Stellen wir uns vor, Friedrich Merz würde in diesem Herbst vor die Kameras treten und sagen: „Bis Weihnachten soll in Deutschland kein Mensch mehr auf der Straße schlafen müssen.“ Genau das hat Andy Burnham getan. Der neue britische Premierminister hat die Bekämpfung der Straßenobdachlosigkeit zur Chefsache erklärt und will jedem Menschen, der in England auf der Straße schläft und Hilfe möchte, bis Weihnachten einen Weg von der Straße anbieten. Dafür stellt seine Regierung 442 Millionen Pfund bereit.

Burnham verweist darauf, dass England während der Corona-Pandemie gezeigt habe, dass es möglich ist, Menschen kurzfristig von der Straße zu holen. Hotels, Pensionen und andere Unterkünfte wurden genutzt. Wenn ein Land in einer Krise entscheidet, dass niemand draußen schlafen soll, findet es plötzlich Mittel und Wege.

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Ich habe mehr als 30 Jahre in Berlin in der Obdachlosenhilfe gearbeitet. Wir haben Notübernachtungen aufgebaut, Kältebusse losgeschickt, Essen verteilt, Schlafsäcke ausgegeben. Später kamen Housing First und bessere Eingliederungsangebote hinzu. Und ja: Wir haben Menschen geholfen. Manchem Menschen wurde so vielleicht sogar das Leben gerettet. Und viele fanden den Weg zurück in ein eigenes, selbstbestimmtes Leben.

Zahl der Wohnungslosen in Deutschland steigt

Rund 4800 Menschen sollen es sein, die in England pro Nacht auf der Straße schlafen. In Deutschland ist die Dimension größer, als viele vermuten. Anfang 2026 waren rund 453.000 Menschen wegen Wohnungslosigkeit untergebracht. Die Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe schätzte für 2024 gut eine Million wohnungslose Menschen, darunter rund 56.000 ohne Unterkunft. In Berlin waren Anfang 2025 rund 53.600 Menschen in Unterkünften untergebracht. Vermutlich leben um die 6000 auf der Straße. Das zeigt, wie groß die Aufgabe tatsächlich ist.

Deshalb würde ich Burnhams Vorhaben nicht vorschnell zum Erfolgsmodell erklären. Vor allem wissen wir nicht, ob es genügend Wohnungen und Menschen gibt, die diese Arbeit leisten können. Trotzdem beeindruckt mich die Haltung. Er hätte auch sagen können, das Problem sei kompliziert, dafür seien die Kommunen zuständig oder man brauche erst eine Kommission. Stattdessen macht Burnham das Thema zu einer politischen Aufgabe. Aber vielleicht sollten wir nicht zuerst fragen, ob das Ziel zu ehrgeizig ist. Vielleicht sollten wir fragen, warum wir uns überhaupt daran gewöhnt haben, dass Menschen im Winter auf Gehwegen schlafen.

Aus kleinen Veränderungen werden selbstverständliche Verbesserungen

Ich habe über Jahrzehnte erlebt, wie aus Dingen, die zunächst unrealistisch erschienen, irgendwann Selbstverständlichkeiten wurden: eine Dusche, medizinische Versorgung, ein warmes Essen, ein sicherer Schlafplatz, eine eigene Wohnung.

Immer begann es damit, dass jemand sagte: „Das muss doch anders gehen.“ Und ich bin überzeugt, dass eine solche Vorgabe nicht nur den Menschen helfen würde, die auf der Straße leben. Sie könnte uns als Gesellschaft stärken. Gerade jetzt. Unter Wohnungslosigkeit leiden die Betroffenen, ihre Angehörigen und Freunde. Sie belastet aber auch diejenigen, die das Elend unmittelbar erleben. Und jene, die sich von Menschen auf der Straße bedroht, belästigt oder abgestoßen fühlen.

Wenn wir uns gemeinsam vornehmen würden, das zu ändern, müssten viele mit anpacken: Politik, Kommunen, Wohlfahrtsverbände, Wohnungswirtschaft, Medizin, Verwaltung und Bürgerschaft. Gemeinsames Gestalten verbindet. Vielleicht gerade dann, wenn wir befürchten, unsere gemeinsame Mitte zu verlieren.

Deshalb würde ich mir wünschen, ein deutscher Regierungschef würde sagen: „Bis Weihnachten soll kein Mensch mehr auf der Straße schlafen müssen.“ Und danach würden wir darüber streiten, wie das gehen kann. Über Geld. Über Wohnungen. Über Personal. Über Sucht und psychische Erkrankungen. Über Sozialleistungen und Zuständigkeiten.

Aber eines wäre geklärt: dass wir uns mit der Straße als letztem Aufenthaltsort eines Menschen nicht mehr abfinden wollen. Vielleicht ist das keine Naivität. Vielleicht ist es zunächst nur eine politische Entscheidung – und der Beginn davon, dass aus einem unmöglich klingenden Satz irgendwann Realität werden kann.

Kolumne Nachtgestalten: Lesen Sie hier mehr Artikel von Dieter Puhl