Bauvorhaben

Polens Oder-Dörfer wollen mit Brücken mehr Besucher locken

Billig tanken, Zigaretten holen - Polens Grenzregion zieht Menschen aus Deutschland an. Mit neuen Brücken sollen die Regionen westlich und östlich der Oder enger zusammenwachsen. Das freut nicht jeden

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Noch steht ein Sackgassenschild am Ortseingang von Aurith (Landkreis Oder-Spree). Die schnurgerade Hauptstraße durch das 60-Seelen-Dorf nördlich von Eisenhüttenstadt endet nach wenigen Hundert Metern direkt am Oderdeich. An schönen Tagen reihen sich hier die Autos der Ausflügler aneinander. Skater, Radfahrer und Spaziergänger genießen den Ausblick auf die Oder. Denn am Sackgassenschild ist die Welt längst nicht zu Ende. Nur einen Steinwurf entfernt liegt Polen, die Dächer des Dörfchens Urad sind zu sehen.

Wer von Aurith nach Urad will, braucht dafür 42 Kilometer – entweder über den Grenzübergang in Frankfurt oder den in Guben. Dass es auch schneller geht, dafür gibt es bereits seit Jahren Planungen. Im Bundesverkehrswegeplan ist ein neuer Grenzübergang zwischen Frankfurt und Eisenhüttenstadt festgelegt. Wann er realisiert wird, ist allerdings noch unklar, da der Bund seinen Bedarfsplan bis 2015 überarbeitet.

Die neue Brücke entlastet den Frankfurter Übergang

Laut dem Ende 2010 abgeschlossenen deutsch-polnischen Raumordnungsverfahren soll die Brücke in Aurith nach Urad führen – sie ist nicht nur für Einheimische und Touristen, sondern vor allem für den Warenverkehr gedacht, als Entlastung des Grenzüberganges Frankfurt/Autobahn. Um dorthin zu gelangen, müssen die Fahrzeuge quer durch die idyllische Ziltendorfer Niederung. Das missfällt den Anwohnern. Sie setzen sich seit Jahren für die Wiederbelebung der Aurither Fährverbindung ans andere Oderufer ein, so wie es sie bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges gab. Kommunalvertreter aus Polen und Brandenburg unterzeichneten vor einem Jahr eine entsprechende Vereinbarung und hoffen nicht zuletzt, durch die Fähre eine Brücke zu verhindern.

Um die Wiederbelebung einer alten Verbindung über den Fluss geht es auch im 20 Kilometer weiter südlich gelegenen Coschen. Hier ist es die Neiße, die grenzüberschreitend überwunden werden soll. Bis 1945 gab es eine hundert Meter lange Holzbrücke, die von Coschen an der westlichen Flussseite nach Seitwann am östlichen Ufer führte. Nun soll sie für 5,4 Millionen Euro in einer Spannbeton-Variante wieder entstehen – mit Symbolcharakter: Als erstes Viadukt, das seit Jahrzehnten zwischen Brandenburg und Polen neu gebaut wird, trägt es den Namen „Neißewelle“. Der Beschluss des Landkreises Oder-Spree als Bauherr ist gefasst, die Arbeiten haben im November begonnen. Im Juli 2014 soll der Übergang eröffnet werden.

Europa wächst enger zusammen

Während auf politischer Ebene gehofft wird, dass Europa an dieser Stelle weiter zusammenwächst, sind die Coschener selbst wenig erbaut über die Aussichten. Ähnlich wie in Aurith wird auch im 350-Einwohner-Dorf Coschen die Brücke nicht unbedingt gewollt. Schließlich gibt es acht Kilometer weiter südlich in Guben gleich zwei Möglichkeiten, die Neiße zu überqueren – per Auto oder per Zug.

Der Ort in der Niederlausitz liegt ebenso idyllisch in einer nur dünn besiedelten Flussauen-Landschaft. Es gibt weitere Parallelen: Coschen ist bisher auch ein Sackgassendorf wie Aurith – mit dem Unterschied, dass es hier an der Neiße nicht wirklich jemanden gestört hat. Und so sehen viele das Projekt als Geldverschwendung – verschleudert für ein Bauwerk, das dort keiner braucht. .„Wozu auch, da drüben ist ja nichts“, ist immer wieder von Einwohnern zu hören. In der Tat ist das polnische Zytowan (früher Seitwann) mit nur 150 Einwohnern noch kleiner als sein deutsches Gegenüber. Die Straßen haben nicht einmal Namen, die wenigen Gehöfte sind lediglich nummeriert.

Dorfbewohner fürchten starken Verkehr und Grenzkriminalität

Die Dorfbewohner auf der deutschen Neißeseite sehen sich durch den vorhergesagten starken Autoverkehr auf der für Fahrzeuge bis zu 7,5 Tonnen zugelassenen neuen Verbindung belästigt. Immerhin 1000 Fahrzeuge täglich, heißt es in einer Prognose. Die stammt allerdings noch aus den 90er-Jahren, als erste Ideen zur Wiedererrichtung der Brücke aufkamen. Andere Einwohner verweisen auf die sogenannte Grenzkriminalität. Die Coschener fühlen sich von einem Projekt überrumpelt, an das eigentlich niemand von ihnen mehr so recht geglaubt hat.

Auf der polnischen Seite, in Zytowan, freut man sich hingegen auf die Brücke, die Aufschwung verheißt. Das beweist nicht zuletzt eine Straße, die bis zu jenem Punkt am östlichen Neißeufer führt, wo die Brücke anknüpfen soll. Bürgermeister Kazimierz Nowicki hat hochfliegende Pläne. „Eine Tankstelle wird natürlich gebaut, dazu ein Einkaufszentrum, alles von privaten Investoren“, sagt der pensionierte Grenzpolizist.

Ein halbes Dutzend Häuschen

Am Rande von Zytowan steht ein halbes Dutzend winziger Häuschen mit Spitzdach – eine Feriensiedlung, an der bereits gebaut wird, Vorzeigeobjekt wohl auch für den Landrat von Oder-Spree, Manfred Zalenga, der die „touristische Infrastruktur zu beiden Seiten der Grenze vernetzen“ will. „Die Brücke ist gewollt, weil sie uns schneller zu unseren Nachbarn bringt und die Region wirtschaftlich weiterentwickelt“, so die Sicht des Kreis-Verwaltungschefs. Allerdings ist der Brückenbau gegenüber einer ersten Kostenrechnung vor zehn Jahren inzwischen um 800.000 Euro teurer geworden.

Seit dem Grundsatzbeschluss von 2004 gab es unzählige Sitzungen von Planern, Verwaltung, Fördermittelgebern sowie kommunalen Ausschüssen. Und in dieser Zeit stiegen die Preise für Baumaterial und Bauleistungen. Zwar teilen sich die Projektbeteiligten diese Mehrkosten, aber für den Landkreis Oder-Spree als Bauherren bleibt immerhin ein Eigenanteil an den Baukosten von 610.000 statt bisher 484.000 Euro.