„Selbst jetzt, mehrere Tage nach der Wahl, kann ich immer noch nicht begreifen, dass wir tatsächlich mit einer Zweidrittelmehrheit gewonnen haben“, staunt die 46-jährige Nachrichtenredakteurin Michaela Vas, die vor fünf Jahren mit ihrer Familie von Budapest nach Berlin zog. Damit ist sie eine von insgesamt 6636 Menschen mit ungarischer Staatsangehörigkeit, die am 31. Dezember 2025 in Berlin registriert waren.

„Bei mir kam die Euphorie nicht sofort, stattdessen war mein erster Gedanke: Oh Gott, dann müsste ich nach Hause. Jetzt sofort. Ich bin ja hier, weil Orbán die Macht innehatte, und jetzt ist Orbán weg. Also muss ich nach Hause“, erklärt sie. Und fügt hinzu, dass dieses Gefühlschaos sie sehr verwirrt hat. Gleichzeitig habe sie gedacht, dass sie natürlich nicht gleich heimkehren kann. Denn der Wahlsieg ist nur ein erster Schritt. Es hat sich in Ungarn noch nichts geändert.

Der Bruch begann Jahre zuvor

Noch vor zehn Jahren hätte Michaela Vas wohl kaum gedacht, ihre Heimatstadt Budapest zu verlassen, wo sie aufwuchs und als erfolgreiche Journalistin arbeitete. Sie erinnert sich gut an die erste demokratiefeindliche Maßnahme der Orbán-Regierung, bei der sie sich schon machtlos fühlte. Es war Anfang 2011: die Verstaatlichung der privaten Rentenkassen zur Reduzierung der Staatsschulden. Es folgte 2012 das Mediengesetz, das die Pressefreiheit so stark einschränkte. „Seitdem hatte man praktisch das Gefühl, jede Woche werde ein neues Gesetz verabschiedet, das die Rechtsstaatlichkeit mit Füßen tritt. Währenddessen wurde der gesamte öffentliche Diskurs aggressiv, die Stimmung im Land deprimierend. Dann wurde 2016 mein Kind geboren.“

Ungarn in Berlin - zwischen Bleiben und Gehen
„Jede Woche ein neues Gesetz, das die Rechtsstaatlichkeit mit Füßen tritt.“ Michaela Vas in Prenzlauer Berg.© FUNKE Foto Services | Florian Boillot

Michaela Vas besprach mit ihrem Mann, dass sie noch vor der Einschulung ihres Sohnes auswandern müssten, wenn sie wirklich das Beste für ihn wollten. Da in Berlin Freunde auf sie warteten, Michaela die Stadt kannte und auch die Sprache beherrschte, war die Richtung klar.

Ein anderes Leben – mit offenen Fragen

„Ruhe. Das ist das erste Wort, das mir einfällt, wenn ich an Berlin denke“, antwortet sie auf die Frage nach ihrem Lebensgefühl hier. Ohne zu zögern. Sie bestreitet nicht, dass es auch in Berlin Probleme auf mehreren Ebenen gibt – politisch und sozial. Auch in ihrem eigenen beruflichen Leben zeigt sich das: Für sie als hoch qualifizierte, zugewanderte Geisteswissenschaftlerin ist es schwierig, in einem Bereich ohne Fachkräftemangel eine feste Stelle zu finden.

Aber hier kann sie zumindest ungestört leben. „Man drückt mir zum Beispiel nicht an jeder Straßenecke politische Propagandaplakate ins Gesicht. Gestern hat mich meine Friseurin gefragt, wie es mir geht, und ich habe sofort mit unserem Wahlergebnis geantwortet. Ich war erstaunt, dass sie keine Ahnung hatte, wer Viktor Orbán ist.“

Und obwohl Michaela keinesfalls für politische Unkenntnis plädiert, hält sie es dennoch für wünschenswert, dass man sich nur dann und nur so viel mit Politik beschäftigt, wie man möchte.

Für manche ist die Entscheidung längst gefallen

Ungarn in Berlin - zwischen Bleiben und Gehen
Dániel Ferencz ist vor zehn Jahren nach Berlin gezogen.© FUNKE Foto Services | Florian Boillot

„Mich hat in Ungarn, seitdem ich denken kann, sowohl die Innen- als auch die Außenpolitik interessiert“, erklärt Dániel Ferencz, der in Prenzlauer Berg lebt. Der 39-jährige bildende Künstler ist vor zehn Jahren nach Berlin gezogen. Mit der rechtspopulistischen Fidesz-Partei von Viktor Orbán konnte er sich weder ideologisch noch hinsichtlich der menschlichen Qualitäten identifizieren, und er hat sie nie gewählt. Mehr noch: Er entschied sich auch maßgeblich wegen ihnen für die Auswanderung.

„Orbán und sein Umfeld haben zahlreiche Bereiche monopolisiert: die Kunst, den NGO-Sektor, Privatschulen, Förderstrukturen – Bereiche, von denen ich hätte leben können. Aber es wurde für mich auch moralisch unvertretbar, ein solches System mitzutragen“, erinnert sich Ferencz, der bis zu den aktuellen Wahlen überzeugt war, dass sich die Fidesz-Regierung für weitere Jahrzehnte in Ungarn einzementiert hat.

Ob er jetzt, da das für viele Hunderttausend im Ausland lebende Ungar*innen bislang Unvorstellbare eingetreten ist, ebenfalls in Erwägung zieht zurückzugehen? „Ich bin schon zu Hause“, antwortet er. „Ich reise sehr gern nach Ungarn, aber für mich ist das nicht mein Zuhause. Eigentlich habe ich nie wirklich dorthin gepasst, ich habe mich immer ein bisschen wie ein Ufo gefühlt. In Berlin fühle ich mich anders. Hier wird Verantwortung übernommen, und alles hat Konsequenzen. Außerdem gehen die Menschen hier ganz anders miteinander um, und Stress ist nicht ihr Hobby.“

Das Interesse ihres Kindes ist wichtiger als alles andere

Michaela Vas begründet hingegen, warum eine Rückkehr für sie vorerst keine Option ist, mit der Bildungsqualität und Weltoffenheit der hiesigen Schulen. „Vorerst ist nur eines passiert: Orbán wurde abgewählt. Aber 16 Jahre haben in Ungarn solche Spuren hinterlassen, dass es systemische Veränderungen braucht. Ich möchte aus Berlin beobachten, was passiert. Natürlich spüre ich auch diesen Ruf, dass die im Ausland lebenden Ungarn und Ungarinnen jetzt zurückkehren und gemeinsam das Land wiederaufbauen sollten. Aber das Interesse meines neunjährigen Kindes steht im Moment über allem.“

In einem zunehmend queerfeindlichen Klima

Ungarn in Berlin - zwischen Bleiben und Gehen
György Baráthy sieht seinen Platz jetzt in der ungarischen Heimat. © FUNKE Foto Services | Florian Boillot

Für Dramaturg und Drehbuchautor György Baráthy (51) und seinen ebenfalls ungarischen Ehemann war das europaweite Empörung auslösende homophobe Gesetz von 2021 einer der Anstöße, nach Berlin umzuziehen. Dann war am Tag der Wahlen im April 2022 ihre Geduld endgültig aufgebraucht. Sie hätten völlige Hoffnungslosigkeit hinsichtlich politischer Veränderungen empfunden, sagt Baráthy. Zudem wurden auch ihre beruflichen Umfelder – Kunst und Hochschulbildung – durch das Orbán-Regime systematisch zerstört. „Natürlich können wir im Zusammenhang mit unserer Emigration nicht nur von sogenannten Push-Faktoren sprechen“, sagt er. „Berlin hat uns ebenfalls gerufen: meinen Mann mit einem großartigen Jobangebot, mich mit einer internationalen Drehbuch-Weiterbildung an der Deutschen Film- und Fernsehakademie.“

Der Moment, der alles verdichtet

Wie der Film- und Theaterfachmann sagt, haben sie hier drei inspirierende Jahre verbracht. Dennoch stellte er in dem Moment, als Viktor Orbán dem künftigen Ministerpräsidenten Péter Magyar zum Sieg gratulierte, seinen Facebook-Status auf „Umzug nach Budapest“. Auf die Frage nach dem Warum antwortet er mit einer Geschichte. Am Wahlabend war auch Baráthy in der feiernden Menge am Budapester Donauufer. Ein Mann stand neben ihm. Als in der Siegesrede von Péter Magyar ein ausdrücklich an homosexuelle Menschen gerichteter, ermutigender Satz fiel, brach dieser Mann in Tränen aus. 40 Minuten lang konnte er nicht aufhören.

„In diesem Moment habe ich verstanden: Es braucht keine Enteignung, keine Inhaftierung oder körperliche Gewalt, damit ein System seine Bürger und Bürgerinnen bricht“, sagt Baráthy. „Ein dauerhaft aufrechterhaltenes Klima der Ausgrenzung reicht aus. Ich habe begriffen, wie viele Wunden in meinem Land noch heilen müssen. Und ich möchte in diesem heilenden Land dabei sein.“