Klimawandel

In Brandenburg gedeihen jetzt auch Südfrüchte

Ein Hauch Italien auf Brandenburgs Obst-Plantagen - Der Klimawandel ermöglicht dort jetzt auch den Anbau von Südfrüchten. Statt mit Kohl und Kartoffeln experimentieren Landwirte nun mit Aprikosen, Trauben und Kiwis.

Foto: ZB / ZB/DPA

Am Rande von Müncheberg fühlt sich der Besucher für einen Moment wie im Italien-Urlaub: Dicke Tafeltrauben hängen an üppig wachsenden Weinreben, die Hauswände emporklettern. Gleich plantagenweise gibt es Aprikosenbäume, die unter den reifen, goldgelben Früchten fast zusammenbrechen. Die Pfirsiche in den Nachbar-Baumreihen sind zwar noch grün, haben aber schon jetzt eine beachtliche Größe erreicht – doppelt so groß, wie gewohnt.

Glaubt man Hilmar Schwärzel, so steht hier der Brandenburger Obstbau der Zukunft. „Der Klimawandel zwingt uns zu anderen Anbaukulturen – die frostharte Winter ebenso überstehen wie Wintereinbrüche im Frühjahr, extrem viel oder wenig Niederschläge sowie heiße Sommer.“ Der promovierte Agraringenieur ist Herr über dieses 32 Hektar große Freilandlabor, Herzstück der einzigen Versuchsstation für Obstbau in Brandenburg, Bestandteil des Landesamtes für Verbraucherschutz, Landwirtschaft und Flurneuordnung. Er und seine Kollegen testen neue Sorten für den Anbau in der Mark, in der Klimaveränderungen offenbar deutlicher zu spüren sind als anderswo in Deutschland.

Erfolgreiche Tests gibt es vor allem bei Aprikosen. Aber auch Pfirsiche, Kulturheidelbeeren, Himbeeren, Tafeltrauben, Wintertafelbirnen und sogar Kiwis lassen sich inzwischen in Brandenburg anbauen, haben die Müncheberger erprobt. Einfach auf Pflanzen aus südeuropäischen Ländern zurückzugreifen, bringt laut Schwärzel allerdings nichts. „Wir haben spezielle Verfahren für den Anbau entwickelt und neue Sorten gezüchtet, die den Brandenburger Gegebenheiten angepasst sind.“

Die Vegetationsperiode hat sich in Brandenburg laut Schwärzel verlängert, sie beginnt im Schnitt 20 Tage früher und endet fünf Tage später. „Das ermöglicht uns den Anbau von Früchten, die wir bisher importieren mussten.“

Dass diese Methode funktioniert, beweist die reiche Ernte des Müncheberger Freilandlabors. Trockene Böden, hohe Temperaturen und wenig sowie zeitweise sehr viel Niederschlag im Sommer, dazu starker Frost im Winter verlangen den Kulturpflanzen alles ab. Die Bäume und Pflanzen hier waren den gleichen Wetterkapriolen ausgesetzt wie auch alle anderen Anbaukulturen in der Mark. Doch während die Obstbauern über Ertragseinbußen von 40 bis 60 Prozent klagen, freuen sich der Leiter der Versuchsstation und seine Mitarbeiter über eine ausgesprochen reiche Ernte.

Temperaturspanne von 70 Grad

Angepasste Sorten müssen her, und an einigen von ihnen forscht Schwärzel bereits seit 30 Jahren. „Ich habe neue Kulturen anbaufähig gemacht – sie wachsen bei Temperaturen zwischen minus 30 und plus 40 Grad“, sagt er stolz. 35000 Aprikosen-Sämlinge haben die Mitarbeiter der Müncheberger Versuchsstation gezogen. Inzwischen sind die Pflanzen, denen augenscheinlich Staunässe, Winterkälte und Sommerhitze nichts ausmacht, hüfthoch und werden an Baumschulen zur weiteren Veredlung verkauft. „So ein Baum bekommt ein Kronenvolumen von 40 Kubikmetern. Pro Kubikmeter wachsen ein halbes bis zwei Kilogramm Aprikosen“, rechnet Schwärzel den möglichen Ertrag vor.

Ein Umstand, der vor allem Kleingärtner und Direktvermarkter erfreuen dürfte, nicht aber Obstbauern, die an große Handelsketten liefern, sagt Steffen Aurich, Geschäftsführer der Erzeugergemeinschaft Markendorfer Obst eG in Frankfurt. „Wenn die Supermärkte beispielsweise keine Aprikosen aus Deutschland wollen, bringt das alles nichts“, schätzt er die Situation ein. „Oder aber sie wollen Mengen in Größenordnungen, die wir nicht produzieren können.“

Lager- und Vermarktungskapazitäten hätten die Obstbauern nach wie vor bei Äpfeln, wo es laut Aurich ebenfalls bereits angepasste Sorten gibt. Damit Obstbauern durch Wetterkapriolen nicht um die komplette Ernte gebracht werden, sind mehrere Sorten erforderlich, die zu unterschiedlichen Zeiten reif werden, hält Schwärzel dagegen und verweist erneut auf die erprobten Aprikosen. „Um das Verlust-Risiko beispielsweise durch Hagelschlag zu minimieren, muss ich mehrere Kalenderwochen ernten können“, macht er deutlich.

Dass Obstbauern jetzt nicht bereits sind, sofort ihre komplette Produktion umzustellen, ist für ihn durchaus verständlich. „Pro Hektar Anbaufläche investieren sie mindesten 35000 Euro in Obstbäume, die dann 20 bis 25 Jahre Ertrag bringen müssen, um sich zu amortisieren“, beschreibt er. „Damit der Obstanbau diese Landwirte auch zukünftig noch ernährt, führt an der schrittweisen Umstellung des Sortiments allerdings kein Weg vorbei“, ist Schwärzel aber überzeugt.

Darin ist er sich mit dem märkischen Landesgartenbauverband einig. Eine Reform des Brandenburger Obstanbaus im Zuge des Klimawandels ist demnach unabdingbar.