Brandenburg

Warum sich ein Mediziner für den Landarzt entschied

Viele Ärzte scheuen die Praxis fernab der Großstadt. Auch in Brandenburg. Nicht so Internist Peter Schrambke. Er arbeitet in der Schorfheide – und ist zufrieden damit.

Foto: Sergej Glanze / Glanze

„Egal, wann meine Mutter die Weihnachtsgans servierte: Immer, wenn sie dampfend auf dem Tisch stand, klingelte das Telefon, wurde mein Vater zu einem Patienten gerufen.“ Tag und Nacht sei der Arzt in Bereitschaft gewesen, erinnert sich Peter Schrambke.

An die Kindheit in der Schorfheide, als der Vater im Landambulatorium Wunden versorgte, Spritzen setzte. An die Zeit nach dem Fall der Mauer, als das Ambulatorium geschlossen wurde, sich der Vater mit fast 50 als Landarzt in Groß Schönebeck selbstständig machte. Zu der Zeit studierte Peter Schrambke selbst Medizin – in Berlin, an der Humboldt-Universität.

Ein Leben als Landarzt war für ihn nicht vorstellbar. Jahre später tritt Peter Schrambke doch in die Fußstapfen des Vaters. Ein Schritt, den viele junge Mediziner scheuen.

Ärzte in ländlichen Regionen anzusiedeln, sei schwierig, sagt Ralf Herre von der Kassenärztlichen Vereinigung Brandenburg (KV). Weil Kindereinrichtungen und Schulen zu weit entfernt seien. Weil es oft keinen Arbeitsplatz für den Partner gebe, es am kulturellen Angebot mangele und an der Infrastruktur. Die KV versucht, dem entgegen zu steuern. „Es gibt finanzielle Anreize bei Niederlassung in solchen Regionen, die als drohend unterversorgt oder unterversorgt eingeschätzt werden“, sagt KV-Sprecher Herre. Zudem fördere die KV Brandenburg mit den Kassen die Weiterbildung junger Ärzte zum Facharzt. „Denn das ist Voraussetzung, um überhaupt im ambulanten Bereich tätig zu werden.“

So gut oder schlecht sind die Brandenburger Regionen mit Landärzten versorgt:

Bei ihm sei es eine familiäre Entscheidung gewesen, in die Schorfheide zurückzukehren, erzählt Peter Schrambke. „Wäre ich nicht in die Praxis eingestiegen, hätte mein Vater sehr lange nach einem Nachfolger suchen müssen – mit ungewissem Ausgang.“

Das war 2006. Längst hatte der Sohn da seinen Facharzt in der Tasche, sich als Internist am Klinikum in Schwedt aufs Herz spezialisiert, sich einen Namen gemacht. Eine schwierige Entscheidung für Schrambke. In der Klinik bleiben, um sich für einen künftigen Posten als Chefarzt zu profilieren? Oder zwischen Wiesen, Wald und Weite Patienten von der Wiege bis zur Bahre begleiten? „In so einer Situation braucht man einen Mentor“, sagt der 46-Jährige. Er fand ihn im Vater. Der überzeugte ihn, stand ihm in der ersten Zeit zur Seite.

Feierabend wird eingehalten

Längst sei es nicht mehr wie früher, als Patienten rund um die Uhr beim Dorfarzt klingelten: „Feierabend ist Feierabend.“ Ein Prinzip, das Schrambke nur durchhalten kann, weil er mit seiner Frau nicht in die elterliche Wohnung über der Praxis gezogen ist, sondern eine Viertelstunde entfernt lebt. „Es gibt ein funktionierendes Notdienstsystem“, sagt der Arzt. Dass ihn schwerkranke Patienten dennoch jederzeit erreichen können – das ist eine Selbstverständlichkeit.

Dass Schrambke, wenn er an einem Wochenende Bereitschaft hat, locker 500 Kilometer fährt, stört ihn nicht. Auch außerhalb der Bereitschaftsdienste legt Schrambke reichlich Strecke zurück: Zweimal in der Woche stehen Hausbesuche an. An diesem Tag schaut er bei einem Ehepaar im Dorf vorbei. Der Mann kann sich allein kaum aus dem Bett erheben, die Ehefrau ist rheumakrank. Schrambke setzt das Stethoskop an. Langsam hebt sich der Brustkorb des Patienten. „Puls und Herzschlag normal“, beruhigt der Arzt die Frau. Die entspannt sich sichtlich. „Haben Sie an das Rezept gedacht?“, fragt sie den Mann im weißen Kittel. „Aber sicher“, sagt der. Die nächste Hilfesuchende, die Schrambke besucht, ist 95 Jahre alt. Es sei anstrengend, Verfall ertragen zu müssen, sagt er. Nicht einfach seien auch manche Gespräche mit Angehörigen. Er erinnert sich an die alte Frau, die ins Heim wollte aus Angst, der Familie zur Last zu fallen. Schrambke konnte die Tochter überzeugen, „den letzten Weg gemeinsam daheim zu gehen“. Das seien Besuche, die er nicht mal eben so abschütteln könne.

Dennoch sei der Dienst „auf dem Land“ weniger belastend als der Schichtdienst im Krankenhaus. Obwohl Schrambke die Wohnstätte für schwerst mehrfach behinderte Kinder im Ort und das Pflegeheim im Nachbardorf medizinisch mitbetreut, schon mal in Schwedt im Notarztwagen mitfährt und in den Nachbardörfern Marienwerder und Klandorf Außensprechstunden abhält.

Dennoch muss er Prioritäten setzen. „Ich kann nicht zu jedem Schnupfen rausfahren. Wer gehfähig ist, muss in die Praxis kommen.“ Schrambke kuriert nicht nur Husten und Heiserkeit. Er hat die Geräte für Ultraschalldiagnostik, ist der einzige Mediziner im Umkreis von 50 Kilometern, der Gefäßuntersuchungen vornimmt. Ein Glücksfall für seine Patienten, die sich deshalb nicht so häufig zu Fachärzten nach Bernau oder Eberswalde aufmachen müssen.

Der Mediziner wirkt zufrieden: „In einer eigenen Praxis auf dem Land zu arbeiten, bedeutet für mich ein Plus an Lebensqualität.“ Es sei doch ein Glück zu sehen, dass er Menschen helfen könne. Die danken es ihm mit kleinen Geschenken – wie zu Weihnachten. „In den meisten Schachteln war Mon Cherie.“