Die Ostsee hat schöne Ecken, und von Berlin aus sind sie überraschend schnell zu erreichen. Hat man mehr Zeit in der Tasche, ist Strande in Schleswig-Holstein eine gute Adresse. Zwischen Kiel und Eckernförde gelegen, wirkt es, als schlummere das kleine Seebad seit Jahrzehnten vor sich hin. Ich kann das beurteilen, ich bin in der Gegend vor über 60 Jahren groß geworden. Im vergangenen Sommer waren meine Freundin Maria und ich zwei Wochen dort. Ich wollte ihr zeigen, wo meine Wiege stand.
Waren Sie schon in Brighton? Ich kenne England kaum, und doch zog es uns aus irgendeinem Grund dorthin. Das war ebenfalls im letzten Jahr, vier Tage im Februar. Es war beinahe skurril warm – wir lagen mit Pullovern am Strand. Brighton hat sich gelohnt: lässig, entspannt, freundlich. Wir haben uns vorgenommen: Wir kommen wieder.
Im Herbst zuvor zeigte mir Maria die Algarve in Portugal. Als Kind war sie dort oft mit ihrer Familie. Sie und ihr Bruder Tim tollten am Strand, während die Eltern im Café entspannten. Mich haben die Portugiesen für sich eingenommen. Ich mag diese tiefenentspannten Menschen. Und das Essen … nun ja, das hat Spuren hinterlassen. Die Westküste soll noch schöner sein, rauer, ursprünglicher. Wir sollten wieder hin, mehr umherreisen. Es gibt dort noch viel zu entdecken – wenn nicht …
Krebsdiagnose und Altersunterschied prägen den Blick aufs Leben
Mein Alter, noch in diesem April werde ich 69 Jahre alt, ist mir schon lange bewusst. Ebenso der Altersunterschied zwischen Maria und mir: knapp 30 Jahre. Gemeinsame Urlaube im gemeinsamen Rentenalter – davon zu träumen, verbietet sich fast von selbst. Das ist nicht depressiv gemeint. Aber meine Uhr tickt. Leise, unaufhörlich.
Und dann kam vor drei Jahren der Krebs. Ein Einschnitt, der vieles ins Wanken brachte, Unsicherheiten hinterließ. Mein Vater ist an Prostatakrebs gestorben. Ich war bei ihm, habe ihn im Sterben begleitet – was für ein Geschenk, so schwer es auch war. Nichts Schönes, und doch von Bedeutung. Ist der Krebs wirklich überwunden? Oder schläft er nur, sammelt Kraft für einen neuen Anlauf? Was bleibt mir noch an Zeit?
Meine Freunde Robert und Peter waren im letzten Jahr mehrere Wochen auf Kuba. Schön war es, sagen sie – mich reizt das nicht besonders. In diesem Jahr zog es Peter nach Indien, Robert nach Brasilien. Dorthin reist man nicht für ein paar Tage. Ich dagegen träume von Sizilien. Und von Dublin.
Im Moment aber sind Maria und ich auf La Palma. Unsere Unterkunft in Puerto Naos ist für unsere Verhältnisse luxuriös, auch entsprechend teuer. Ich sitze auf der Terrasse, höre das Meer rauschen, erstaunlich laut. Hätte ich jetzt einen Kirschkern – ich bin übrigens ein ausgezeichneter Kirschkernspucker –, ich würde die Distanz mühelos überwinden.
Sehnsucht nach Urlaub: Reisen bleibt für viele ein Privileg
Drei Urlaube saß ich in den Jahren zuvor allein auf der Terrasse, zu zweit ist es schöner und mit Maria ganz besonders schön. Ich wollte ihr auch diesen Ort zeigen und er gefällt ihr. Sie schläft gerade entspannt im Liegestuhl neben mir. Irgendwann wird sie aufwachen, vom Rauschen des Meeres.
Über Berlin möchte ich heute gar nicht viel sagen. Ich lebe gern dort, liebe diese Stadt. Andere besitzen seit Jahren ihr Ferienhaus im Süden, ihre Finca, oder sind monatelang mit dem Wohnmobil unterwegs.
Und wieder andere, das bedauere ich, kommen kaum noch weg. Sie kämpfen mit ihren Finanzen, ihrer Gesundheit oder ihrem Alter. Reisen ist für sie längst keine Option mehr. Das Leben ist nicht immer gerecht. Fliegen mein Freund Hubert und seine Frau auf die Malediven, ist das kein Urlaub aus der Portokasse. 25.000 Euro kostet so ein Traum schnell. Nur die Kreuzfahrten von Lukas sind noch teurer. Nun ja, gegönnt, er kann es sich leisten.
Im letzten Monat waren wir zwei Wochen auf Mallorca, im Mai werde ich zwei Wochen auf Kreta sein. Allein – Maria hat keine Zeit. Ich freue mich trotzdem, treffe dort Freunde. Es ist eine überschwängliche Zeit, in der ich lebe. Und ich freue mich darüber. Ich lebe. Und ich liebe. So ganz selbstverständlich war das nie. Ich danke meinem Schöpfer – und freue mich im Sommer auf meinen Balkon in Berlin.
Kolumne Nachtgestalten: Lesen Sie hier mehr Artikel von Dieter Puhl



