Der Mensch neigt gegen Ende zum Bilanzieren. Beim Finale des Lebens gibt es, wenn er Glück hat, noch einige Freunde. Und glücklich kann er sich auch schätzen, wenn das Verhältnis zu einigen seiner Verwandten ein freundschaftlich enges ist. Am Ende eines Jahres, traditionell der Anlass für eine Zwischenbilanz, stehen auf der Verlustseite oft Menschen. Sybille starb im Februar mit 78 Jahren. Ihr Witwer, die Tochter und der Sohn erzählten mir ihr Leben. Das glückliche Leben einer Frau, die wusste, was sie wollte. Die Familie bereitete ihr in der wunderschönen Holzkirche auf dem Südwestkirchhof in Stahnsdorf einen liebevollen Abschied. Der Organist spielte auf der Sauer-Orgel, deren Einbeziehung in die Trauerfeier ich dort immer empfehle, sogar ein Stück von den Rolling Stones. Die meisten Organisten erfüllen gern solche Wünsche.

Im März starb Dieter mit 91 Jahren. Die Schleife eines Kranzes hatte die Enkelin mit einer Dampflok bedrucken lassen. Dieters Haus war das eines Eisenbahnenthusiasten, als Lichtschalter hing an der Treppe ins Obergeschoss der Notbremshebel aus einem Zug der Reichsbahn. Zu Dieters Eigenheiten gehörte, dass er die Volksmusik aus seiner alten Heimat immer viel zu laut abspielte. Es war ein sicherer Lacher und passte perfekt, als auf seiner Trauerfeier so ein Volksmusiktitel viel zu laut erklang.

Ein warmherziger Mensch, mit dem man tiefe Gespräche über das Leben führen konnte

Ende März starb Claus Josef Richter, der Generationen von jungen Artistinnen und Artisten bei ihren ersten Schritten auf der Bühne und in der Manege der ufa-Fabrik begleitete, anleitete und begeisterte. Er selbst entzückte jahrzehntelang sein Publikum als virtuoser Imitator und Interpret der Kunst von Charlie Chaplin. In seiner Rolle als Chaplin blieb Claus stumm, was dafür sorgte, dass nirgendwo auf der Welt zwischen ihm und seinem Publikum eine Sprachbarriere stand. Im privaten Gespräch war er ein warmherziger, zugänglicher Mensch, mit dem man tiefe Gespräche über das Leben führen konnte.

Ruth starb Anfang April. Sie konnte herrlich zornige Vorträge darüber halten, wie ignorant die Stadt Berlin mit ihrer Theatergeschichte umgeht. Sie hatte sich jahrzehntelang für ein Berliner Theatermuseum eingesetzt. Manchmal reicht ein einzelnes Leben nicht für so ein großes Lebenswerk. Dann müssen andere weitermachen.

Die Lebenden und die Toten: Kolumnen von Andreas Kurtz

Letzte Briefe, um den Lieben etwas mitzugeben

Ende April vollendete sich der Lebensweg von Klaus. Der hatte schon vier Jahre zuvor Briefe an Menschen geschrieben, die er liebte. Eine Krebsbehandlung, die ihn daran erinnerte, dass sein Leben endlich ist, war der Anlass dafür. Diese Botschaften lagen bis zu seinem Tod in der Schublade und begannen mit dem Satz „Wenn Du diesen Brief liest, bin ich am Ende meines Weges angekommen.“ Klaus nutzte die letzte Gelegenheit, seinen Lieben etwas mitzugeben, für Zuspruch und Ermutigung. Aber auch, um zu danken und um Verständnis zu werben. Klaus war sich bewusst geworden, dass er über weite Strecken seines Lebens kein guter Vater war. Das nagte an ihm und ließ ihn als Rentner eine größere Nähe zur Familie suchen. Klaus blickte realistisch und selbstkritisch auf sein Leben. Klaus taugte zum Vorbild.

Ende Mai machte sich Elisabeth, die eine beliebte Treptower Hortnerin war, mit 93 Jahren auf ihren letzten Weg. An ihrem Beispiel konnte man sehen, dass der Begriff „Ruhestand“ manchmal ziemlich in die Irre führt. Als Elisabeth 1990 Rentnerin geworden war, pflegte sie erst ihre Schwiegermutter und dann ihren Mann.

Schneidermeister Günter Adam suchte sich sein Grab selbst aus

Irmgard war 94 als sie, zwei Tage nach Elisabeth, starb. Da lagen 31 Ehejahre hinter ihr und 43 als Witwe. Oft saß sie in ihrer Wohnung im Dunkeln. Und zwar gern. Sie „sparte Licht“ und auch das Badewasser ließ sie nicht einfach ab, sondern nutzte es noch für die Toilettenspülung. Über jeden Euro, den Irmgard am Licht und am Wasser gespart hatte, freute sie sich. Das war nämlich ein Euro, den sie den Enkeln und Urenkeln zustecken konnte.

Im Juli rief Günter Adam an. Der Schneidermeister, der seinen Ruhestand mehrfach verschoben hatte, weil Stars wie Max Raabe nicht auf die perfekte Passform seiner Anzüge und Fräcke verzichten konnten, meldete sich aus dem Hospiz. Er hatte die anstrengende Behandlung seiner Krebserkrankung abgebrochen und wartete gefasst auf sein Ende. Der 89-Jährige wusste schon seit 20 Jahren, in welchem selbst ausgesuchten Grab er mal landen würde. Inzwischen zog er vom Hospiz dorthin um.

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Bis zum Weihnachtsfest hat er es nicht mehr geschafft

Jürgen schaffte nach der Diagnose Bauchspeicheldrüsenkrebs noch fünf Jahre. Als er Mitte August starb, war er von viel Liebe umgeben. Er selbst formulierte das Fazit seines Daseins so: „Ich hatte ein glückliches Leben.“ Das wurde auch beim Abschied im Krematorium Baumschulenweg deutlich.

Am 13. Oktober starb Petra, die sich so sehr vor Mäusen und vor einer Welt ohne Kaffee und Kuchen fürchtete. In einer wunderschönen, aber auch eiskalten Kirche verabschiedeten wir uns von ihr. Dass trotzdem niemand fror, lag wohl an den Erinnerungen an diesen herzenswarmen Menschen.

Ende Oktober meldete sich Wolfgang. Der Herzpatient hatte da schon ein reichliches Bonusjahr über die ärztlich prognostizierte Lebenserwartung hinaus hinter sich. Und ließ sich jetzt, weil er das seiner Frau später nicht zumuten wollte, von mir seine Trauerrede schreiben. Vorige Woche meldete sich Wolfgangs Frau. Bis zum Weihnachtsfest hat Wolfgang es nicht mehr geschafft.