„Unsere ehemaligen Preisträger singen an der Met, in Bayreuth, London, Wien, Mailand und Tokio. An allen großen Opernhäusern der Welt gibt es Sänger, die bei uns gestartet sind“, freut sich Siegfried Matthus. Auch in diesem Jahr haben sich wieder 400 junge Sänger aus 40 Ländern darum beworben, zwischen dem 28. Juni und dem 16. August beim Festival „Kammeroper Schloss Rheinsberg“ aufzutreten. 40 von ihnen hat die Fachjury ausgewählt. Festivalleiter Matthus lobt den Sängerjahrgang mit Superlativen. Das macht er jedes Jahr mit großer Begeisterung. Schwer zu glauben, dass er sich nach dieser Sommersaison zurückziehen will.
Der Komponist und Kulturmanager hat das Festival zur Förderung junger Sänger nach der Wende aus dem Nichts aufgebaut. Rheinsberg ist der Ort, an dem er zur Schule gegangen war. Schon zu DDR-Zeiten hatte er die Vision, in der wunderschönen Atmosphäre des Rheinsberger Schlosses ein Kulturfestival zu veranstalten. Doch damals war im Schloss ein Sanatorium untergebracht.
Bedeutender Tourismusfaktor in der Region
Nach dem Mauerfall fand er Mitstreiter, und 1991 eröffnete die „Kammeroper Schloss Rheinsberg“. Nach und nach wurde die Infrastruktur verbessert, das Schlosstheater restauriert und wiedereröffnet, die Siegfried-Matthus-Arena als Ausweichspielstätte für Regentage gebaut. Inzwischen ist das Festival ein bedeutender Tourismusfaktor in der Region und aus dem sommerlichen Veranstaltungskalender nicht mehr wegzudenken.
„Der Abschied fällt mir nicht schwer, weil wir ein gutes Fundament gelegt haben und weil ich weiß, in welche Hände ich das Festival gebe“, meint Siegfried Matthus, der im April 80 Jahre alt geworden ist. Der neue Künstlerische Leiter wird sein Sohn Frank Matthus, der sich als Schauspieler, Regisseur und Leiter des Theatersommers Netzeband einen Namen gemacht hat. „Ratschläge muss ich ihm nicht geben, er kennt das Metier, kann Partituren lesen, fantastisch Klavier spielen und hat Opern inszeniert.“ Frank Matthus will sich stärker dafür einsetzen, die Rheinsberger Preisträger an andere Theater weiterzuvermitteln. Das ist ganz im Sinn des Vaters.
Künftig wieder mehr als Komponist gefordert
„Ich hatte immer engen Kontakt zu den jungen Sängern. In fast allen Aufführungen bin ich dabei gewesen. Ich hatte großartige Opernerlebnisse“, erzählt der Festivalgründer. 23 Jahre lang war Siegfried Matthus der Motor des Rheinsberger Sommers. Viel Zeit für eine melancholische Rückbesinnung lässt er sich nicht. Auf seinem Schreibtisch liegt ein großer Berg von Kompositionsaufträgen, auch für neue Opern und Konzerte. „Sie haben nur alle den Fehler, dass sie morgen fertig sein sollen.“
Auch in Rheinsberg tritt er in diesem Sommer als Komponist in Erscheinung und setzt damit einen besonderen Schlusspunkt. 13 Opern hat Siegfried Matthus bisher geschrieben. Seine Oper „Die Weise von Liebe und Tod des Cornets Christoph Rilke“ eröffnete die erste Saison der „Kammeroper Schloss Rheinsberg“ im Jahr 1991. Zum Abschied gibt es eine konzertante Aufführung seiner Oper „Judith“ als Kooperation mit dem Staatstheater Braunschweig. Matthus selbst betrachtet den Zweiakter nach Hebbels Drama, der open air im Schlosshof erklingt, als „exemplarisches Werk“ unter seinen Opern.
Schwierige Kooperation mit St. Petersburg
Probleme hat das Festival mit seinem anderen Kooperationspartner, der St. Petersburg Opera. Bei einem Vorsingen in St. Petersburg wurden junge russische Sänger ausgewählt, die im Schlosstheater zwei Kammeropern-Raritäten aufführen: Igor Strawinskys „Mavra“ und Nicolai Rimsky-Korsakows „Mozart und Salieri“. St. Petersburg sollte einen Teil der Produktionskosten übernehmen und die Opern auch im dortigen Theater zeigen. „Das Geld ist genehmigt und liegt dort in St. Petersburg in der Oper. Aber auf Grund der politischen Situation dürfen sie es nicht herausgeben. Das ist schlimm und bitter“, sagt Siegfried Matthus. Nun wird es eine halbszenische Produktion geben, die nicht nach Russland reisen kann.
„Die Zauberflöte“ im Heckentheater
Mozarts „Zauberflöte“ wird die große Produktion für 900 Zuschauer im Heckentheater. In jedem zweiten Jahr hat Siegfried Matthus eine von Mozarts vier großen Opern auf den Spielplan gesetzt. Mozart ist wichtig für junge Stimmen, auch die Figuren in seinen Opern sind jung. Der Regisseur Kay Kuntze und der Dirigent Michael Helmrath sind in Rheinsberg schon alte Bekannte. Neben den Opernproduktionen steht eine ganze Reihe von Konzerten mit den Preisträgern. Die Veranstaltung „Der singende See“, bei dem das Publikum auf Schiffen den am Ufer erklingenden Volksweisen und Abendliedern lauscht, hat fast schon Kultstatus. Als Besucher ist Siegfried Matthus natürlich auch in den nächsten Jahren dabei: „Ich habe darum gebeten, dass eine Freikarte für mich da ist, wenn ich komme.“
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