Beim Hochwasser von Neiße und Spree in Brandenburg hat sich in der Nacht zum Dienstag eine leichte Entspannung angedeutet. So sei der Pegelstand der Neiße bei Klein Bademeusel (Spree-Neiße) binnen einer Stunde um fünf Zentimeter gesunken und habe um 0 Uhr bei 5,12 Metern gelegen, um 5.30 Uhr schon bei 4,75 Meter, sagte eine Sprecherin der Katastrophenschutzbehörde des Landkreises Spree-Neiße. Den höchsten Stand hatte der Fluss dort zuvor mit 5,28 Meter erreicht. An der Neiße gilt weiterhin die höchste Alarmstufe 4, an der Spree die Stufe 3. Auch die Spree bei Spremberg führt inzwischen etwas weniger Wasser.
Der zur Stadt Forst gehörende Ort Klein Bademeusel war am Montag wegen eines drohenden Deichbruches evakuiert worden. Mit sinkendem Pegel konnten die Einwohner aber bereits Dienstagmorgen wieder auf die Rückkehr hoffen. Gegen Mittag hob Landrat Harald Altekrüger (CDU) die angeordnete Evakuierung dann auf, wie das Innenministerium in Potsdam mitteilte.
Drei weitere kleinerer Gemeinden musste aber am Dienstag evakuiert werden. Ministerpräsident Matthias Platzeck (SPD) fasste seine Eindrücke mit den Worten zusammen: „Wir halten die Situation für angespannt, aber beherrschbar.“
Anders als Sachsen verfügt Brandenburg über Möglichkeiten, das Hochwasser teilweise zurückzuhalten und zu kanalisieren. Eine Schlüsselrolle fällt dabei der bisher fast leeren Talsperre bei Spremberg zu, die zunächst große Mengen Spreewasser aufnehmen kann. Am Dienstagmorgen will Umweltministerin Anita Tack (Linke) gemeinsam mit dem Präsidenten des Landesumweltamtes, Matthias Freude, das sogenannte Auslaufbauwerk öffnen, über das dosiert Wasser in Richtung Cottbus, Spreewald und Berlin abgegeben werden soll. Obendrein können zur Flutung bereitstehende Tagebaurestlöcher der Braunkohleregion einiges schlucken.
So viel Wasser wie aktuell habe die Lausitzer Neiße zuletzt 1981 gehabt, sagte Umweltamts-Präsident Freude. Auf die Erfahrung von damals könne aufgebaut werden. „Aber die Deiche sind alt.“ Im Raum Grießen wurden bis zum Montagabend drei Deichbrüche gemeldet, ohne dass größere Schäden entstanden. Anderswo waren Feuerwehrleute damit beschäftigt, Sickerstellen abzudichten. Binnen 12 bis 18 Stunden könnte das Hochwasser Experten zufolge den Landkreis durchqueren. In der Neiße-Stadt Guben zeigte der Pegel bei steigender Tendenz zuletzt fast 5,80 Meter an, womit die Alarmstufe 3 gelten würde. Ob hier auch die Stufe 4 (ab 6,40 Meter) erreicht wird, ist unsicher.
Am Dienstagmorgen will der Krisenstab des Kreises in Forst über die Lage informieren. Unterstützt werden die betroffenen Kommunen von Brandenburgs Katastrophenschutzstab, den das Innenministerium zwei Monate nach dem Oderhochwasser erneut aktivierte. Nach Ministeriumsangaben forderten der Landkreis Spree-Neiße und die Stadt Cottbus insgesamt 400 000 Sandsäcke an.
Die Stadt Cottbus rechnete damit, dass der Hochwasserscheitel der Spree am Dienstagnachmittag durchzieht. Deichbrüche könnten nicht ausgeschlossen werden, hieß es in einer Mitteilung der Stadtverwaltung. Inzwischen kamen vorsorglich Deichläufer zum Einsatz.
Die Lage an der Elbe ist laut Regierungschef Platzeck derzeit entspannt und wird voraussichtlich ungefährlich bleiben. Für den Fluss soll vom kommenden Samstag an in der Prignitz die niedrigste Alarmstufe 1 gelten. Ebenfalls günstige Bedingungen herrschen an der Oder, in die die Neiße bei Ratzdorf (Oder-Spree) mündet. Nach dem Hochwasser im Frühjahr steht das Wasser dort derzeit nur mittelhoch, so dass der Grenzfluss die Mengen aus der Neiße voraussichtlich problemlos aufnehmen kann.
Kritik an polnischer Umweltbehörde
In Sachsen ist von Normalität noch keine Rede, obwohl sich die Lage hier ebenfalls entspannt hat. Das Kabinett will am Mittag ein Darlehensprogramm im Umfang von 100 Millionen Euro auf den Weg bringen. Das hatte Regierungschef Stanislaw Tillich (CDU) am Montagabend nach einem Treffen mit seinen Ministerkollegen angekündigt. Er gehe davon aus, dass es zudem ein Sonderprogramm des Bundes geben muss, sagte er der „Sächsischen Zeitung“.
In etlichen Orten des Landkreises Görlitz entlang der Neiße wurde der Katastrophenalarm am Montagabend aufgehoben. „Es ist alles rückläufig. Die Lage entspannt sich“, sagte eine Sprecherin des Katastrophenschutzstabs des Landkreises Görlitz am frühen Dienstagmorgen. Allerdings habe die Polizei in Ostsachsen ihre Präsenz wegen befürchteter „Plünderungen“ vorbeugend erhöht. „Anwohner haben Angst vor Einbrüchen und Diebstählen“, sagte die Sprecherin, da viele Häuser „zum Trocknen offenstehen“.
Während das verheerende Hochwasser am Montag in Sachsen langsam zurückging, war die Hochwasserwelle der Neiße nach Norden gezogen. Am Mittag kam der Scheitel in Bad Muskau an. Ein Teil des Unesco- Weltkulturerbes Fürst-Pückler-Park steht seither unter Wasser. Zwei vor dem Kurort liegende Dörfer wurden überflutet, Deiche brachen unter dem Druck des Hochwassers.
Kritik regte sich unter anderem an der Arbeit der polnischen Umweltbehörden. Tillich, der die Flutschäden in Sachsen auf einen dreistelligen Millionenbetrag schätzt, kündigte eine umfassende Untersuchung der Informationsketten nach dem Dammbruch am Witka- Stausee in Polen an. Die Wassermassen hatten die Neiße am Samstag innerhalb kürzester Zeit massiv und quasi ohne Vorwarnung anschwellen lassen. Die Behörden in Sachsen seien zunächst nur über eine erhöhte Abflussmenge aus der Talsperre, nicht aber über einen Dammbruch informiert worden, sagte der Regierungschef. Das habe Zeit gekostet.
dpa/sh














