Die Kosten für das Schulessen und die Kitagebühren. Der Verkehr in der Stadt und der Zustand der Straßen. Die Sauberkeit vor unseren Haustüren, der Bürokratieabbau. Die Sicherheit und Ausstattung der Polizei. Unser Demokratieverständnis und die Formen des täglichen Umgangs miteinander, die vermeintliche Unregierbarkeit Berlins, vielleicht noch die Bildung unserer Kinder – es ist Wahlkampf, es wird gestritten, und es gibt in der Tat etliche Themen, die für uns wichtig sind. Was vergessen? Sicher. Ein für uns alle wichtiges Thema fehlt mir in der täglichen Auseinandersetzung der Politikerinnen und Politiker.
Es sterben obdachlose Menschen auf der Straße – und niemand zählt die Toten. Menschen, meist schwer psychisch erkrankt, verwesen bei lebendigem Leib, während wir uns über Geruchsbelästigungen in öffentlichen Verkehrsmitteln aufregen. Armut schreit zum Himmel; Not und Lebensbedingungen sind unerträglich. Leben 6000 Menschen unter Brücken, in Parkanlagen und Hauseingängen? Oder sind es in Berlin inzwischen bereits 10.000? Niemand weiß es.
Gewalt ist allgegenwärtig. Menschen werden bespuckt, belästigt, beleidigt, vergewaltigt, ja, sogar angesteckt. All das widerfährt obdachlosen Menschen. Manchmal werden Opfer sogar zu Tätern – gegeneinander, aber auch gegenüber anderen, gegenüber Menschen mit einer Wohnung. Häufig ist dies Ausdruck eines medizinischen Problems: Viele Menschen sind schwer seelisch erkrankt, Alkohol und Drogen potenzieren ihre psychischen Erkrankungen. Eine ärztliche Versorgung, die ihren besonderen Bedürfnissen gerecht wird, gibt es für sie kaum.
Mehr als 57.000 wohnungslose Menschen sind in Berlin untergebracht
Hinzu kommen mehr als 57.000 wohnungslose Menschen, die in Berlin untergebracht sind. Häufig zu enormen Kosten, oftmals unter unzulänglichen Bedingungen, über Jahre hinweg und ohne jede Perspektive auf ein selbstbestimmtes Leben. Im Jahr 2024 befanden sich darunter 13.655 Kinder und Jugendliche. Schlechte Menschen – früher nannte man sie Geschäftemacher – verdienen sich an diesem Elend eine goldene Nase.
Und um das Grauen zu vollenden: Prognosen gehen davon aus, dass bis 2030 in Berlin insgesamt 100.000 Menschen von Wohnungs- oder Obdachlosigkeit betroffen sein werden. Dabei wollten wir Obdachlosigkeit bis dahin doch überwinden. Die sogenannten Unsichtbaren sind jedoch schon heute nicht mehr zu übersehen.
Zur Hilfe für obdachlose Menschen gibt es ein hervorragendes, wirklich überzeugendes Thesenpapier der FDP – inzwischen allerdings mehr als zehn Jahre alt. Noch besser, weil aktueller, ist das Papier der CDU aus dem vergangenen Jahr. Und überhaupt haben sich nahezu alle Parteien mit dem Thema beschäftigt. Auch zahlreiche Fachleute tun dies seit Jahren.
Papiere, Konzepte und Absichtserklärungen gibt es im Überfluss
In welchen Schubladen sind all diese guten Konzepte, Erkenntnisse und Absichtserklärungen verschwunden? Es könnte um Nächstenliebe und Barmherzigkeit gehen, tut es aber nicht. Beides kommt in der Politik nur selten vor. Wenigstens aber müsste es ums Geld gehen. Das ist knapp, zu wenig – und es auch noch falsch auszugeben, ist am Ende teurer. Gute Hilfen sparen langfristig Geld. Der Finanzsenator weiß das.
Es ging auch anders: Von Dezember 2016 bis Dezember 2021 war Elke Breitenbach Senatorin für Integration, Arbeit und Soziales in Berlin. Versprechen gegenüber den betroffenen Menschen wurden eingehalten, Hilfen geschaffen, umgesetzt und konsequent weiterentwickelt. Es gab Hoffnung und Zuversicht. Der damalige Finanzsenator Matthias Kollatz und der Regierende Bürgermeister Michael Müller trugen diesen Kurs mit. Die Politik stand damals auf der Seite der Menschen.
Und heute? Ich glaube den Parteien und ihren Versprechungen einfach nicht mehr. Papiere, Konzepte und Absichtserklärungen gibt es im Überfluss – die späteren Entschuldigungen und Ausreden scheinen gleich eingebaut zu sein. Lug und Trug, Augenwischerei. Wie es tatsächlich besser gehen könnte, ist längst bekannt. Es fehlen nicht die Erkenntnisse. Es fehlen viele Millionen Euro, echte Betroffenheit und vor allem der politische Wille, endlich zu handeln.
Kolumne Nachtgestalten: Lesen Sie hier mehr Artikel von Dieter Puhl



