Für Landeschef Thomas Nord votierten am Sonnabend in Blossin (Dahme-Spreewald) 76 der 131 Delegierten, 41 stimmten gegen ihn, 13 enthielten sich. Damit erreichte er lediglich 58,5 Prozent. Die Partei hatte vor einigen Monaten auch die Spitzenkandidatin für die Landtagswahl abgestraft. Kerstin Kaiser war mit nur 75 Prozent auf Platz 1 der Landesliste gewählt worden.
Zu Zeiten von Lothar Bisky und Heinz Vietze wären solche Ergebnisse undenkbar gewesen. Jahrelang war die ehemalige PDS diszipliniert wie keine andere Partei. Doch seit sich die einstigen Autoritäten aus Ämtern im Landesverband zurückgezogen haben, gärt es in der nach dem Zusammenschluss mit der WASG frustrierten Linkspartei auch in Brandenburg.
Zur früheren Führungsriege gehörte auch Dagmar Enkelmann, die auf der Vertreterversammlung mit einem Traumergebnis von 97,7 Prozent zur Spitzenkandidatin für die Bundestagswahl gewählt wurde. Die 53-Jährige kandidiert in Barnim/Märkisch Oderland. Landeschef Nord tritt auf Platz zwei in Biskys einstigem Wahlkreis Frankfurt (O.)/Oder-Spree an. Mit seiner Kandidatur für den Bundestag brachte er die Personalvorstellungen aus den Kreisverbänden durcheinander. Auf der Vertreterversammlung kam es zu mehreren Kampfkandidaturen. Ex-Bundesgeschäftsführer Rolf Kutzmutz konnte sich dabei nicht gegen den vom Landesvorstand für Platz vier nominierten stellvertretenden Fraktionschef der Linken im Bundestag, Wolfgang Neskovic, durchsetzen. Der in der Brandenburger Partei sehr beliebte Potsdamer Kutzmutz kann damit nicht in den Bundestag zurückkehren, dem er bis 2002 angehörte. Gescheitert ist auch Florian Havemann, Sohn des verstorbenen Regimekritikers Robert Havemann. Er unterlag gegen den Bildungspolitiker Harald Petzold.
Trotz seiner Schlappe lehnte Thomas Nord einen Rücktritt als Landeschef ab. Er vermutet, dass "zahlreiche unpopuläre Personalentscheidungen" zu seinem Ergebnis geführt haben. Auch seien "viele offenbar nicht damit einverstanden", dass er für den Bundestag kandidiert. Nord sagte, dass dies nicht seinen Rückzug aus dem Landesvorstand bedeute. Er kündigte an, 2010 erneut als Landeschef antreten zu wollen. Zugleich wies er zurück, dass der Landesverband zerstritten sei. "Wer meint, dass die Partei in einer Führungskrise ist, irrt. Die Linke ist mehr als ihr Landesvorsitzender."
Die Spitzenkandidatin für die Landtagswahl, Fraktionschefin Kerstin Kaiser, sagte, sie habe nicht mit einem derart schlechten Ergebnis für Nord gerechnet. Der Parteichef, der sich wie Spitzenkandidatin Kaiser zu seiner früheren IM-Tätigkeit bekennt, muss nun vor dem Ausgang der Europawahlen zittern. Eigene Linke-Umfragen sehen die Partei nicht mehr als Wahlsieger wie 2004.
Sollte Nord doch noch zurücktreten, gilt der Bürgermeister von Königs Wusterhausen, Stefan Ludwig, als Favorit für die Nachfolge. Er würde möglichen rot-roten Plänen nicht entgegenstehen. Im Gegenteil: Die SPD hat mehr Vorbehalte gegen den kühlen Parteistrategen Nord. Gregor Gysi, Fraktionschef der Linken im Bundestag, warnte die Brandenburger Linkspartei in Blossin davor, ab Herbst um jeden Preis mitregieren zu wollen: "Es muss klar sein, dass es mit uns keinen Sozialabbau geben darf." Von einem Richtungsstreit wie in der Bundespartei war nichts zu spüren. Allerdings sind Brandenburger wie der Ex-Landeschef Ralf Christoffers auf Distanz zum Linkskurs ihres Vorsitzenden Oskar Lafontaine gegangen. Nach dem Wechsel der Europa-Politikerin Sylvia-Yvonne Kaufmann zur SPD wies Christoffers etwaige Avancen aus der SPD zurück. "Ich plane weder einen Aus- noch einen Übertritt."





