„Jeder neu gepflanzte Baum ist mehr wert als eine Klimaanlage.“ Der Satz klingt gut. Und der Baum ist natürlich wunderbar. Ich hätte gern sehr viel mehr davon in Berlin: Bäume, Schatten, Grün, kühlere Plätze. Aber manchmal frage ich mich, ob wir bei solchen Sätzen nicht die Menschen vergessen, die heute, in diesem Sommer in ihren Wohnungen sitzen. Eine vernünftige Klimaanlage hätten viele gern. Sie können sie sich nur nicht leisten.
Mein Freund Thomas ist Restaurantbesitzer. Sein Ausflugslokal läuft gut, es rentiert sich. Vor drei Jahren hat er seine Wohnung mit einer Klimaanlage ausgestattet. „Teuer war’s“, sagt er, „aber sie ist leise und sehr effektiv. Ich drehe sie morgens, bevor ich gehe, auf die niedrigste Stufe. Abends ist es dann angenehm kühl.“ Thomas kann sich Hitzeschutz leisten.
Meine Freundin Katrin kann das nicht. Sie hat nur eine kleine Rente. Es reicht gerade zum Leben. Eine neue Waschmaschine oder Geld für den Hitzeschutz – vor dieser Frage stand sie vor einiger Zeit. Die Waschmaschine war wichtiger. Für 50 Euro kaufte sie einen Ventilator. Der läuft nun und verteilt die heiße Luft in ihrer Wohnung. „An manchen Tagen sind es 29 Grad. Nicht auszuhalten.“ Nachts findet sie keinen Schlaf, schwitzt und ist am nächsten Morgen erschöpft.
Auch interessant
Wer schützt die ältere Frau, die neben uns wohnt und keine Außenjalousien bezahlen kann?
Lasse konnte immerhin 600 Euro für seinen persönlichen Hitzeschutz ausgeben. „Eigentlich zum Fenster rausgeschmissenes Geld“, sagt er. Einen Meter um das Gerät herum sei es jetzt kühler. Dafür hält er den Lärm kaum aus. Drei Menschen. Drei Möglichkeiten. Und eigentlich ist es ziemlich simpel: Wer Geld hat, kann sich vor der Hitze schützen. Wer wenig hat, muss sie aushalten. Das ist die soziale Seite des Klimawandels, über die wir viel zu wenig reden.
Wir wissen längst, dass Hitze krank machen und für ältere Menschen sogar lebensgefährlich werden kann. Wir wissen, dass Kinder bei großer Hitze schlechter lernen. Wir wissen, dass Pflegeheime und Krankenhäuser besser vorbereitet werden müssen. Wir wissen, dass Arbeitgeber ihre Beschäftigten schützen müssen.
Aber wer schützt eigentlich die Menschen in ihren Wohnungen? Wer schützt die ältere Frau, die neben uns wohnt, von Grundsicherung lebt und keine Außenjalousien bezahlen kann? Natürlich können wir nicht jede Wohnung einfach mit einer Klimaanlage ausstatten. Und natürlich ist es sinnvoller, Gebäude zunächst gegen die Hitze zu schützen: mit Verschattung, Jalousien, Begrünung, geeigneten Fenstern und vernünftiger Dämmung. Ein Baum vor dem Haus kann dabei mehr bewirken als ein kleiner Ventilator im Wohnzimmer. Aber all das kostet Geld.
Auch interessant
Die Hitze macht keinen Unterschied zwischen arm und reich
Und genau hier beginnt die politische Aufgabe. Wenn wir wollen, dass Menschen sich an ein heißeres Klima anpassen, dürfen wir Hitzeschutz nicht zur privaten Angelegenheit erklären. Es braucht Förderprogramme, die auch bei den Menschen ankommen, die wenig verdienen. Zuschüsse für Verschattung, für geeignete Kühlgeräte, für notwendige Installationen. Und zwar so, dass niemand dafür erst einen Antrag mit sieben Formularen und zehn Nachweisen ausfüllen muss! Auch Hausverwaltungen und Eigentümer sind gefragt. Eine Wohnung, die sich im Sommer regelmäßig auf gesundheitsgefährdende Temperaturen aufheizt, ist kein Naturereignis. Sie ist Wohnraum. Und Wohnraum hat einen Eigentümer, eine Verwaltung und Regeln.
Wir haben uns daran gewöhnt, über Klimaschutz zu reden. Jetzt müssen wir über Klimagerechtigkeit reden. Denn es ist ein großer Unterschied, ob man bei 35 Grad aus einer angenehm kühlen Wohnung auf einen schattigen Balkon geht – oder ob man in einer aufgeheizten Einzimmerwohnung sitzt und sich überlegt, ob man den Ventilator noch eine Stunde laufen lassen kann.
Die Hitze macht keinen Unterschied zwischen arm und reich. Beim Schutz vor ihr aber machen wir einen. Das sollten wir ändern. Und zwar bevor aus dem nächsten heißen Sommer wieder eine Warnung, eine Statistik und ein paar gut gemeinte Ratschläge werden. Denn „viel trinken und die Wohnung kühl halten“ ist kein guter Rat für jemanden, der sich das Kühlen nicht leisten kann.
Kolumne Nachtgestalten: Lesen Sie hier mehr Artikel von Dieter Puhl





