Vor der geplanten Versenkung zweier Schiffe am Deichbruch bei Fischbeck (Landkreis Stendal, Sachsen-Anhalt) sind seit dem Sonnabendmorgen Taucher der Bundeswehr an der Stelle im Einsatz. Nach Angaben des Krisenstabs der Landesregierung in Magdeburg erkunden sie die Bodenbeschaffenheiten an der Bruchstelle des Deichs an der Elbe. Am Sonnabend sollten zunächst Panzersperren auf dem Grund verankert werden. Danach ist die Sprengung zweier Schiffe geplant. Sie sollen zusammen mit anschließend aus der Luft abgeworfenen Sandsäcken die Lücke im Deich schließen. Es handelt sich um eine der spektakulärsten Aktionen im Kampf gegen das Hochwasser. Das Vorhaben hat gegen 5.30 Uhr begonnen und könne den Angaben zufolge den ganzen Tag dauern. Außerdem gebe es keine Gewissheit, dass es gelingt.
Zunächst gehe es darum, Schiffe, Sand, Schotter, Sandsäcke, Hubschrauber und die Helfer in Position zu bringen, wie eine Sprecherin des Krisenstabes in Magdeburg in der Nacht zum Samstag mitteilte.
Die versenkten Schiffe sollen den Durchfluss versperren, so dass nicht noch mehr Gebiete mit weiteren Orten wie Havelberg überflutet werden, wie der Krisenstab der Landesregierung am Freitagabend in Magdeburg mitteilte. Bislang steht ein Gebiet von rund 20 mal 10 Kilometern unter Wasser. Derzeit strömen laut Krisenstab durch den Deichbruch bei Fischbeck pro Sekunde rund 300 Kubikmeter Wasser in die Region. Ein Ende ist nicht abzusehen. Es sind bereits mehr als 20 Ortschaften evakuiert, Tausende Menschen mussten ihre Häuser verlassen.
Im Elbe-Saale-Winkel soll ein weiterer Durchbruch in einem Deich bei Breitenhagen (Sachsen-Anhalt) am Samstagmorgen ab 9 Uhr per Sprengung so weit wie möglich erweitert werden, um den schnelleren Wasserabfluss zu ermöglichen. Je nach Ergebnis dieser ersten Sprengung soll es eine weitere geben, sagte Innenminister Holger Stahlknecht (CDU), der den Krisenstab der Landesregierung leitet.
Leichte Entspannung in Brandenburg
Die Hochwasserlage im Nordwesten Brandenburgs stabilisiert sich weiter. Die Pegelstände der Elbe in der Prignitz sinken langsam, wie das Koordinierungszentrum Krisenmanagement in Potsdam am Samstag mitteilte. Die Werte lagen am Morgen aber noch deutlich über dem Grenzwert zur höchsten Alarmstufe 4. So zeigte der Pegel Wittenberge einen Wert von 7,02 Meter, fast einen halben Meter weniger als vor einer Woche. Der Pegel Lenzen sank auf 7,32 Meter. Dennoch bleibe die Region weiter stark gefährdet.
Seit Freitag sind die Bewohner der freiwillig evakuierten Altstadt von Wittenberge wieder in ihren Wohnungen zurück. Das Leben normalisiert sich, viele Geschäfte haben geöffnet. andrat Hans Lange (CDU) hob den Beschluss zur Evakuierung der Stadt wieder auf. Der Katastrophenalarm und die höchste Alarmstufe 4 bleiben jedoch noch bestehen. Die rund 1500 Bewohner der Altstadt waren am Samstagabend vor einer Woche zum freiwilligen Verlassen ihrer Wohnungen aufgefordert worden, als die Elbe auf 7,50 Meter gestiegen war. Die Mehrheit blieb jedoch in der Stadt.
Wittenberger feiern Mittelalter-Festival - trotz Hochwassers
Die Menschen in Wittenberge können trotz Hochwassers sogar ein Mittelalter-Festival auf einer nahe gelegenen Burg feiern. Wie die Veranstalter ankündigen, öffnet das „Plattenburgspektakel“ am Samstag und Sonntag. Da die Festung auf einer Anhöhe liege, sei sie nicht direkt von den Überschwemmungen betroffen. Die Hochwasserlage sei zwar kritisch, aber stabil, wird Uwe Neumann vom Tourismusverband Prignitz zitiert. 50 Cent jeder Eintrittskarte sollen den Hochwasseropfern zu Gute kommen. Die Besucher erwartet unter anderem ein Ritterturnier, eine Feuershow und mittelalterliche Musik.
Landesweit sind noch immer mehr als 1700 Einsatzkräfte der Feuerwehren, Bundeswehr sowie von Hilfsorganisationen, Bundes- und Landespolizei und freiwillige Helfer bei der Hochwasserabwehr im Einsatz. Allein 1200 von ihnen seien in der Prignitz an Elbe und Havel tätig, hieß es.
Aus den aufgestauten Havelpoldern fließt weiter Wasser in die Elbe zurück. Von den Wassermassen, die durch den Elbdeichbruch bei Fischbeck (Landkreis Stendal/Sachsen-Anhalt) am Morgen immer noch in die rechtselbischen Niederungen strömten, ging weiter keine akute Gefahr für das etwas höher gelegene westliche Havelland aus.
Auch die Elberegion in Mecklenburg-Vorpommern bleibt Katastrophengebiet. Die Behörden warnten zum Wochenende eindringlich vor Hochwassertourismus. Die Deiche dürften nicht betreten oder befahren werden, sagte ein Sprecher des Landkreises Ludwigslust- Parchim. Jede zusätzliche Belastung der mit Wasser vollgesogenen Dämme müsse vermieden werden.
Lauenburger dürfen zurück nach Hause
In Lauenburg (Schleswig-Holstein) können wohl ab Samstagmorgen rund 300 Bewohner zurück in ihre Häuser. Einsatzkräfte hatten am Freitagnachmittag damit begonnen, Wasser aus der überschwemmten Elbstraße zu pumpen. Zuvor war am Pegel in der Stadt ein sinkender Wasserstand der Elbe festgestellt worden. Statiker sollen bei der Rückkehr die Gebäude genau unter die Lupe nehmen.
Angesichts der enormen Hochwasserschäden macht sich das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) für eine Versicherungspflicht für Gebäude stark. Die Versicherung solle die Folgen extremer Wetterlagen und Erdbeben abdecken, schlug das DIW am Freitag vor. Ein solches Modell sei auf Dauer gerechter und für den Staat günstiger als die bisherigen Nothilfen bei Hochwasser, Stürmen und anderen Naturereignissen. Die Branche wehrt sich gegen einen Zwang, jedes Haus versichern zu müssen. Die Justizminister der Bundesländer hatten sich für eine Pflichtversicherung für Hausbesitzer ausgesprochen.
Die deutsche Versicherungswirtschaft kritisierte die Forderungen nach einer Pflichtversicherung für Hausbesitzer gegen Naturkatastrophen wie Überschwemmungen. „Wenn man über die Einführung einer Pflichtversicherung diskutiert, muss man sich über die Folgen für alle Beteiligten im Klaren sein: Sie nimmt Anreize für eigene Schutzmaßnahmen in den Gefahrenzonen“, sagte der Präsident des Gesamtverbandes der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV), Alexander Erdland, der „Rheinischen Post“ (Samstag). „Aufgrund der großen Schäden wären Staatsgarantien in erheblicher Größe nötig.“
dpa/seg



