Wenn Udo Jürgens sang „Mit 66 Jahren, da fängt das Leben an“ schwang immer auch Ironie mit. Und die Botschaft: lasst es gar nicht erst so weit kommen, lebt schon vorher! Bei Annette Ahme, die mal eine bekannte Politikerin der West-Berliner Alternativen Liste war (die später in den Grünen aufging), darf man die Liedzeile von Udo Jürgens fast wörtlich nehmen. Am Dienstag wird sie 66 und startet ihr neues Leben, in dem sie eine Sängerin sein will. So ganz weit hergeholt ist das für sie nicht, denn bevor sie sich ins politische Getümmel stürzte, lebte sie schon einmal ein Jahr lang vom Singen.
An ihrem 66. am Dienstag singt sie ab 18 Uhr in der Passionskirche am Marheinekeplatz. Warum denn auch mit der großen Feier warten, bis man tot ist? Dann hat man ja selbst nichts mehr davon. „Dass ich einmal gefeiert werde und im Mittelpunkt stehe, das kann ich ja auch schon vorher erleben.“ Das Konzert ist ein Testballon: „Vielleicht sind da zwei oder drei Leute im Publikum, die mir anschließend Mut geben. Mir fehlt vor allen Dingen die Courage.“ Das Programm entsteht seit Wochen in ihrem Kopf. Auf jeden Fall wird sie das Berlin-Lied vortragen, das sie 1978 oder 79 schrieb und in dem es heißt: „Mensch, was könnte die Stadt hergeben? Platz für jede Macke im Leben!“ Inzwischen kommt einem so manche Zeile prophetisch vor. Beispielsweise diese: „Auf dem Flughafen Tempelhof wird Gras gesät und zehn Jahre lang nicht gemäht.“
Wenn die Geburtstagsfeierlichkeiten abgeklungen sind, will Annette Ahme sich weiter darum kümmern, das Taubheitsgefühl in ihren Füßen abklären zu lassen. „Das kann schließlich ein Vorbote von Parkinson sein. Drei Freunde haben Parkinson und bei ihnen fing das so an. Meine geliebte Freundin Gaby starb daran.“
„Wahrscheinlich haben wir ein Leben nach dem Tod“
Ihr Vater starb früh mit 38 Jahren. „Ich war da sechs Jahre alt und hatte noch kein richtiges Verhältnis zu ihm entwickeln können. Mit meinen älteren Geschwistern konnte er schon mehr anfangen. Für mich war er immer nur weg. Sein Tod war für mich total abstrakt, kein Verlustgefühl.“ Ihre Mutter wurde 86, die Oma sogar 100.
Annette Ahme rechnet nach dem Tod nicht mit dem großen Nichts: „Wahrscheinlich haben wir ein Leben nach dem Tod. Sonst wäre es ja komplett sinnlos, dass wir das ganze Leben lang lernen, bis zum letzten Tag. Und wenn das irgendeinen Sinn ergeben soll, dann den, dass es ein Leben nach dem Tod gibt.“ Angesichts der Belohnungen, die die Religionen ihren Anhängern für die Zeit nach dem Tod verheißen, hat sie sich ihre Gedanken gemacht: „Vielleicht ist es die größte Belohnung, dass der gestorbene Mensch ohne Körper leben darf. Völlig frei als Geist. Weil er sich so entwickelt hat, dass er auf den Körper gerne verzichtet.“
Als ihr Sohn Magnus 1999 mit 12 Wochen am plötzlichen Kindstod gestorben war, machte sie eine Erfahrung, auf die sie gern verzichtet hätte: um sie herum brach das große Schweigen aus. Freunde zogen sich zurück, anderen fehlten die Worte. Sie ist dankbar dafür, dass ihre Beziehung zum Architekten Helmut Maier nicht am Tod des gemeinsamen Kindes zerbrach: „Das passiert in dieser Situation ja vielen Paaren.“
Schon seit 1999 steht fest, wo sie mal begraben wird
Der Tod ist für Annette Ahme immer präsent. „Vor allem dadurch, dass mein Mann 20 Jahre älter ist, wird mein Leben dadurch bestimmt, dass er jeden Tag sterben kann. Das ist doof und ich möchte es eigentlich verdrängen, aber es geht nicht.“ Über diesen Gedanken schwebt eine Frage: „Werde ich nach seinem Tod mehr sein Erbe pflegen oder mehr mein Leben?“
Ihre Töchter müssen, wenn die Mama einmal stirbt, nicht entscheiden, wo sie sie begraben sollen. Das hat Mutter schon selbst erledigt. „Ich liebe den weitläufigen Alten Luisenstädtischen Friedhof am Südstern. Da gibt es Expressionismus und Jugendstil vom Feinsten. Für mich der schönste Friedhof von Berlin. Mit großen Flächen ohne Grabstellen, Wildwiesen mit hohen Halmen. Da wollte ich eigentlich mein Grab haben. Aber das wird nicht vergeben.“ Das Grab an der Steinwand suchten sie 1999 aus, als der Sohn gestorben war. Hier ist unter dichtem Efeu für ihren Sarg und den ihres Mannes Platz.
Annette Ahme fühlte sich selbst dem Tod noch nie näher als dem Leben: „Aber man stellt sich ja fast jeden Tag die Frage: Was soll das alles? Darüber wird zu wenig gesprochen.“ Ihre eigene Aufgabe im Universum kann sie klar benennen: „Meine Mission ist die Empathie.“ Mit mehr Einfühlungsvermögen, davon ist sie überzeugt, wäre die Welt eine bessere. Gern würde sie diesem Ziel mit ihrer Begeisterung für die Musik dienen: „Parzival ist als Märchen eine Story der Empathie. Ich hätte die Vision, aus Parzival ein europäisches Musical der Empathie zu machen. Eine Hommage an die Empathie!“ Sie ist vom Erfolg eines solchen Projekts überzeugt: „Das würde vor allem die Männer anziehen, um die geht es bei diesem Thema doch besonders.“
Trauerfeier: „Ich will, dass es locker zugeht“
Sie sprüht vor Ideen, auch der Zustand der sozialen Netzwerke treibt sie um: „Wir brauchen ein europäisches Facebook.“ Wenn es nach ihr ginge, könnte in diesem neuen Netzwerk niemand aus der Deckung der Anonymität andere angreifen: „Jeder müsste sich klar zurückverfolgbar verifizieren. Und jeder, der mitmachen will, muss unterschreiben, nicht gegen definierte Werte zu verstoßen.“ Auch wenn es sich um eine europäische Gründung handeln würde, sollte niemand, der sich an die Regeln halten will, ausgeschlossen werden: „Jeder kann teilnehmen, auch Nicht-Europäer. Und jeder muss sich einen Namen geben, der nicht doppelt vorkommt. Das funktioniert, indem man sich einen zweiten Vornamen auswählt. Der zweite Vorname soll aus einer anderen Kultur stammen und vielleicht auch vom anderen Geschlecht.“
Wie ihre eigene Trauerfeier irgendwann einmal aussehen wird, will Annette Ahme nicht dem Zufall überlassen: „Ich möchte vielleicht meine Trauerrede selber schreiben. Und den Ablauf definieren.“ Auf jeden Fall sollen ihre eigenen Lieder gespielt werden. „Ich will, dass es locker zugeht. Dass die Leute stehen und nicht brav sitzen, Tasse Kaffee in der Hand. Sie sollen miteinander reden. Während die Rede gehalten wird, läuft leise Musik, um die Situation zu entspannen.“ Sie will keine dieser ritualisierten Trauerfeiern, bei denen sich jeder ständig fragt: „Mache ich das jetzt richtig?“ Annette Ahme lacht: „Am besten bekommt jeder vorher eine Locker-Pille, und dann reden die Leute miteinander. Meinetwegen gern über mich.“


