Für Irene Schmidt hatten andere und ich täglich fünf Stunden Zeit. Drei am Morgen und am Vormittag, zwei in den Abendstunden. Frau Schmidt war in den Siebzigern, sie war blind, körperlich altersentsprechend eingeschränkt, hatte einen wachen Geist, war neugierig, wissbegierig und dem Leben aufgeschlossen und zugetan.
Sie brauchte Hilfe bei der Morgenwäsche. Nach dem gemeinsamen Frühstück wurde die Wohnung in Ordnung gebracht, das Mittagessen vorbereitet, Einkäufe waren zu erledigen. Bei guter Zeiteinteilung machten wir das gemeinsam und oft blieb sogar Zeit für einen kleinen, gemeinsamen Spaziergang. Am frühen Abend wurde das Abendbrot eingenommen. Dann stand die „Abendschau“ auf dem Programm, und es blieb stets viel Zeit zur gemeinsamen Auswertung, zum Quatschen überhaupt. Diese Hilfen wurden in Berlin über die Arbeiterwohlfahrt als Sozialstation angeboten.
Sie waren alt oder älter, wir meist jung, Studenten und andere, die sich so ein Zubrot verdienten. Gut bezahlt wurde das nie, die Arbeit aber war leicht, machte Freude und Sinn. Für Fritz Delly, knapp 80 Jahre alt damals, waren täglich drei Stunden Betreuung vorgesehen. Manchmal gingen wir zusammen ins Theater, Kabarett, die Oper oder ein Rockkonzert. Mindestens zwei Stunden standen damals, es war Mitte der 1980er-Jahre, jeder oder jedem der älteren Hilfebedürftigen (ein doofes Wort für nette Menschen) zur Verfügung. Der Mensch stand im Mittelpunkt, und er war mehr als knappe Krankenpflege, eine Schnabeltasse und die Medikamentenbeigabe.
Neue Technik erleichtert Senioren das Leben in Berlin
Das war eine lange Einleitung. Eigentlich wollte ich heute eine Kolumne über Erneuerungen und kleine Hilfen für Seniorinnen und Senioren schreiben, die ihnen das Leben im letzten Jahr in Berlin etwas einfacher machten. Ich fange einfach mal an. Kennen Sie die neuen „Ampel-Assistenten“, die an etlichen Kreuzungen rund um den Zoo installiert wurden? Ein kleines Funkgerät, so groß wie ein Autoschlüssel, in Richtung Ampel gehalten, bewirkt, dass sich die Grünphasen verlängern. Kein Rennen und Hetzen mehr, keine Unsicherheiten und Gefährdungen.
„Fullsensor-Pflaster“ sind winzige Klebestreifen, die man im Alter wie ein Heftpflaster trägt. Sie erkennen Stürze und melden automatisch Hilfen. Sie unterscheiden zuverlässig zwischen einem Sturz und dem gemütlichen Mittagsschlaf auf dem Sofa. Und machen Menschen damit unabhängiger und selbstständiger.
„Lieferroboter“ sind keine Utopie mehr, sie sehen aus wie zu klein geratene Kühlschränke auf Rädern und begegnen uns auf den Straßen in Moabit. Sie erledigen Einkäufe, holen die Medikamente aus der Apotheke.
Sichere Nachbarschaft: Smarte Lampen und Boards fördern Zusammenhalt
„Nachbarschaftsboards“ hängen in einigen Kiezen in den Hausfluren, sind mit großen, gut lesbaren Symbolen ausgestattet: Wer hilft mir beim Einkaufen, bei wem soll ich die Pflanzen gießen, für wen darf ich Näharbeiten erledigen?
„Intelligente Straßenleuchten“ am Kotti, am Leopoldplatz und am Ostkreuz schaffen freundlichere, hellere Lichtzonen, wenn jemand allein unterwegs ist. Angst und Unsicherheit im öffentlichen Raum sind nicht nur Thema der älteren Bevölkerung.
Die Aufzählung ließe sich erweitern, und jede dieser Erneuerungen finde ich für sich auch gut. Unsere Gesellschaft wird älter, und das bereitet auch Probleme. Technik macht das Leben einfacher. Ob sie das Leben auch immer lebenswerter macht, müssen Sie entscheiden.
Trinken Sie Ihren Kaffee lieber mit einem Menschen oder einem Computer?
Fehlt das Personal, fehlen Menschen, übernehmen Pflegeroboter längst ihre Aufgaben – schauen Sie dazu nach Japan. Das ist Pragmatismus und sicher auch besser, als wenn wichtige Aufgaben und Arbeiten gar nicht erledigt werden können.
Sieben Jahre habe ich als Student und auch darüber hinaus noch in der häuslichen Pflege gejobbt. Oft war das eben mehr als ein Job. Die „Abendschau“ mit Irene Schmidt war immer besonders, Fritz Delly erklärte mir die Welt der Oper, dafür nahm ich ihn mit in irgendwelche Spelunken. Mir hat’s eben auch Spaß gemacht, meinen Gegenübern hoffentlich auch.
Und seien Sie mal ehrlich: Trinken Sie Ihren Kaffee am Morgen lieber mit einem freundlichen Menschen oder einem intelligenten Computer? Ich bin mir sicher, wir sind mit dem Thema noch nicht durch.
Kolumne Nachtgestalten: Lesen Sie hier mehr Artikel von Dieter Puhl



