Nehmen wir Carl. Er trank zunächst in Gemeinschaft mit anderen, abends, fast jeden Abend, später dann am frühen Nachmittag; nun greift er als Pensionär bereits am Vormittag zum ersten Glas Wein. Und wie ihm geht es vielen anderen auch: Ohne die richtige Dosierung geht gar nichts mehr. Nur wurde diese Dosis von Jahr zu Jahr größer.

Los ging es mit dem Alkohol für ihn bereits als Jugendlicher. Mit 15 Jahren waren das Wein und Bier, vor Feten und Partys, um in Stimmung zu kommen, fast an jedem Wochenende. Später, als junger Mann, als Student, trank er ebenfalls nicht wenig. Mit Freunden, in Gesellschaft. Es war damals so üblich. Fast alle konsumierten Alkohol in beträchtlichen Mengen. Jeden Abend war irgendetwas los. Er war viel unterwegs, ging zu Konzerten, in Kneipen, traf sich mit Freunden.

Es folgten die Jahre, in denen er als Rechtsanwalt arbeitete. Engagiert, mit eigener Kanzlei, verantwortungsbewusst und fleißig. Alkohol war durchaus nicht wegzudenken aus seinem Leben. Doch im Umgang mit ihm hatte er klare Regeln. „Nie vor 18 Uhr.“ Und auch auf die Mengen achtete er damals. Sein Job sollte nicht darunter leiden.

Alkohol raubt ihm den Schlaf und die Lebensfreude

Nun ist Carl 82 Jahre alt, seit zwölf Jahren im Ruhestand. Er hat ein gutes Auskommen, ist seit Jahrzehnten verheiratet, hat vier Kinder, Freunde, eine schöne Wohnung in Steglitz – und könnte vermeintlich sorgenfrei leben. Wenn nur der Alkohol nicht wäre. Jahrzehntelang bestimmte Carl die Regeln. Jetzt bestimmt sie der Alkohol. Er hat die Führung übernommen.

Abends findet Carl kaum in den Schlaf. „Kopfkino“ nennt er das. Seine Unruhe lässt ihn nicht zur Ruhe kommen. Trank er früher am Abend ein Glas Wein zur Entspannung, ist daraus inzwischen regelmäßig eine halbe Flasche geworden. Seit Jahren, mit steigender Tendenz. Der Alkohol macht bei ihm das Licht aus. Der Schlaf bringt kaum Erholung. Wie denn auch? Alkohol ist ein Nervengift.

Morgens ist Carl dann gerädert, das Aufstehen fällt ihm schwer, er spürt nun jeden Knochen, findet schlecht aus dem Bett. Und trank er noch vor Jahren den ersten Schluck zum Mittagessen, nimmt er ihn seit zwei Jahren bereits vor dem Frühstück zu sich. Auch damit dieses verdammte Zittern aufhört. Den ersten Schluck bekommt er kaum zum Mund, ohne das halbe Glas zu verschütten. Dann wird‘s besser. Oder schlechter – je nach Sichtweise. Und im Laufe des Tages kommt dann eine Flasche Wein hinzu.

Sucht drängt alles andere aus dem Leben und macht einsam

Die Sucht will stets den ganzen Menschen. Sie will mehr und mehr und gibt sich nicht zufrieden. Zunehmend gerät alles andere in den Hintergrund. Ehe, Kinder, Freunde, Interessen, Vorlieben, Hobbys, das Leben und die Liebe. Manchmal sogar die Körperpflege. Das passiert, wenn man den Schlüssel zu seinem Leben verlegt hat und einfach keinen Zugang mehr findet. Sucht macht einsam. Weil man sie im Regelfall nicht teilt. Man trinkt irgendwann nicht mehr mit anderen. Man trinkt vor ihnen. Und schließlich vor allem allein.

Und langsam sieht man Carl seine Erkrankung nun auch an. Das geht schließlich alles nicht spurlos an ihm vorüber. Hinzu kommt die Scham. Das Scheitern steht im Vordergrund. Früher war Carl oft stolz auf sein Leben, auf seinen Beruf. Er hat sehr vielen Menschen geholfen, war immer ein sozial handelnder und denkender Mensch. Er war vielen ein guter Freund. Weg. Alles weg. Fast alles.

Wie bekomme ich das alles versteckt? Carl möchte sich nicht in die Karten schauen lassen. Und oft mag er einfach nicht mehr. Am liebsten würde er alles hinschmeißen, hat schlicht die Nase voll. Das ist doch kein Leben. Ein Mensch mit reicher Vergangenheit, quälender Gegenwart, ohne Mut zur Zukunft. Bei dem das Glas jetzt immer leer ist.

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Carl weiß, gegen seine Sucht könnte er etwas tun. Es gibt genügend Angebote, Ärzte, Krankenhäuser, Therapeuten. Viele Abhängige finden schließlich täglich den Weg aus der Sucht. „In meinem Alter, wie viele Jahre bleiben mir denn noch?“, denkt er dann. „Das macht doch keinen Sinn mehr.“ Vielleicht geht es aber nicht um die Anzahl der verbleibenden Jahre. Sondern vielmehr darum, wie diese aussehen.