Arzt beschwert sich

Diskriminierung im Gesundheitsamt von Treptow-Köpenick?

Der AfD-Stadtrat streitet den Vorwurf ab. Bezirksverordnete kritisieren die unbesetzte Amtsarztstelle als “potenziell lebensgefährlich“

Treptow-Köpenicks stellvertretender Amtsarzt Denis Hedeler (51) fühlt sich von Bezirksstadtrat Bernd Geschanowski (AfD) diskriminiert.

Treptow-Köpenicks stellvertretender Amtsarzt Denis Hedeler (51) fühlt sich von Bezirksstadtrat Bernd Geschanowski (AfD) diskriminiert.

Foto: Sibylle Haberstumpf

Berlin. In allen Gesundheitsämtern in Berlin herrscht Dauerstress wegen Corona. In Treptow-Köpenick kommt nun weiterer Ärger obendrauf. Und der ist hausgemacht. Es geht um eine interne Personalie: Der stellvertretende Amtsarzt Denis Hedeler (51) beschwert sich bei seinem Arbeitgeber, dem Bezirksamt. Sein Vorwurf ist pikant: Diskriminierung.

Im Kern geht es um die Frage: Wird der aus Kuba stammende Arzt von Gesundheitsstadtrat Bernd Geschanowski (AfD) diskriminiert – womöglich, weil er schwarz und homosexuell ist? Zu diesem Schluss kommt Hedeler selbst. Zuerst hatte der „Tagesspiegel“ über den Fall berichtet. Geschanowski handelte sich in der Sache jetzt den Zorn einiger Lokalpolitiker in der Bezirksverordnetenversammlung (BVV) ein. Norbert Pewestorff von den Linken sprach von einem „möglicherweise ungeheuerlichen Vorgang“. Doch der Reihe nach.

Stadtrat soll gesagt haben: „Sie passen hier nicht.“

Denis Hedeler, Geburtsname Denis Aguiar Pineda, ist seit Monaten „verzweifelt mit der Situation“, erzählt er. Darum habe er den Weg in die Öffentlichkeit gesucht. Sein Ehemann und seine Familie hätten ihn bestärkt. Er glaubt, dass er aus persönlichen Gründen nicht die vakante Stelle des Amtsarztes bekommt, für die er sich beworben hat. In kein gutes Licht rückt er seinen Chef. Hedeler berichtet von Reibereien seit Beginn des Jahres. Sein Eindruck: Geschanowski schikaniere ihn und wolle ihn loswerden. Bei einem Gespräch in Geschanowskis Büro soll er gesagt haben: „Sie passen hier nicht.“ Und, so erinnert sich Hedeler jedenfalls: „Wenn bei mir jemand nicht passt, muss er gehen.“

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Ein weiteres angebliches Zitat: Der Arzt solle seine „Außendarstellung ändern.“ „Da bin ich empört aufgestanden“, sagt der 51-Jährige. 1997 kam er als Asylsuchender nach Deutschland, ging 1998 nach Bremen und arbeitete dort beim Gesundheitsamt. Seit Ende 2018 ist er in Treptow-Köpenick als stellvertretender Amtsarzt angestellt. Im Mai habe Geschanowski ihm eine Pflichtverletzung vorgeworfen – er habe eine falsche Anordnung getroffen. Ein zermürbender Mail-Verkehr folgte. Damals stellte sich noch Amtsarzt Andreas von Welczeck vor Hedeler. Doch der ging im Oktober in Ruhestand. Seine Stelle ist seit Monaten ausgeschrieben. Bewerber dafür sind indes Mangelware, ähnlich wie in anderen Bezirken.

Auf seine Bewerbung hin wurde Hedeler im Sommer zwar zur Präsentation eingeladen – ein zweiter Bewerber aus Köln erhielt damals aber den Vorzug. Er sagte dem Bezirksamt kurz darauf aber ab. „Im Juli bekam ich Bescheid, dass die Stelle wieder ausgeschrieben wird“, so Hedeler. Warum wurde er nun nicht genommen, obwohl seine Bewerbung vorlag und es keine anderen Bewerber gab? Kommissarisch wurde die Kinderärztin Gudrun Schäfer als Amtsärztin eingesetzt.

Beschwerde per Anwalt beim Bezirksamt eingelegt

Per Anwalt hat Hedeler nun eine Beschwerde beim Bezirksamt eingelegt. Der Bezirksverordnete Uwe Doering (Linke) meldete sich via Twitter zu Wort: „Der Vorgang wirft Fragen auf, die der Stadtrat beantworten muss. Dem Vorwurf der Diskriminierung muss nachgegangen werden.“ Und Alexander Freier-Winterwerb (SPD) kommentierte bei Facebook ironisch: „Was macht der Gesundheitsstadtrat der AfD eigentlich beruflich? Herr Hedeler hat meine vollste Unterstützung und Solidarität!“

Zu den Vorwürfen, die online auch unter dem Schlagwort „Rassismus“ die Runde machten, sagt Geschanowski wenig. Den Verordneten in der Bezirksverordnetenversammlung antwortet er: „Die erhobenen Vorwürfe sind pauschal und wurden nicht durch Beweisgründe belegt.“ Auch sonst bleibt er unpersönlich: „Der Gesundheitsstadtrat von Treptow-Köpenick richtet sein Handeln stets nach dem Grundgesetz aus. Beleidigungen von Mitarbeitern gehören nicht dazu. Anzeichen für eine Benachteiligung bei einem internen Bewerbungsverfahren sind hier nicht bekannt.“

Mehrmals spult er während der Bezirksverordnetenversammlung denselben Satz ab: „Ich bitte um Verständnis, dass das Bezirksamt hierzu keine Auskunft gibt.“ Es handele sich um eine „interne Einzelangelegenheit“ und um „laufende Verfahren“. Einige Lokalpolitiker quittieren das mit genervten Zwischenrufen. Die Stellenausschreibung sei übrigens weiter gültig. Zuletzt im Oktober hatte Geschanowski von Gesprächen mit einem Amtsarzt-Kandidaten aus einem anderen Bezirk berichtet. Der Kandidat habe zumindest noch nicht abgesagt. Neues gebe es nicht.

Arzt zu vergraulen sei „potenziell lebensgefährlich für alle im Bezirk“

Paul Bahlmann von der SPD hält Geschanowski vor: Mitten in der Pandemie habe der Stadtrat keinen Plan, wie er die vakante Stelle des Amtsarztes besetzen solle. Außerdem vergraule er vielleicht den wichtigsten und fachkundigsten Mitarbeiter in seinem Haus, „das ist potenziell lebensgefährlich für alle im Bezirk.“

Über Hedelers Kompetenz gehen die Meinungen auseinander. Die interne Personalkommission des Bezirksamtes gab ihm bei seiner Bewerbung wohl zu wenig Punkte – aber, wenn er unqualifiziert sei, warum wurde er überhaupt eingeladen, fragt er. Sein Vorwurf der Benachteiligung bleibt. Beweise für konkrete rassistische oder schwulenfeindliche Aussagen des Stadtrates hat er nicht. Doch Hedeler weist auf seine Zeugnisse und fragt: „Was muss ich denn noch vorlegen?“ Medizin hat er in Kuba studiert. Einen Master in „Public Health“ absolvierte er an der Uni Oldenburg. Den Facharzt öffentliches Gesundheitswesen will er 2021 abschließen. Er belegt Kurse, ist also in „vorgeschrittenen Ausbildung“ – wie es unter den formalen Anforderungen in der Ausschreibung steht.

Zudem hat er epidemiologische Erfahrung mit Cholera oder Ebola. Alexander Freier-Winterweb würde sich daher wünschen, dass das Verhältnis gekittet wird: „Wir erleben zurzeit vielleicht die schlimmste Pandemie unseres Lebens, da erwarte ich, dass der Gesundheitsstadtrat solche Mitarbeiter wie Goldstaub behandelt und dafür Sorge trägt, dass der Mann an Bord bleibt.“