Es war im Supermarkt. Vor mir stapelte eine Kundin einen Berg Milka-Schokolade aufs Kassenband. Eine Süßigkeit, die in den letzten Monaten plötzlich absurd teuer geworden ist, die aber an jenem Tag im Sonderangebot war. Die Tafeln wogen allerdings auch nur 90 statt wie sonst 100 Gramm. Ich selbst verzichte wegen dieser „Mogelpackungen“ schon länger auf solche Marken. Doch die Kundin vor mir hob versonnen lächelnd Tafel um Tafel aus dem Einkaufswagen aufs Band.
Ich erinnerte mich, dass meine Mutter zu „Ostzeiten“ oft Schokolade an Freunde in der DDR verschickt hatte. Samt Kaffee, „Brigitte“ und „Spiegel“. Die Zeitschriften kamen oft nicht an, weil die Pakete geöffnet wurden, die Schokolade meist schon. In der DDR konnte man sie nur im Intershop für D-Mark oder sogenannte Forumschecks kaufen.
Auch interessant
Die Kassiererin unterbrach meine Gedanken. „Davon dürfense maximal acht!“, blaffte sie die Schokoladen-Kundin an. Und schnappte resolut die überzähligen Tafeln vom Schokostapel. „Steht am Regal!“, belehrte sie die Schokoladenfreundin, die fassungslos dreinschaute. „Andere Kunden sollen auch zum Zug kommen!“ – „Ach so“, die Kundin fügte sich kopfschüttelnd.
Aus Kunden sind plötzlich Bittsteller geworden, aus Schokolade eine milde Gabe

Dass Waren rationiert werden, kennen die meisten von uns maximal aus Coronazeiten, als Klopapier und Hefe plötzlich zu „Bückware“ wurden. Meine Eltern haben als Kinder Hunger, Mangel und Lebensmittelmarken erlebt. Wer in der DDR aufwuchs, kannte Rationierung und Schlangestehen auch. Aber heute?
Beim Kaffee gibt es solche Regeln ja schon länger. In vielen Supermärkten habe ich Schilder gesehen, nach denen maximal zehn Packungen Kaffee pro Kunde verkauft werden. Regelmäßig gibt es nur eine Kaffeesorte, die gerade im Angebot ist – für vielleicht sechs statt um die zehn Euro das Pfund. Mal ehrlich: Wer kauft die anderen Kaffeesorten für zehn Euro, wenn man genau weiß, dass man nur warten muss, bis diese auch wieder fast um die Hälfte reduziert werden?
Lesen Sie auch
Diese „Preispolitik“ nervt mich schon länger. Aber inzwischen habe ich das Gefühl, es geht dabei nicht allein darum, absurde Preissteigerungen irgendwie gesellschaftsfähig zu machen. Auch sechs Euro pro Kaffeepackung sind ja immer noch viel. Was mich wirklich stört, ist diese neue Haltung uns Konsumenten gegenüber. Aus Kunden sind plötzlich Bittsteller geworden, aus Schokolade eine milde Gabe, die rationiert werden muss, damit alle satt werden. Was kein Mensch glaubt, der einmal zwischen den überquellenden Regalen deutscher Supermärkte unterwegs war.
„Goldhasen“, deren Preise dieses Jahr ins Unermessliche stiegen
Am Kaffeeregal wird man als Kunde seit einiger Zeit sogar unter Generalverdacht gestellt wie ein potenziell Krimineller. Mittlerweile finden sich in vielen Supermärkten Hinweise auf Videoüberwachung, bei Diebstahl drohen drakonische Strafen. Und auch hier gibt es die Rationierung, etwa auf maximal zehn Packungen Kaffee pro Kunde.
Was soll das? Als ich die Schilder das erste Mal sah, schob ich die Ursache auf eine besonders „langfingrige“ Klientel des Supermarkts. Inzwischen habe ich den Eindruck, es geht eher darum, eine Art Kaffeeknappheit zu suggerieren. Fast wie früher. Sie wissen schon. Zu Zeiten, als Kaffee noch in Gold aufgewogen wurde. Am Ende soll man vielleicht dankbar sein, dass die guten Handelsketten und ihre schlauen Strategen wirklich alles tun, um die begehrte und rare Ware gegen Hamsterkäufer und fiese Diebe zu verteidigen. Oder so ähnlich.
Ich erspare mir die Klage über die „Goldhasen“, deren Preise dieses Jahr ins Unermessliche stiegen. Und die jetzt wieder massenweise als „reduzierte“ Osterware angeboten werden – zu immer noch saftigen Preisen. Die niedlichen Schokohasen wurden bei uns übrigens aus Mitleid nie gegessen. Also habe ich mich dieses Ostern dem konsequenten Schokoladentierschutz verschrieben und wirklich hochwertige Schokolade gekauft. Aus einer Manufaktur, die ohne entwürdigende Werbekampagnen auskommt. Und deren Schokolade nicht vergleichbar ist mit Supermarktware. Die Preise lagen übrigens kaum noch über denen der Massenware im Supermarkt.
Die Kolumne „Stadtflucht“: Hier schreibt Morgenpost-Redakteurin Uta Keseling über die Merkwürdigkeiten des Alltags in Berlin und manchmal auch auf dem Land.







