Stasi

CDU-Politiker Dombrowski von Freund bespitzelt

Der CDU-Politiker Dieter Dombrowski erfährt 20 Jahre nach dem Ende der DDR, dass ihn sein Freund Gero Hilliger an die Stasi verriet. Hilliger war ursprünglich selbst in der DDR angeeckt.

Foto: Reto Klar

Verrat verjährt nicht, erst recht nicht der Verrat durch einen vermeintlichen Freund. Selbst wenn das Opfer lange nichts davon gewusst hat. „Im Grunde wollte ich es nicht wissen“, sagt Dieter Dombrowski, heute CDU-Generalsekretär in Brandenburg. „Ich habe es wohl verdrängt.“ Erst jetzt, 20 Jahre nach dem Ende der DDR-Staatssicherheit, realisiert der Politiker, dass sein einst enger Freund Gernot „Gero“ Hilliger, bekannt als „schnellster Karikaturist der Welt“, ihn für Geld verraten hat.

Herausgefunden haben das der Potsdamer Politikwissenschaftler Stefan Appelius und die Zeitschrift „Super-Illu“. In der aktuellen Ausgabe nennt das Blatt erstmals zahlreiche Fakten aus Hilligers über 2500 Seiten starker Stasi-Akte. Für Dombrowski, in den 70er- und 80er-Jahren als Aktivist der Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte ein Lieblingsfeind der SED-Diktatur, stellt sich nun die Frage nach Konsequenzen.

Hilliger war ursprünglich selbst in der DDR angeeckt. Er saß wegen Fahnenflucht und wegen versuchter Spionage rund fünf Jahre im Gefängnis, durfte dann 1974 endlich nach West-Berlin ausreisen. Dort machte er sich einen Namen als Künstler - und als vermeintlich überzeugter DDR-Gegner. Deshalb vertrauten ihm SED-Gegner in West-Berlin - die Hilliger nach Aktenlage dann gegen Honorar ausspionierte.

Zum Beispiel Dieter Dombrowski. Der gelernte Maler war schon als junger Mann in der DDR unangepasst. Am 13. August 1974 wurde er vom Bezirksgericht Schwerin zu vier Jahren Gefängnis verurteilt, wegen versuchter „Republikflucht“ und „staatsfeindlicher Verbindungsaufnahme“. 20 Monate saß Dombrowski in Cottbus in Haft, dann kaufte die Bundesregierung ihn frei. Im Westen begann Dombrowski, gegen das Unrecht im Osten zu protestieren. Als rühriger DDR-Gegner war er immer ein Ziel für Stasi-Agenten, erst recht, als er für die CDU politische Mandate übernahm.

IM „Brunnen“, so einer von Hilligers Decknamen, verriet nach den jetzt erstmals vollständig ausgewerteten Stasi-Akten alles an seine Führungsoffiziere, was relevant erschien. „Verdienstmedaillen der Nationalen Volksarmee“ in Bronze, Silber und Gold sowie die „Medaille für treue Dienste in der Nationalen Volksarmee“ waren dem MfS die Dienste von Hilliger wert, im zweiten Halbjahr 1989 erhielt er allein 5500 DM Agentenlohn. Die letzte Zahlung quittierte Hilliger am 28. November 1989, also 19 Tage nach dem Fall der Mauer.

Ausmaß der Bespitzelung weitaus größer als angenommen

Viereinhalb Jahre später enttarnte der Morgenpost-Reporter Lutz-Peter Naumann den Spitzel Hilliger. Es kam 1996 zum Prozess. Doch konnte er die Richter überzeugen, dass „durch seine Tätigkeit ein nachweisbarer Schaden für Dritte nicht eingetreten“ sei. Außerdem könne eine „erhebliche Einschränkung des Hemmungs- und Steuerungsvermögens des Angeklagten“ nicht ausgeschlossen werden, hieß es im Urteil. So wurde Hilliger nur zu einem Jahr Haft auf Bewährung verurteilt. Erst jetzt, 14 Jahre später, wird das wahre Ausmaß seiner Tätigkeit für das MfS deutlich. „Hilliger war eine überaus wichtige Quelle für das DDR-Regime. Er denunzierte praktisch sein gesamtes Umfeld, schwärzte seine Freunde an und nahm dabei auch in Kauf, dass Menschen ernsthaft zu Schaden kamen“, sagt Appelius, der in Stasi-Akten schon zahlreiche Entdeckungen gemacht hat.

Ausdrücklich hatte das MfS den Kontakt zu Hilliger gesucht, weil er „aufgrund seiner verbüßten Freiheitsstrafe“ wegen Fahnenflucht und Spionage „einen ,guten Leumund' für negative Künstlerkreise“ habe. Dieses Kalkül ging auf: In West-Berlin kam Hilliger rasch in Kontakt mit der CDU und ihrer Jugendorganisation Junge Union. Er erfuhr und verriet Details über geplante Proteste gegen das DDR-Grenzregime, informierte die Stasi über Gespräche mit dem CDU-Abgeordneten Jürgen Wohlrabe und mit Gerhard Löwenthal, dem Moderator des „ZDF-Magazins“.

Eher zu den skurrilen Ergebnissen gehörte, dass Hilliger ein Gedenkkreuz für das am 22. November 1980 erschossene Maueropfer Marienetta Jirkowsky abmontierte und der Stasi übergab. Auch etliche Gespräche mit Falko Vogt, der mit der erst 18 Jahre jungen Frau geflüchtet war, die Sperren aber unverletzt überwinden konnte, schnitt Hilliger mit und übergab die Tonbänder seinem Führungsoffizier. Der Spitzel bekam den Auftrag, den jungen Mann „fester an sich zu binden und auf ihn Einfluss zu nehmen“ sowie „weiter zur Isolierung von V.“ beizutragen. Ziel war es laut Stasi-Akte, den DDR-Kritiker „aus der Öffentlichkeit herauszulösen“. Hilliger sei der hinterhältigste Mensch, der ihm je begegnet sei, sagt Vogt heute rückblickend.

Über Dombrowski berichtete Hilliger jahrelang, selbst über höchst private Details. Es ist wahrscheinlich, wenn auch bisher nicht nachweisbar, dass die Stasi dieses Wissens gegen den CDU-Mann einsetzte. Die neuen Erkenntnisse empfindet er als „Schlag ins Kontor“, jetzt kläre sich manch offene Frage: „Ich war immer stolz darauf, dass ich der Einzige war, für den Gero kostenlos arbeitete. Damals hat mich das beeindruckt – nun weiß ich, dass jemand anderer bezahlt hat.“

Dombrowski will Klarheit über Westarbeit der Stasi

Dombrowski hält die Aufarbeitung der Westarbeit des Ministeriums für Staatssicherheit für die derzeit dringendste Aufgabe: „Es wäre ein echter Beitrag zur inneren Einheit Deutschlands, wenn endlich auch der Einfluss des MfS auf den Westen systematisch erforscht wird.“ Es sei ungerecht, dass bisher der Schwerpunkt der Arbeit auf Ostdeutschland gelegen habe: „1990 waren sich die Bürger in Ost und West einig: ‚Wir sind ein Volk!' 20 Jahre danach sollte dies auch für die Aufarbeitung von Unrecht und Verstrickungen mit dem System gelten.“ Die Stasi sei ebenso ein westdeutsches Problem. „Schließlich haben im Gegensatz zu Ost-IMs, die oft massiv unter Druck gesetzt wurden, viele Westmitarbeiter des MfS, die in Freiheit lebten, ihre Tätigkeit für Geld und aus Geltungssucht ausgeübt“, sagt Dombrowski. Den 59-Jährigen bespitzelten in West-Berlin zwölf IMs. Noch heute kennt er von sechs die Klarnamen nicht. „Die Aufarbeitung geht oft zu langsam, hier muss sich etwas ändern“, kritisiert Dombrowski.

Er selbst trägt zur Aufklärung bei. So konfrontierte er erst kürzlich den Mann, der mutmaßlich im Auftrag der Stasi Dombrowskis Freund Bernd Moldenhauer erdrosselt hat, mit dieser verdrängten Vergangenheit. Oder er geht in Häftlingskleidung in den Landtag, um gegen die Beteiligung von überführten Stasi-Spitzeln an der rot-roten Regierung in Brandenburg zu protestieren.

Einen Schlussstrich unter der Stasi-Vergangenheit lehnt Dombrowski ab – gerade weil er erst jetzt die Wahrheit über Gero Hilliger erfahren hat. Deshalb fordert er auch künftig umfangreiche Stasi-Überprüfungen: „Jeder, der sich um ein öffentliches Amt bewirbt, sollte durchleuchtet werden. Und alle Bundestagsabgeordneten, gegenwärtige und ehemalige, ohnehin. Das ist ein Gebot des Anstandes.“

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