Einmal möchte er sich vor dem Aufstehen noch umdrehen und kurz die Augen schließen: Und wie fast jeden Morgen denkt er an seine verstorbene Frau. „Niemand ist fort, den man liebt. Liebe ist ewige Gegenwart.“ Mit Literatur hat Max es nie so richtig gehabt, über den Schriftsteller Stefan Zweig stolperte er vor Jahren. Es war das ein Zitat in der Apotheken-Zeitung, meint er. Das Zitat hat ihm Halt gegeben. Sein Glaube an das ewige Leben auch. 

Diese Woche ist Max 80 Jahre alt geworden. Da blickt man schon zurück: Er hat sich stets bemüht, ein guter Mensch zu sein, das mit dem ewigen Leben könnte also klappen und allzu lange sollte es ja auch nicht mehr auf sich warten lassen. Einmal umdrehen noch, es gibt so viele Erinnerungen …

Ich war 1997 Sozialarbeiter im Betreuten Wohnen für obdachlose Menschen bei der Berliner Stadtmission in einem kleinen Projekt mit Wohnungen am Chamissoplatz in Kreuzberg. Max hatte sich für ein Bewerbungsgespräch angemeldet. Er lebte damals in einer Pension für vormals obdachlose Menschen in Neukölln. „Da waren lauter Gangster“, den Satz konnte ich noch verstehen, beim Rest war es schwieriger, er war einfach zu betrunken. Max trank damals für zwei, an schlechten Tagen sogar für drei. „Er stürzt gleich und haut mir mit dem Kopf auf die Schreibtischkante“, dachte ich. An ein strukturiertes Bewerbungsgespräch war nicht zu denken, wir brauchten da schon ein paar Termine und Versuche. Er kam aber wieder und wieder und langsam fing ich an, zu verstehen.

Oft trank Max bis zur Bewusstlosigkeit

Schlosser und Schweißer war er, zunächst in Polen, Schlesien, wie er betonte . Stets hat er viel gearbeitet. 1987 zog die Familie von Gliwice nach Berlin, er fand hier schnell Arbeit. Gerne berichtete er von „den glücklichen Zeiten“. Bis seine Ehefrau 1996 plötzlich unerwartet starb. Es folgten Trauer und Verzweiflung – und radikal übermäßiger Alkoholkonsum. Oft trank Max bis zur Bewusstlosigkeit. Seine erwachsener Sohn, Freunde, die Mutter in Polen, niemand konnte ihn halten. 
„Wie denn auch, wenn man sich selbst aufgegeben hat!“

Immerhin wollte Max dann doch nicht sterben. Bis zu etwas neuem Lebensmut war es ein langer, zäher Weg. Unsere kleine Projektwohnung half dabei, wohl auch die Gemeinschaft mit anderen. Sie hatten es doch auch geschafft. Die Entgiftung im Urban-Krankenhaus war wichtig, ein guter Suchttherapeut auch, seine angeleitete Gruppe, klare Ansage, die musste Max besuchen. Vermutlich, das möchte ich so glauben, hatte sogar Jesus seine Hände im Spiel. 

36 Projektwohnungen brauchen einen Menschen, der sie renoviert, Möbel austauscht, sich kümmert. Unsere gute Fee hatte einen Namen, Georg war ein prima Haushandwerker, war fleißig, sehr fair und freundlich im Umgang. Und Georg brauchte einen Assistenten, allein war die Arbeit kaum zu schaffen.

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Ein Leben ohne seine Frau, er konnte sich das nicht vorstellen

Nachdem Max ohne Alkohol wieder sicher auf seinen Beinen stehen konnte, wurden er und Georg ein Pärchen. Quasi unzertrennlich. Man muss morgens wissen, wofür es sich lohnt aufzustehen. Alle suchen ein Stück Anerkennung und Bestätigung. Suchen ihren Platz. Max fand seinen wieder, später durch unsere Vermittlung eine eigene Wohnung und viele Jahre lang half er noch weiter im Projekt aus. Im Winter lebt Max nun schon lange in seiner Kreuzberger Wohnung, den Sommer über bei seinem Enkelsohn und dessen Familie in Polen. 

Ein Leben ohne seine Frau, er konnte sich das nicht vorstellen. Und doch: Es geht. Und er denkt daran, 26 Jahre trocken zu sein. Keinen Alkohol zu trinken, das fühlt sich gut an. Da ist er stolz. Nie wieder. Jetzt aber muss er raus aus dem Bett, er hört die Schritte seiner Urenkelin, die ihm zum Geburtstag gratulieren möchte. Nach dem Frühstück dann etwas Gartenarbeit. Wie jeden Tag. Arbeit ist noch immer wichtig. Später kommen dann zwei ehemalige Schulfreunde, der Kontakt hält all die Jahre. Anstoßen werden sie mit einer selbstgemachten Brause. Er freut sich auf den Tag. Eigentlich ist das Leben doch ganz schön.

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