Gab es nichts Wichtigeres? Damals machte ich mir Sorgen um Toilettenpapier. Sie erinnern sich sicher, denn ich war mit dieser Sorge nicht allein. Dass es danach um viel mehr ging, nämlich um den Verlust unseres Lebens in gewohnten Bahnen, wurde uns allen sehr schmerzlich bewusst.

Wir haben unser Leben zurück, im März 2020 und in den beiden Jahren danach war das nicht selbstverständlich. Weil das so ist, setze ich mich übermorgen ins Bootshaus am Lietzensee und freue mich einfach. Die Sonne soll scheinen und es werden 14 Grad erwartet. Gut so, ein Hefe auf die Gemeinschaft und das Leben!

Ein Feiertag ist der 22. März 2020 sicher nicht. Das Gegenteil ist der Fall. Deswegen bleibt der Tag mir in Erinnerung. In schlechter. Bundesweite Kontaktbeschränkungen, der Beginn des ersten Lockdowns, Schulen und Kitas wurden teilweise geschlossen, Restaurants, Bars und Clubs auch, Sporteinrichtungen, der Kulturbetrieb, auch hier ging nun oft gar nichts mehr. Covid-19, Pandemie, Inzidenzen: Zuvor hatten wohl die meisten von uns nie davon gehört, plötzlich konnten es sogar alle schreiben. Menschen, die ich noch nie gesehen hatte, bestimmten nun die Nachrichten. Viele Fachmenschen waren wohl dabei, etliche wohl auch eher „vermeintliche“ Experten. Unser Privatbereich wurde auf den Kopf gestellt. Unser Berufsleben ebenso, auch unser gesamtes gesellschaftliches Miteinander.

Nicht jede Entscheidung war richtig, etliche falsche waren auch dabei

Kritik könnte nun geäußert werden. Ich überlasse dies Fachleuten. Laut und kräftig dürfte sicher auch gemeckert werden, denn nicht jede Entscheidung war richtig, etliche falsche waren auch dabei. Vieles aber wurde auch richtig gemacht. Ältere und Kinder traf die Pandemie besonders hart, eingeschränkt leben mussten alle. Das war ein Leben auf Sparflamme. „Mein vorheriges Leben war doch oft fantastisch“, tröstete ich mich damals, immerhin! Und mir schossen die Tränen in die Augen, wenn ich an meine Enkeltöchter dachte. Dieser gesamte Verzicht war für niemanden gut, für etliche sicher grausam.

Dankbarkeit aber steht heute im Vordergrund: Dass das alles vorüber ist. Bei Dankbarkeit fällt mir immer mein Schöpfer ein. Himmlischer Vater, ich danke dir von Herzen. Vielen Menschen, die forschten und entwickelten, bin ich auch dankbar. Vielen aus der Politik aber auch.

„Homeoffice“ wurde nicht zu meinem Lieblingswort, die Arbeit gestaltete sich überhaupt schwierig. Für obdachlose Menschen gab es übrigens eine Menge zu regeln. Ihr Leben ist grundsätzlich immer bedroht, damals war es noch schlimmer. Sozialarbeit und Politik rückten aber sehr schnell zusammen. Am Geld lag es nicht, das wurde bereitgestellt. Eigentlich wurden Obdachlose sogar zu den „leisen Gewinnern“ der Pandemie. Viele zusätzliche Hilfen wurden eingesetzt. Ich konnte damals immerhin arbeiten. „Ich habe damals meinen Traumjob verloren“, sagt dagegen meine Freundin Gisela. „Und ich meine liebsten Menschen“, erwidert meine Freundin Ute. Viele Narben blieben.

Abstand halten und Freundschaft pflegen trotz Lockdown

Am 27. Januar 2020 wurde der „erste Fall“ von Covid-19 in Deutschland bestätigt, im März erfolgte die schnelle Ausbreitung, im Mai und Juni kamen schrittweise Lockerungen auf den ersten Lockdown. Der harte Lockdown dann im Dezember: Der Einzelhandel und die Schulen schlossen weitgehend. Die Einführung der bundesweiten Notbremse im April 2021 war bitter, Lockerungen erfolgten im Sommer und im Frühjahr 2022.

Ich denke gerne an meinen Freund Orlando und unser Treffen an der Panke im Wedding. Auf zwei Decken lagen wir nebeneinander im Gras, hielten wie vorgeschrieben Abstand. Ich hatte eine Thermoskanne mit Gin Tonic mitgebracht. Mein Lieblingsgin für meinen Lieblingsfreund. Ein Fest: Reden, sich sehen und sich austauschen zu können. „War‘s das, wird das nie aufhören?“ Besser als telefonieren allemal. Wir haben sogar gelacht.

Jede persönliche Begegnung, jedes Wort im „richtigen Leben“ war plötzlich Gold wert. Das ist es, was ich aus dieser Zeit mitnehmen möchte: Wertschätzung gegenüber dem Leben und die Gemeinschaft. Ich allein bin nichtig, in der Gemeinschaft aber blühe ich auf. Ich werde gleich Orlando für Sonntag auf ein Kaltgetränk einladen.