Es war ein stressiger Tag mit vollem Kalender, vor dessen Start ich mir neulich morgens beim Frühstückmachen ein Obstmesser in die Hand rammte. Nicht ein bisschen, sondern so richtig. Wie man es halt macht, wenn man es eilig hat. Genervt begutachtete ich die Tiefe der Wunde, verpflasterte sie notdürftig – und stellte fest: Leider war mein Daumen halb taub. Offenbar hatte ich, nun ja, etwas Wichtiges zerstört.
Auf dem Weg zur Arbeit überzeugte mich der vernünftigere Teil meines Ichs, zuerst beim Hausarzt vorbeizugehen. Die Praxis lag ohnehin auf dem Weg. Doch dort wurde ich direkt wieder weggeschickt: Nein, die Wunde könne man hier nicht desinfizieren und verbinden. „Gehen Sie in die Notaufnahme.“
Okay, auch das nächste Krankenhaus lag auf meinem Weg. Das Urban-Krankenhaus in Kreuzberg hat allerdings einen, nun ja, besonderen Ruf. Es liegt um die Ecke von Kotti und Hermannplatz, ist verrufen für Gewalt und Randale. „Dort gibt es aber hervorragende Handspezialisten“, versuchte man mich beim Hausarzt zu überzeugen. Alternativ könne ich es bei einem niedergelassenen Unfallchirurgen versuchen. Ein Irrtum, wie sich herausstellen sollte.
Ich erinnerte mich an die Serie „Krank“, die im Urban-Krankenhaus spielte
Am Empfang des Krankenhauses erfuhr ich: Ohne Notaufnahme kein Handspezialist. Ich hob skeptisch meinen selbstverpflasterten Daumen. Ich fand nicht, dass ich ein Notfall war. Ich dachte an die vorwurfsvollen Berichte über Menschen, die sich mit Bagatellen in Rettungsstellen behandeln lassen. Die Männer am Empfang schüttelten bedauernd die Köpfe. „Notaufnahme ist dort hinten. Planen Sie Wartezeit ein.“
Etwas später stand ich in einem Warteraum voller Menschen. Manche schliefen auf Bänken, Kinder weinten, ein Paar stritt sich am Kaffeeautomaten. Ich erinnerte mich an die Serie „Krank“, die das Urban-Krankenhaus als ein Chaos geschildert hatte aus durchgeknallten Patienten, überfordertem Personal und zu vielen echten Notfällen. Gedreht wurde die Serie in der Ruine des SEZ, die noch etwas hässlicher ist als der Betonklotz des Urban.
Im Hinausgehen passierte ich ein Spalier aus Menschen in Rollstühlen, die, mit Schläuchen für Sauerstoff oder Medikamente draußen saßen. Die Raucherecke liegt neben der Rettungsstelle. In der Ecke schrie eine Frau eine andere an: „Das lasse ich mir nicht mehr gefallen!“ Unklar, ob sie Patientinnen waren oder Personal. Ich floh.
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„Notaufnahme. Geht nicht anders. Aber gehen Sie hin, Ihrer Hand zuliebe“
In einem Drogeriemarkt besorgte ich neues Verbandszeug, suchte mir eine Parkbank und telefonierte mich durch die Unfallchirurgen Berlins. Schließlich ging jemand ans Telefon. Ein Mensch, keine KI, was offenbar unüblich ist. In der Praxis versorgte man mir freundlich die Wunde, doch der Arzt verwies mich ebenfalls zurück in die Notaufnahme. „Geht nicht anders. Aber gehen Sie hin, Ihrer Hand zuliebe.“ Okay.
Die Patientenaufnahme der Rettungsstelle im Urban besteht aus einer massiven Sicherheitsschleuse wie am Flughafen. Der Pfleger hinter dem Sicherheitsglas erfragte meine Daten unerwartet höflich wie in einem Hotel. Ich könne in zwei Stunden wiederkommen, riet er, und mich auf längeres Warten einrichten.
Die folgenden sechs Stunden verbrachte ich in einer Gemeinschaft aus Menschen mit Schmerzen, Grippe oder Wahnvorstellungen. Sie kamen mit weinenden Kindern, eine Tochter besuchte den Vater im Warteraum, zeigte ihm stolz ihr gutes Schulzeugnis und ging wieder. Durch die Automatiktüren wurden schreiende Frauen geschoben. Bewusstlose Männer auf Tragen. Verwirrte Personen. Zwischen all dem saßen Leute wie ich, die nicht schlimm verletzt waren.
„Polizei! Sofort Polizei!“

Der Behandlungsraum der Rettungsstelle ist eine Liegelandschaft des Elends – und ein Spiegel der Gesellschaft. Es war voll. Auf einer Trage schlief ein Mann, die Habseligkeiten in einer abgeschabten Einkaufstasche. Daneben lag jemand mit teurem Rollkoffer und Hut. Hinter mir schrie eine ältere Dame, die sich etwas gebrochen hatte. Eine andere übergab sich würgend. Zwischendrin Geschrei: „Polizei! Sofort Polizei!“ Statt der Polizei rückten nur Sicherheitsleute an. Die Patientin war wohl nicht zum ersten Mal hier.
Zwischen all dem: ein eingespieltes Team aus Menschen in bunter Arbeitskleidung. Jung, alt, manche lustig, manche ernst, manche mit Tattoos, manche mit Glitzer. „Spricht jemand Türkisch?“, rief jemand. Eine Ärztin erklärte einer Patientin etwas auf Polnisch. Dass sich Sicherheitsleute und Pfleger im Urban mit Vornamen kennen, ist eine Aussage. Dass manche in der Pause Arm in Arm zum Kaffeeautomaten liefen, aber auch. So gruselig das Urban von außen wirkt, so beruhigend und professionell ist die Atmosphäre drinnen.
Spätabends verließ ich das Urban mit einem neuen Verband, einem Termin für den Handspezialisten – und der Erkenntnis, dass das Thema „Bagatellfälle in Notaufnahmen“ vielleicht doch noch besser geregelt werden könnte.
Die Kolumne „Stadtflucht“: Hier schreibt Morgenpost-Redakteurin Uta Keseling über die Merkwürdigkeiten des Alltags in Berlin und manchmal auch auf dem Land.





