Weihnachten ohne Gans – für viele ist das unvorstellbar. 44 Euro kostet der Gänsebraten in einem Charlottenburger Restaurant, ein spezielles Angebot in der Adventskarte, und geboten wird das volle Programm: ofenfrischer Gänsebraten mit Preiselbeeren, Apfel, Bratensauce, Apfelrotkohl, Grünkohl und Kartoffelkloß mit Butterbröseln.
Dagegen sind die Weine eher preiswert, eine Flasche ist bereits für knapp über 30 Euro zu haben, werden die Wünsche spezieller, können es auch 80 Euro werden. Eine Vorspeise schafft vorher keiner, vielleicht darf es anschließend ja aber noch ein leckeres Dessert sein: Marzipan-Crème-brûlée, mit Rohrzucker gratiniert, schlägt dann mit 13 Euro zu Buche. Der Service ist sehr freundlich, das Ambiente lädt zum anschließenden Verweilen ein, schnell verlängert man dieses mit weiteren Getränken: noch eine Flasche Wasser, Kaffee und Obstler, der Wein ist lecker, keine weitere Flasche Wein, die wäre selbst zu zweit unangemessen, zwei Gläschen aber gehen noch …
Haben Sie Ihren Taschenrechner zur Hand oder bekommen Sie das schnell im Kopf errechnet? Mit Trinkgeld und sich selbst gegenüber sehr großzügig kann so ein Abend pro Person schnell über einhundert Euro liegen. Wir reden von einem sehr soliden Restaurant, keinesfalls von der Sternegastronomie.
Ein Restaurantbesuch ist für viele unerschwinglich
Das Restaurant ist bis auf den letzten Platz belegt, sehr vielen Menschen geht es nämlich finanziell ausgezeichnet. Viele aber gehen vorbei, müssen vorbeigehen, riskieren lediglich einen kurzen Blick auf die gedeckten Tische, schlendern weiter Mein Freund Tim lebt von 100 Euro fast zwei Wochen, großartige Rücklagen hat er nicht, kann auch kaum etwas sparen. Freundin Tina möchte auf den Braten nicht verzichten, solch ein Restaurantbesuch ist für sie aber auch unerschwinglich. Ihr Supermarkt bietet Alternativen, aber auch dort haben die Preise erheblich angezogen. Vielleicht wird’s also Entenbraten.
Vor 20 Jahren gab es übrigens in vielen Einrichtungen der Obdachlosenhilfe Gänsebraten als Weihnachtsessen. Obdachlose Menschen standen und stehen da durchaus auch drauf, sie wissen auch, was lecker ist, und oft war es einfach auch die Erinnerung an vergangene, bessere Tage. Sponsoren machten dieses Essen möglich. Die Preisspirale machte aber auch hier aus Gänse- dann Entenkeulen, die Portionen wurden etwas kleiner. In vielen Einrichtungen wurde heutzutage Wildgulasch daraus.
Habe ich eigentlich bereits darüber berichtet, dass ich 1985 während eines Praktikums eines meiner schönsten Weihnachtsfeste im Foyer an der Gedächtniskirche erlebte? Eine Feier am Heiligen Abend für Arme und Einsame, auch für Obdachlose war das, wohl 80 Menschen kamen zusammen. Wurst- und Käsebrötchen, Kekse und Dominosteine, es gab sogar Kaffee. Und eine Andacht, die hielt der längst pensionierte 85-jährige ehemalige Pfarrer, gemeinsames Singen und ein schönes Miteinander gab’s auch. Nicht wenige meinten, Jesus sitze mit am Tisch. Kein Wunder also, wir waren dann beseelt.
Vielleicht hätte Jesus damals aber auch gerne Gänsebraten gegessen?
„Geht doch“, höre ich nun einige einwerfen, „es geht doch bescheidener, und es gibt Existenzielles, das kann man nicht für Geld kaufen.“ Dem ist wenig entgegenzusetzen, lediglich: Vielleicht hätte Jesus damals aber auch gerne Gänsebraten gegessen? Oder muss Gott immer arm sein? Lese ich in der Bibel, etliches spricht dafür.
Regelmäßige und sehr großzügige Urlaube auf Kreta kosten Geld, ich teile es mir ein, muss Prioritäten setzen und bin dabei doch dennoch auf der Sonnenseite des Lebens! Restaurantbesuche in der erwähnten Größenordnung sind einfach nicht drin. Und ich gestehe, bei Gänsebraten und anderen Leckereien könnte ich aber schwach werden.
Immerhin: Ich kaufte uns diese Woche ein kleines Glas italienische Zitronenmarmelade in einer Berliner Feinkostkette: 240 Gramm für 6,90 Euro. Ich bin nun 68 Jahre alt, kniete fast nieder, so etwas hatte ich im Leben vorher noch nie gegessen .Es muss kein Porsche sein, auf Südseeinseln kann ich auch verzichten, einen guten Braten aber und Marmelade, die ohnmächtig macht, gönne ich aber uns allen. Wenigstens zu Weihnachten.



