Heiligabend 1989: Meine Scheckkarten hatte der Automat längst eingezogen und seit geraumer Zeit war ich restlos pleite. „Rien ne va plus.“ Geld hatte ich dennoch aufgetrieben, keine Ahnung, wen ich angepumpt hatte. Meine Tasche war sogar voll davon. Ohne Geld wäre der Tag furchtbar geworden – mit Geld war er nur mies.
Schon seit neun Uhr früh saß ich in der Spielhalle, vor mir drei Automaten, ich konnte einfach nicht genug bekommen. Ab und zu kam ein anderer Gast, wohl verzweifelt wie ich. Ein schläfriger Rentner, der Heiligabend die Aufsicht führte, war auch da. Der Rausch fühlte sich prima an, wichtiger war das Vergessen.
Da waren die Depressionen. Damals wusste ich noch nicht, dass sie ständiger Begleiter waren. Den Mantel um meine Seele spürte ich heftig. Oft wollte ich lieber sterben als leben. Liebte eigentlich das Licht, fand aber den Schalter selten. So blieb‘s dann meistens dunkel.
Ein Partner und Vater, der die Nähe nicht aushält
An meine junge Tochter dachte ich viel, hatte sie seit Wochen nicht mehr gesehen. Ein halbes Jahr war Lavinia nun alt. Kurz nach ihrer Geburt hatten ihre Mutter und ich uns aber getrennt. Raten Sie, an wem das lag? Ein Partner und Vater, der die Nähe nicht aushält, oft im Alltag zu ertrinken drohte. Damals war ich mehr Spezialist für das Alleinsein. Es war das erste Weihnachtsfest meiner Tochter und ich Blödmann saß in einer Spielhalle.
Und es lief vermeintlich gut. Es kam eine Serie nach der anderen und mein Geld ging einfach nicht zur Neige. Egal, das würde ich schon schaffen, morgen war ja auch noch ein Tag. Denn es ging doch nicht um das Gewinnen, es ging um das Verlieren.
Der Rentner brachte mir einen Kaffee, es war doch Weihnachten, den gab‘s immerhin an diesem Tag umsonst. Dominosteine gab es auch. Ich gab der Aufsicht 20 D-Mark Trinkgeld. Es war doch Weihnachten.
Die Uhr an der Wand tickte, der Zeiger galoppierte schließlich voran, um 17 Uhr sollte die Halle schließen. Ich gab ihm weitere 20 Mark, ich war längst der letzte Gast. Um 17.45 Uhr hatte aber auch seine Geduld ein Ende. „Ich möchte zu meiner Familie.“ Ein Satz, der schmerzte.
Viele machten sich Sorgen, schließlich aber gaben alle auf
Später saß ich dann in meiner Wohnung. Essen war da, sogar Leckereien. Und Whisky reichlich. Alle paar Minuten klingelte das Telefon, Freunde hatte ich immerhin noch. Nur war mein Arm zu schwer, um den Hörer abzuheben. Einige mochten mich, liebten mich und viele machten sich Sorgen. Schließlich aber gaben alle auf. Mir war kalt.
Das Einschlafen war nicht leicht, denn vorher kam das Nachdenken. Es war schon leichter, bis zwei Uhr in der Frühe in der Daddelhalle zu sein. Dann konnte ich wenige Minuten später fast komatös einschlafen. Blödes Weihnachten – ausgerechnet an diesem Tag schlossen die Hallen früher.
Ich bin froh, dieses Weihnachten damals überlebt zu haben. Aber ich habe auch andere Weihnachten erlebt und hoffe, Sie hatten bessere Festtage - sozusagen als Spezialisten für das Licht. Denn das Leben ist doch schön.
Jesus war dieses Weihnachten auch kurz da, musste aber weiter
Und ich selbst habe auch schönere, andere Geschichten zu erzählen. Nur: eine Geschichte zum Weihnachtsfest ganz ohne Jesus? Ich bin mir da nicht sicher. Weg war er damals wohl nicht, wir redeten auf jeden Fall nicht miteinander. Vielleicht beschützte er mich an diesem Abend aber mehr als zu manch anderen Zeiten.
Grundsätzliches: „Weihnachten beginnt definitiv im Dunkeln. Das weiß Maria! (die aus der Bibel). Dann werden Menschen erhellt (die Hirten.) Dann geben Menschen Licht weiter (die Leute Jesu.) Nein, weg war Jesus damals wohl nicht. Menschen lehrt er zu leuchten, Gott sei Dank – das sagt mir dazu Joachim Lenz, er war früher mal Direktor der Berliner Stadtmission und ist seit Jahren Evangelischer Propst in Jerusalem.
Heiligabend 2025: Die Ente lag auf der Sonnenbank, hatte ordentlich Farbe bekommen, das Essen war lecker. Draußen war es dunkel, wir zündeten einfach ein paar Kerzen an. Meine Freundin war mir beste Gesellschaft. Ruhe, Liebe, Glück und Zufriedenheit waren weitere Gesellen am Tisch. Und Jesus war auch kurz da, musste aber weiter. Um in Spielhallen und Notübernachtungen und der Welt anderen beizustehen.



