Diese Kolumne schreibt sich nie leicht. Weil es um etwas geht. Diesmal musste ich Pausen einlegen, um zu weinen. Weil es um das Sterben einer Freundin geht. Aber der Reihe nach.
Ende November 2021 rufe ich bei einem Freund an, der Geburtstag hat und sich über Glückwünsche freut. Am Ende unserer kleinen Plauderei fragt er, wie es der Lütten, der Sängerin und Schauspielerin Angelika Mann, geht. Er ist sich fast sicher, sie gesehen zu haben. Ganz sicher konnte er sich wegen der damals sehr in Mode geratenen Corona-Masken nicht sein. Er sah sie, wie sie aus einem Atelier für Zweithaar kam. Bei ihm ging das Warnlämpchen an und nun fragt er: „Könnte es sein, dass sie Krebs hat?“ Ich bin sicher, dass sie gesund ist. Ich habe sie gestern doch noch auf der Bühne gesehen. Und hoffe, dass sie gesund ist. Es bereitet mir jetzt im Nachhinein noch mehr Unbehagen als gestern, dass sie auf der Bühne starb und nach der Pause als Geist erschien. Nun mache ich mir Sorgen. Und überlege, wie ich Lütte fragen kann.
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Zwei Stunden später ruft sie an. Sie will sich für meine via Instagram und Facebook verbreitete Begeisterung über ihr aktuelles Gastspiel mit „Himmlische Zeiten“ im Schlosspark-Theater bedanken. Am Ende wird sie ernst, was so gar nicht zu dem sonst zwischen uns üblichen lockeren Ton passt: „Das weiß bisher nur die Familie: Ich habe Brustkrebs. Die Chemo scheint gut zu wirken, allerdings sind mir auch sämtliche Haare ausgefallen.“ Die Chemo ist anstrengend. Trotzdem genießt sie ihre Auftritte im ausverkauften Theater. Oder gerade deshalb.

Lütte sorgte sich um den Zustand der Welt
Wir sind täglich in Verbindung. Per WhatsApp oder Anruf. Ich habe den Eindruck, dass sie den albernen Mumpitz genießt, den ich zu ihrer Erheiterung schicke. Lütte ist allerdings auch voller Sorge. Aber nicht über ihren eigenen Zustand und ihre Zukunft, sie sorgt sich um den Zustand der Welt. Täglich findet sie in den Kommentarspalten auf Social Media Belege für ihre Diagnose: „Die Leute werden immer blöder!“ Und wer wollte ihr da ernsthaft widersprechen?
Die Lütte tut alles dafür, wieder gesund zu werden. Und sie versteckt sich. Sie bittet in der Praxis, die sie für die Chemotherapie-Termine regelmäßig aufsucht, um die Behandlung in einem separaten Raum. Zu groß die Gefahr, dass eine andere Patientin sie erkennt. Oft versteckt sie sich aber auch in aller Öffentlichkeit auf einer Bühne. Sie versteckt ihren Haarausfall, Nebenwirkung der Chemotherapie, unter einer Perücke. Und ihre Müdigkeit verbirgt sie manchmal hinter besonders schwungvollen Bewegungen. Woher nimmt sie diese Kraft?
Die Kolleginnen, mit denen sie Theater spielt, halten dicht. Niemand tut sich wichtig und ruft einen Journalisten an, um als Gegenleistung für diese Indiskretion demnächst vielleicht mal einen netten Artikel zu bekommen. So läuft es leider oft. Aber die Lütte hat Glück. Ihre Privatsphäre bleibt gewahrt.
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Immer verstecken macht keinen Spaß. Am 1. Juli 2022 geht die Lütte zur Feier des 80. Geburtstages von Theaterclub-Gründer Otfried Laur in ein idyllisch am Pichelsee gelegenes Lokal. Ein heißer Tag, die Lütte entscheidet spontan, auf die von ihr inzwischen aus tiefem Herzen gehasste Perücke zu verzichten. Ihre graue Kurzhaarfrisur wirft Fragen auf. Es sind Journalisten anwesend. Der Zug rollt und lässt sich nicht mehr aufhalten.
Angesichts der Endlichkeit, die sich brutal in Erinnerung gebracht hatte, zog die Künstlerin eine vorläufige Lebensbilanz: „Als ich die Diagnose bekam, war ich 72, hatte ein super Leben. Ich durfte 72 Jahre in Frieden leben und davon 52 Jahre genau das machen, was ich liebe. Ich habe ein Kind gekriegt, ich habe den Mann, den ich liebe. Die Medizin ist inzwischen so weit, wenn es sein soll, schaffe ich es, wenn nicht, okay. Dann gibt es genug Mittelchen, die verhindern, dass man leiden muss.“
Die Lütte besucht diszipliniert ihre Nachsorge- und Kontrolltermine. An die erfreulichen Ergebnisse dieser Untersuchungen hätte sie sich fast gewöhnt. Aber dann ist da was. Erschreckenderweise gleich an mehreren Stellen in ihrem Körper. Auch im Kopf. Die Gespräche mit Ärzten werden deprimierender.
In einem Stück mit einer Rolle, die extra für sie geschrieben wurde, kann die Lütte nun doch nicht spielen. Keine Kraft für die Proben. Sie schleppt sich zur Premiere und applaudiert freundlich der Kollegin, die eingesprungen ist. Eigentlich ist ihr zum Heulen zumute.
Der Abschied in Zinnowitz unterschied sich von allen Abschieden davor
Mir versetzte es einen Stich ins Herz, als die Lütte am Telefon sagte: „Wir wollen Dich noch mal besuchen.“ Es geht ihr aber nicht gut. Dann plötzlich ein Anlass. Mein Nachbar Schubi, mit dem sie befreundet war, stirbt. Und Lütte, schwach, wie sie war, schleppte sich am 22. November zur Trauerfeier im Anker-Café am Wolgaster Hafen, von dem aus sich die Urne auf den Weg zur Seebestattung machte.
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Danach waren wir noch in Zinnowitz Ente essen und dann saßen wir an meinem Esstisch. Hier konnte die Lütte endlich ihre Wollmütze absetzen. Dieses zarte Wesen, das alle seit Jahrzehnten Lütte nannten, ist von ihrer Krankheit und von der Tumor-Operation am Kopf brutal gezeichnet. Wir trinken Kaffee. Der Abschied danach unterscheidet sich von allen Abschieden zuvor.
Am 21. Januar ruft Ralf, der Mann, der neben Lüttes Tochter Ulrike das Glück in ihrem Leben war, an. Wir waren immer in Verbindung und ich war deshalb darüber im Bilde, wie es der Lütten ging. Vor diesem Anruf hatte ich mich gefürchtet. Die Lütte, diese großartige Sängerin und Komödiantin, dieser herzliche Mensch, lebt nicht mehr.





