziehung zu seiner Schwester, die noch nicht abschließend beleuchtet ist, könnte ein Motiv für die Familientragödie sein.

Gegen den Täter, der aus Sachsen-Anhalt stammt, wurde am Sonntag Haftbefehl erlassen wegen des Verdachts auf versuchten Mord in Verbindung mit versuchtem Totschlag sowie Freiheitsberaubung. Die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft Neuruppin sowie der Sonderkommission im Schutzbereich Prignitz dauern an.