Guten Morgen, ich hoffe, Sie haben gut geschlafen. Es ist Feiertag. Ein hoffentlich leckeres Frühstück steht nun an, vielleicht mit der Familie oder mit Freunden. Das Wetter ist prima, die Sonne lacht, und dann kann man später noch einen Ausflug machen – das Grün und die vielen Seen locken. Viel Spaß und gute Erholung dabei!
Denn: Die Woche war sicher anstrengend für Sie. Und irgendwie wird es mit der Arbeit von Tag zu Tag fordernder, der Druck nimmt zu. War das vor Jahren nicht einmal anders? Zwar immer schon eine Tretmühle, doch zumindest etwas entspannter? „Es reicht“, denken Sie manchmal: „Ich kann nicht mehr.“
Bevor es rausgeht, ist noch etwas Zeit für Lektüre. Und vielleicht können wir vor Ihren späteren Aktivitäten noch kurz über Geld reden. 81 Prozent der Deutschen finden, dass Wohlstand in Deutschland ungerecht verteilt ist, lediglich 15 Prozent halten die Verteilung für gerecht. Mich überrascht weniger die Richtung als die Deutlichkeit dieser Zahlen, die unter anderem die ARD Anfang dieser Woche veröffentlichte. In manchen Regionen, in Ostdeutschland sowie Berlin/Brandenburg, liegt die Unzufriedenheit teils sogar bei 90 Prozent. Brodelt da etwas? Sicher hat das politische Relevanz.
Sparen im Alltag: Rentner und Verbraucher vergleichen immer mehr Preise
Als Rentner habe ich nun viel Zeit für meine Einkäufe. Die ist auch nötig: Ich habe weniger Geld und vergleiche Preise genauer, achte mehr als früher auf Sonderangebote – auch, um mir gelegentliche Urlaube noch leisten zu können. Die Discounter sind voll, und ich registriere seit Jahren zunehmend: Auch andere vergleichen mehr. Das zeigt sich auch in der Gastronomie: kleinere Portionen, kein Nachtisch, ein Glas Wein weniger, zurückhaltenderes Trinkgeld. Jede Woche lese ich Zeitungsartikel dazu. Sparen ist angesagt. „Geiz ist geil“ war früher, heute ist es oft schlicht pragmatisch notwendig.
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Gleichzeitig sehe ich: Das gilt nicht für alle. Während die einen im Restaurant sparen, biegen sich bei anderen die Tische. Manche leben weiterhin in Saus und Braus. Es gibt Menschen, die sich für 30 Euro pro Nacht ein Pensionszimmer leisten, während andere – es ist doch so schön auf Kreta – nach dem zweiten Urlaub dort eine Immobilie für eine halbe Million erwerben. Die dann fast das ganze Jahr über leer steht. „Ich musste mein Geld einfach anlegen“, habe ich mehrfach gehört. Und jedes Jahr wird das Haus dann teurer … und alle paar Jahre stellt sich die Frage erneut: Wohin mit dem Geld?
64 Prozent der Befragten befürworten die Wiedereinführung der Vermögensteuer, 61 Prozent sind für höhere Steuern auf große Erbschaften, sagt die ARD-Befragung weiter. Und natürlich sähen die Ergebnisse anders aus, befragte man gezielt vermögende Menschen.
Warum echte Veränderung ausbleibt
Ein Blick auf die tatsächliche Belastung durch Steuern zeigt: Das Thema ist schwieriger und vielschichtiger, als es einfache Befragungen vermuten lassen. Es bleibt – zugespitzt und doch wahr: Wer wenig hat, gerät schneller unter Druck, und Vermögen vermehrt sich oft von selbst.
Warum wählen wir mehrheitlich Parteien, die daran wenig ändern? Diese Frage stelle ich mir seit Jahrzehnten. Überwiegend erhalten doch jene Parteien unsere Zustimmung, die solche Ungleichgewichte eher stabilisieren. Freiheit zu wagen, scheint nicht so leicht zu sein. Ich werde sicher keine Wahlempfehlung geben. Aber wer gestaltet ein einvernehmliches und faires Miteinander, am Gemeinwohl orientiert? Ich bemühe mich, genau hinzuschauen – und habe in Berlin ja bald wieder die Möglichkeit dazu.
Der 1. Mai, der Tag der Arbeit, ist ein gesetzlicher Feiertag, weil er für die Rechte von Arbeitnehmern und für soziale Gerechtigkeit steht. Er erinnert daran, dass viele Arbeitsrechte erkämpft wurden – und dass soziale Errungenschaften weiterhin politisch wichtig sind. Mehr denn je. Meinen Ausflug ins Grüne verschiebe ich auf das Wochenende. Heute gehe ich mit Freunden zur Demo. Davon gibt es einige in Berlin. Und wenn ich mir die zitierte Umfrage ansehe, hoffe ich, es wird voll. Vielleicht sehen wir uns.
Kolumne Nachtgestalten: Lesen Sie hier mehr Artikel von Dieter Puhl




