Hinter den fußballfeldgroßen Panoramafenstern türmen sich dunkle Wolken. Draußen in der Realität scheint gerade eine Regenfront durchzuziehen. Eine abstrakte Information aus einer anderen Welt. Unter der Stahlkuppel ist sie ohne Bedeutung. 28,3 Grad Celsius Lufttemperatur, 31,3 Grad Wasser, 67,6 Prozent Luftfeuchtigkeit meldet die Anzeigetafel am „Palm Beach Restaurant“. Das Wasser ist blau, der Strand ist weiß, die Palmen sind grün.

Im pipiwarmen Nass planschen die Kinder. Mütter dösen am Sandstrand über ihren Romanen ein. Väter holen sich noch ein Weizenbier. Ihre Blicke verirren sich manchmal zu den jungen Mädels, die auf der Strandpromenade ihre Tattoos spazieren führen. In ein paar Stunden, wenn der Strandtag sich neigt, wird hier eine heiße Tropennacht anbrechen mit Barbecue, Cocktails und Erotik. Ein optimierter Urlaubstag. Mehr als 900.000 Menschen checken jährlich im brandenburgischen Brand zu einem Kurzurlaub im wahrscheinlich größten Brutkasten der Welt ein.

Vor zehn Jahren wurde diese Halle zum Mausoleum eines der kühnsten Unternehmensprojekte der jüngeren deutschen Wirtschaftsgeschichte. Ursprünglich geplant und gebaut als gigantische Luftwerft, sollten hier riesige Zeppeline endmontiert werden. Doch die Vision vom Lastentransporter der Zukunft wurde nie Wirklichkeit. Nur zwei Jahre nach dem Börsengang musste die Cargolifter AG im Sommer 2002 Insolvenz anmelden. Zurück blieb eine sehr große Halle.

Urlaubsglück - eine Frage der Zahlen

Was folgte, erschien vielen zunächst als eine noch viel größere Schnapsidee als die Sache mit den Zeppelinen. Insolvenzverwalter Rolf-Dieter Mönning jedenfalls soll beim ersten Mal einfach aufgelegt haben, als ein Anrufer ihm zu erklären versuchte, dass ein Investor aus Malaysia die Luftwerft in ein Tropenparadies verwandeln wolle. Er glaubte offenbar, jemand wolle ihn verschaukeln. Den Beweis des Gegenteils ließ sich der Tanjong-Konzern bis heute rund 160 Millionen Euro kosten, 17 Millionen Euro gab es als staatliche Fördermittel obendrauf.

Urlaubsglück, das lernt der Tropical-Islands-Besucher schnell, ist in erster Linie eine Frage der Zahlen. Die Malaien haben für ihre 180 Millionen Euro weit mehr bekommen als nur zwei große Pools mit angrenzender Sandkiste. Zwischen Südsee und Bali-Lagune erstreckt sich ein Höhenzug, der mit 50.000 Gewächsen bepflanzt und als Regenwald ausgewiesen ist, auch wenn es in Tropical Islands natürlich niemals regnet. Es gibt ein künstliches Dorf mit Shoppingzeile und Restaurants, einen kleinen Freizeitpark sowie den höchsten Wasserrutschen-Turm Europas.

Etwa 50 Euro netto gibt der durchschnittliche Tropical-Islands-Besucher pro Tag aus, der Eintrittspreis von 34,50 Euro pro Erwachsenem ist da schon mit eingerechnet. Bedenkt man die gewaltigen Kosten der mithilfe von 537 festen und 100 externen Mitarbeitern sowie drei Blockheizkraftwerken bereitgestellten Dienstleistung, ist das zu wenig. Das weiß auch Ole Bested Hensing, Geschäftsführer der Tropical Islands Holding. „Mit Freizeitparks“, stellt er lapidar fest, „lässt sich in Deutschland kein Geld verdienen.“

Tatsächlich deutete lange alles darauf hin, dass das Tropenparadies bald dasselbe Schicksal ereilen würde wie zuvor die Luftschiffbauer. Das Unternehmen hatte zwar zum Schnäppchenpreis von 17,5 Millionen Euro eine riesige Halle auf einem noch riesigeren Areal erworben. Doch nach der überstürzten Eröffnung im Dezember 2004 wirkte Tropical Islands eher wie billig zusammengehauen. Die Investoren waren entsetzt und wechselten schnell das Management aus, die Verluste in den ersten Jahren waren immens. Gemessen daran, kann Manager Hensing heute entspannt seine Zahlen für das Geschäftsjahr 2011 herunterbeten: 912.000 Besucherankünfte, der Umsatz wuchs auf rund 37 Millionen Euro. Das operative Geschäft erbrachte einen positiven Cashflow von zuletzt 2,5 Millionen Euro. Und es wird wieder im großen Stil gebaut.

12.000 Betten geplant

Gerade fertig geworden ist die „Tortuga-Bay“ für fünf Millionen Euro, eine Piratenwelt samt angeschlossenem Übernachtungskomplex mit 300 Betten. Außerhalb der Halle ist für knapp 30 Millionen ein Konferenzzentrum mit angeschlossenem 124-Zimmer-Hotel geplant. Wo heute nur ein paar Flugzeugbunker zuwuchern, sollen vier weitere, eigenständige Resorts entstehen. Westerndorf, Mittelalterdorf, Tropendorf, 50er-Jahre-Dorf. Wie in der Tropenhalle sollen die Urlauber auch hier inmitten der Kulisse wohnen. Insgesamt 12.000 Betten soll die Anlage in der Endausbaustufe umfassen, drei Millionen Übernachtungen im Jahr will man erreichen. Zudem ist ein Golfplatz geplant, und auch der Flugplatz soll wieder in Betrieb genommen werden. „Der Plan ist, dass wir das größte Themenresort Deutschlands bauen“, verkündet Hensing, der für das Vorhaben derzeit mit potenziellen Investoren spricht. Das Projekt soll rund eine halbe Milliarde Euro kosten.

Wenn es Nacht wird unter dem stählernen Firmament, ändert sich im Tropical Islands zwar nicht das Klima, wohl aber die Atmosphäre. Wo eben noch Kinder tollten, kommen sich jetzt die jungen Erwachsenen näher. Ein Paar vergnügt sich eng umschlungen unter einer Brücke, ein anderes verschwindet in der Grotte hinterm Wasserfall. Was die gerade Volljährigen dort treiben, will man so genau lieber nicht wissen.