Wir Medienleute dürfen nicht zu lange über den Tod von Nadja Abd el Farrag nachdenken. Sonst könnten wir in Selbstzweifel geraten. In einem Nachruf über „Naddel“ schreibt eine Kollegin: „Vor einem saß eine Frau, von der man sich ein Bild gemacht hatte – und die diesem nicht entsprach.“

Könnte es möglich sein, liebe Kollegin, dass Frau Abd el Farrag keine Ausnahme war? Sondern die für uns beschämende Regel? Abziehbild statt wirklichem Porträt. Vorurteile statt Beobachtungen. Die Beschreibung muss nicht wahr sein, Hauptsache stimmig.

Ich bin reich beschenkt, denn ich durfte schon zig Menschen interviewen. Die waren mitunter widersprüchlich, längst nicht alle durchweg sympathisch. Aber nie so plump, wie es Kollegen für ihre journalistische Arbeit mögen.

Als Wolfgang Schäuble ab 2005 wieder Bundesinnenminister war, verfratzten ihn viele Berichterstatter zum sinistren Erschaffer eines Überwachungsstaates. Kalt, gewissenlos, überwachungsgeil. Mir saß im Studio ein sehr offener Wolfgang Schäuble gegenüber, der auch zu seiner persönlichen Tragödie jede Frage beantwortete.

Von dem, was Beschreiberinnen aus dem FDP-Politiker Christian Lindner gemacht haben, konnten sich einige „Kleinkünstler“ jahrelang ernähren. Bei Auftritten auf einem Kirchentag war es dem Publikum oft schon Pointe genug, wenn der Name Lindner fiel. Dabei wäre der Scharfsinn eines Christian Lindner vor allem für die gefährlich, die in Kabarettbuden oder in Leitartikeln gerne Liebe mit sich selbst machen.

Vor ein paar Tagen saß ich auf einer Bühne, auf der Verona Pooth kopfschüttelnd erzählte, dass sie schon einmal stehende Ovationen bekam, als sie fehlerfrei bis drei gezählt hatte. Ich habe Nadja Abd el Farrag nie kennengelernt. Aber an ihrem Schicksal lässt sich beweisen, warum wir Medienleute unsere Arbeit nicht machen, wenn wir bekannten Menschen erst in ihrem Nachruf eine komplexe Persönlichkeit zubilligen.

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