Wer heute durch den beschaulichen Ortsteil Baumschulenweg in Treptow-Köpenick läuft, käme nicht auf Idee, welche schlimmen Ereignisse sich dort einst abgespielt haben. Wo heute in der Scheiblerstraße in ruhiger Lage Mehrfamilienhäuser stehen, befanden sich im Zweiten Weltkrieg Baracken für NS-Zwangsarbeiter.
Einer der Zwangsarbeiter gründete die Satirezeitschrift Charlie Hebdo
Frauen und Männer unterschiedlicher Nationalität waren in diesen Lagern interniert und wurden zur Arbeit in der Kriegswirtschaft gezwungen. Einer von ihnen war der Franzose François Cavanna, späterer Mitbegründer der Satirezeitschrift „Charlie Hebdo“. Um an ihn und an die vielen anderen, teils unbekannten Zwangsarbeiter und ihr Leid während der Herrschaft der Nationalsozialisten zu erinnern, gibt es jetzt eine Gedenktafel. Sie wurde am 14. September vor einem Wohnhaus der Firma Heimstaden in der Scheiblerstraße 15/16 im Beisein von Bürgermeister Oliver Igel (SPD) eingeweiht.
Wie auf der Gedenktafel zu lesen ist, wurde François Cavanna (1923-2014) im Jahr 1943 zur Zwangsarbeit nach Berlin verschleppt. Er war damals in zwei von insgesamt vier Zwangsarbeiterlagern entlang der Köpenicker Straße mit rund 2000 weiteren Menschen aus Ost- und Westeuropa untergebracht. Die Lager befanden sich neben der Scheiblerstraße in der Köpenicker Landstraße 208-281, 280 und an der Kreuzung mit der Eichbuschallee.
Initiative ging von Bürgerverein Baumschulenweg aus
Der Franzose musste beim Elektrounternehmen „Ehrich & Graetz“ in Alt-Treptow, das insbesondere durch den Bau von Radios und Fernsehgeräten bekannt wurde, arbeiten. Sein damaliger Arbeitsausweis aus dem März 1945 ist auf der Gedenktafel abgedruckt.

Dass diese überhaupt entstehen konnte, ist der Initiative des Bürgervereins Baumschulenweg zu verdanken. Der Verein hat die Tafel in Zusammenarbeit mit dem Dokumentationszentrum NS-Zwangsarbeit in Niederschöneweide der Stiftung Topographie des Terrors realisiert. Das Wohnungsunternehmen Heimstaden übernahm die Kosten für die Gestaltung, Produktion und Anbringung.
Laut Bürgermeister Oliver Igel lehnen immer mehr Immobilieneigentümer Gedenktafeln ab
Bürgermeister Oliver Igel bedankte sich bei der Einweihung bei Heimstaden für die Finanzierung des Projekts und die Zustimmung für die Anbringung der Gedenktafel direkt am Grundstück in unmittelbarer Nähe zu den Wohnhäusern. Denn seiner Auskunft nach lehnen andere Immobilieneigentümer immer häufiger ähnliche Gesuche ab. Der Grund sei offenbar, dass sie mit den dunklen Kapiteln der deutschen Geschichte nicht in Berührung kommen wollten.
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Der Geschäftsführer von Heimstaden Deutschland, Gerrit Sperling, betonte, dass er es für genau richtig halte, an den Orten ein Gedenken zu ermöglicht, wo sich Geschichte zugetragen habe. Deshalb werde das Unternehmen auch zukünftig dem Dokumentationszentrum NS-Zwangsarbeit und anderen Initiativen, die sich für die Anbringung von Gedenktafeln einsetzen, als Partner zur Verfügung stehen.
„Gerade in der heutigen Zeit ist es besonders wichtig, die Erinnerung an die Opfer der NS-Zwangsarbeit und an alle anderen Opfer des Nationalsozialismus lebendig zu halten. Dafür sind Gedenktafeln ein ausgezeichnetes Medium. Sie erinnern uns und laden ein zum Nachdenken an Orten, an denen wir nicht immer Geschichte vermuten“, so Sperling.



