Andreas lachte gern und viel und wollte keine Trauerfeier. Also trafen sich Familie und Freunde im „Café am Neuen See“, in dem er gern gesessen hatte, um sein Leben zu feiern. Andreas Marx wurde am 21. Januar 1956 in Weiden in der Oberpfalz als dritter und jüngster Sohn des aus Berlin stammenden Arztes Dr. Rolf Marx und seiner Frau Wilhelmina geboren. Die Kindheit verbrachte Andreas im – wie er selbst es umschrieb – „sehr geschützten Raum einer Lungenklinik auf dem Lande“. Sein Vater war der Chefarzt.
Für Andreas und seine Brüder Michael und Thomas war der Herr Chefarzt ein Vater mit Humor. Seinen Gute-Nacht-Gruß nutzten sie auch noch lange nach Vaters Tod, egal wie irritierend der auch bei Umstehenden ankam. Also wünschten sie einander bei abendlichen Verabschiedungen: „Angenehme Bettnässe!“
Comic-Figur „Quak“ macht Andreas zum kreativen Schulstar
Andreas war immer der Intellektuelle, der Schlaue unter den Brüdern, hatte nie Schwierigkeiten in der Schule. Er erfand nahezu druckreife Comic-Figuren und umfangreiche Bildergeschichten. Mit seiner gelungensten Karikatur, dem „Quak“, einem großen, froschähnlichen Kopf mit Kleinstkörper, verewigte er sich überall. An Wänden, in Büchern und Heften, in Gesprächen – sogar auf Prüfungsbögen in der Schule – kommentierte „Quak“ das Leben. Mutter hatte bisweilen ihre liebe Not, die stirnrunzelnden Lehrer um Milde für diese Ausrutscher zu bitten.
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Die Eltern von Andreas hatten einen Teil einer alten Burg gemietet. Die Aufenthalte dort weckten bei ihm das Interesse für historische Gebäude. Nach dem Abitur studierte Andreas in München und Hamburg Architektur, Geschichte, Vor- und Frühgeschichte sowie Kunstgeschichte. Andreas schloss mit dem Magister ab. Danach schrieb er als selbstständiger Gutachter für die Denkmalbehörden in Berlin Gutachten.
Kindern und Erwachsenen stets auf Augenhöhe begegnet
Andreas nahm jeden ernst. Auch und gerade Kinder. Er ging dann buchstäblich auf Augenhöhe. Wenn in einem Raum voller Erwachsener, die sich voreinander mit ihrem Imponiergehabe spreizen, ein Erwachsener mit einem Kind eine ernsthafte Konversation pflegt, fällt das auf. Die Kinder von Freunden, aber auch völlig fremde, haben ihn dafür geliebt. Andreas konnte komplizierte Sachverhalte so erklären, dass sie jeder verstand. Wobei er nicht in einen gönnerhaften Erklärbär-Modus verfiel. Er hätte wunderbar dieser perfekte Lehrer sein können, den wir uns alle immer gewünscht haben.
Andreas hat es uns anderen Männern immer schwer gemacht. Im direkten Vergleich mit seinem perfekten Gentleman-Verhalten konnte man eigentlich nur verlieren. Dabei war er nicht nur in feinen Umgebungen ein eleganter Herr, er war das auch im rustikalen Asia-Imbiss-Restaurant, in dem er der Dame ebenso beiläufig und selbstverständlich aus dem Mantel half wie im besseren Club.
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Der 10. Mai 1985 war der Tag, der das Leben von Andreas komplett veränderte. Und das von Anna. Auf der Hochzeit von Annas Onkel, auf der beide Gäste waren, funkte es zwischen ihnen. Generationen von Kitschroman-Autoren versuchen seit Jahrzehnten, diesen Blitz zu erklären, der in zwei Menschen einschlägt und ihren Herzschlag synchronisiert. Bei dieser Hochzeit war es jedenfalls um beide geschehen. Ab sofort bildeten die quirlige, vor Ideen sprühende Anna und der besonnen-ruhige Andreas eine perfekt ausbalancierte Einheit. Anna und Andreas waren einander das Glück ihres Lebens.
Starke Frau, starker Rückhalt: Der Ehemann bewundert und unterstützt seine Frau
Andreas schaffte, woran viele Männer starker Frauen scheitern: Er ließ seine Anna, die erfolgreiche Modedesignerin Anna von Griesheim, glänzen. Er war der Selbstbewusstere von beiden. Das gab ihm die Kraft, einen Schritt zurückzutreten. Andreas bewunderte seine Anna für das, was sie beruflich zustande brachte. Eine ernsthafte Beziehung zu einer Frau, die einfach nur hübsch und ohne Substanz ist, war für ihn völlig undenkbar. Für beide war es das Schönste, einander nach einem anstrengenden Tag zu erzählen, was sie erlebt hatten. Er war ihre Liebe, aber auch ihre Stütze.
Andreas hat immer wahnsinnig gern lange geduscht. Das hatte bestimmt mit der Zeit als Kleinster der Familie zu tun, bei dem immer einer der Brüder ungeduldig an die Badezimmertür trommelte. Und mit seiner ersten WG während des Studiums, in der es im Badezimmer nur ein Waschbecken gab. Später wurde also ausgiebig geduscht. Und dabei flossen auch die Gedanken. Beim anschließenden Frühstück begannen Sätze immer wieder so: „Folgendes habe ich mir genau überlegt …“
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Kurz nach seinem 60. Geburtstag bekam Andreas an der Charité die schockierende Diagnose PCA-Alzheimer. Die bei ihm tief sitzende Ängste wegen des alzheimerbedingten Verfalls seines Vaters weckte. Andreas und seine Brüder Michael und Thomas verbrachten nun mehr Zeit miteinander. Zeit, die durch die absehbare Endlichkeit besonders wertvoll war.
Selbstbestimmung trotz Krankheit – die Suche nach dem Ausweg aus dem Leid
Erinnerung, Orientierung und Sehkraft schwanden. Andreas brauchte immer mehr Hilfe. Die Hoffnungen, die sich für ihn mit der Teilnahme an einer internationalen Medikamenten-Studie verbanden, erfüllten sich nicht.
Nach mehreren Schüben und damit einhergehenden Verschlechterungen seines Zustandes begann Andreas, sich intensiv um den Schlüssel für den Notausgang seines Lebens zu bemühen. Damals schrieb er: „Für mich ist ein selbstbestimmtes Leben das Wichtigste und ich möchte in Würde selbst entscheiden können, wann es für mich genug ist.“
Im Januar wäre Andreas 70 Jahre alt geworden. Die Ärzte sahen durchaus die Chance, dass er sein rundes Jubiläum noch mit einer schönen Feier hätte begehen können. Andreas sah die Gefahr. Wenn er auf dem Weg zum Jubiläum diesen einen, alles verschlechternden Schub gehabt hätte, der ihn den Vollbesitz seiner geistigen Kräfte kostet, wäre der Schlüssel für den Notausgang unwiederbringlich weg gewesen. Er hätte dann nicht mehr bestimmen dürfen, dass er geht.
Aus seiner Sicht hatte Andreas keine andere Chance, als am 1. Dezember aus dem Leben zu gehen. Niemand sollte ihn dafür verurteilen. Es bleibt die Erinnerung an einen charmanten, witzigen, bescheidenen, geselligen, sozialen, zugewandten, mutigen, liebevollen Menschen. Wer ihn kennen durfte, ist ein glücklicher Mensch.





