Urlaub zu Hause

Elektrische Gefühle: Industriekultur in Oberschöneweide

Früher stand Oberschöneweide unter Strom, nun stehen die Fabriken unter Denkmalschutz. Der Verein „Industriesalon“ stellt sie vor.

Die Reinbeckhallen sind ein ehemaliges Industriegelände unter Denkmalschutz an der Reinbeckstraße. Viele Künstler haben sich hier angesiedelt.

Die Reinbeckhallen sind ein ehemaliges Industriegelände unter Denkmalschutz an der Reinbeckstraße. Viele Künstler haben sich hier angesiedelt.

Foto: Joerg Krauthoefer / FUNKE Foto Services

Berlin. Oberschöneweide – wie spannend ist das denn? Ehrlich gesagt: Oberspannend! Buchstäblich elektrisierend ist die Geschichte des früheren Industriegebietes im Südosten an der Spree. Und einladend. Manche sagen, dass genau hier die Wiege der städtischen Elektrifizierung steht. Oder zumindest ein Teil davon. Aber ein bedeutender. Ein Teil der sogenannten Berliner Elektropolis – der Inbegriff der durch Elektroindustrie und Elektrizitätswirtschaft vernetzten Stadt. Alles begann Ende des 19. Jahrhunderts. Berlin schwang sich zur modernsten Metropole Europas auf. Vieles davon können wir heute noch sehen. Wir brauchen hier nur spazieren zu gehen.

Schon ein kurzer Gang reicht für eine Fülle von Eindrücken. Am besten entlang der Wilhelminenhofstraße, und am allerbesten gemeinsam mit Susanne Reumschüssel vom Verein Industriesalon. Sie ist, das darf man sagen, die Oberfachfrau für Oberschöneweides Industriedenkmäler. Die Projektleiterin des Besucherzentrums für Industriekultur ist seit 2019 bundesverdienstkreuzveredelt – dank ihrer Leistung konnte etwa die historische Sammlung des Werks für Fernsehelektronik größtenteils gerettet werden. Die Dauerausstellung ist im Industriesalon an der Reinbeckstraße zu sehen, der Besuch ist kostenlos und lohnt extrem.

In Oberschöneweide erlebt man eine kleine Zeitreise

Es ist eine kleine Zeitreise zwischen Elektronenröhren, dem Prototypen der DDR-Mikrowelle oder historischen Arbeitsschutzplakaten, auf denen Sinnfälliges zu lesen ist („Lass die Finger von Maschinen, die du selbst nicht kannst bedienen“). Der Industriesalon gehört zum Areal der Reinbeckhallen, ein denkmalgeschütztes Gebäudeensemble, errichtet vor über einem Jahrhundert. Jahrzehntelang diente das Fabrikgelände als Produktionsstandort für Transformatoren und Hochspannungsanlagen, später des Transformatorenwerks Oberschöneweide.

Die Dichte und Komplexität der Hallen, die uns Susanne Reumschüssel zeigt, ist kaum zu beschreiben. Ungefähr 80.000 Quadratmeter sind es insgesamt, darunter die größte Montagehalle Berlins. Die Architektur ist beeindruckend; kein Wunder, dass hier manchmal Filme und Serien gedreht werden. Eine Traumkulisse.

Künstler zieht es nach Oberschöneweide

Mit den Reinbeckhallen hat sich auch ein Kunstzentrum angesiedelt. Es gibt mehrere Ausstellungen pro Jahr. Die Stiftung, die dahinter steht, möchte dabei stets „eine Brücke vom Historischen zur Gegenwart schlagen“, sagt Kuratorin Candice Hamelin. Ab dem 18. September lässt sich das wieder überprüfen, denn dann startet hier eine neue Foto-Schau.

Seit seiner Gründung im Jahr 2009 will der Industriesalon die Industriekultur vor Ort zum Erlebnis machen, sagt Reumschüssel. Das Erbe der Großindustrie aufrechtzuerhalten, die spannende Historie weiterzuvermitteln, um Touristen, Berliner, Schüler, Studenten zu begeistern, das ist ihr Ziel. Doch zurück zur Wilhelminenhofstraße. Sie ist vom Industriesalon nur wenige Schritte entfernt. An der Straße reihen sich die Industriekathedralen aus Backstein dicht an dicht. Hinter den ockergelben, denkmalgeschützten Bauten haben sich mittlerweile zahlreiche Künstler angesiedelt, aber auch Gründer und die Hochschule für Technik und Wirtschaft.

Schöneweide war Zentrum der ostdeutschen Energiewirtschaft

Susanne Reumschüssel klärt uns auf: Zu DDR-Zeiten war Schöneweide das Zentrum der ostdeutschen Energiewirtschaft – allein in fünf Großbetrieben an der Wilhelminenhofstraße arbeiteten 25.000 Menschen. Transformatoren, Kabelanlagen, Kraftwerkausrüstungen, Batterien von hier gingen als Exporte um die Welt. Nach dem Ende der DDR brach die Nachfrage jedoch ein, es gab Massenentlassungen. Ein Kollaps, nicht bloß eine Krise. Und ein Drama für die Bewohner von Schöneweide. Nach einer Umfrage waren im Jahr 1993 rund 80 Prozent von ihnen Sozialhilfeempfänger.

Auch das prägt den Standort. Das erfahren wir bei unserem Spaziergang auch von einem Anwohner, dessen Spitzname „Djembe“ ist. Der Elektroingenieur hat hier gearbeitet, „ick kenn hier alles“, sagt er. Mit einem Kaffee sitzt er am niedlichen Café „Schöneweile“ in der Reinbeckstraße, das früher einmal das Pförtnerhäuschen der Transformatorenfabrik war. Dass es immer mehr Besucher nach Oberschöneweide zieht, die den Mix aus Industriekultur und Künstlerspirit ergründen wollen, findet Anwohner Djembe „fast schon zu viel“, meint er etwas missmutig. Aber er nimmt den Touristenauflauf gelassen – die triste Zeit in den Neunzigern, als Alkohol und Arbeitslosigkeit hier das Bild bestimmten, sei wahrlich nicht besser gewesen.

AEG löste den Industrieboom in Oberschöneweide aus

Ausgelöst hatte den Industrieboom an der „schönen weyde“ übrigens einst der aufstrebende Weltkonzern AEG („Allgemeine Elektricitäts-Gesellschaft“), der unter Gründer Emil Rathenau ans damals noch unbebaute Spreeufer zog. Während Sänger Herbert Grönemeyer gerne den unerschütterlichen „Pulsschlag aus Stahl“ seiner Heimatstadt Bochum besingt, pochte in Schöneweide quasi ein Elektro-Puls in Hochfrequenz.

Hier wurde Energie produziert, 1897 ging die Kraftzentrale Oberspree in Betrieb. Sie gilt als weltweit erstes Drehstromkraftwerk. Mit dieser Energie wurde das zeitgleich gebaute Kabelwerk Oberspree versorgt – der damals modernste Kabelhersteller Europas, der sogar die Londoner U-Bahn verkabelte. Ingenieure des Werks glänzten mit Bahnbrechendem. So wurde etwa von hier aus die drahtlose Funkübertragung mit 70 Meter hohen Versuchsantennen entwickelt. Aus Schöneweide kam auch das Magnetophon – das Gerät machte es 1935 erstmals möglich, Musik, Sprache und Geräusche aufzuzeichnen und wieder abzuspielen.

All das und noch viel mehr erfährt man im Industriesalon. Unser Spaziergang führt uns aber noch weiter die Straße hinab bis zum mächtigen, trutzburgartigen Peter-Behrens-Bau: In dieser geschichtsträchtigen Megafabrik, in der einst Autos der NAG („Nationale Automobil-Gesellschaft“) von oben nach unten in Stockwerken produziert wurden, sollen zwölf Millionen Steine vermauert worden sein, und Fahrstühle konnten Schwerlasten von 6000 Kilogram heben. Nach dem Mauerfall entdeckte man darin doppelte Wände, erzählt Reumschüssel. Hier wurde heimlich wertvolles Material gehortet, zum Beispiel Diamantschliff-Blätter. Es gibt viele solche Geschichten.

Turm des Behrens-Baus ragt 60 Meter in den Himmel

Eine Wucht ist der höchst faszinierende Turm des Behrens-Baus, der rund 60 Meter in den Himmel ragt. Bei seiner Eröffnung 1917 war der Turm kurzzeitig das höchste Gebäude Deutschlands. Es geht so um die 150 Stufen steil hinauf, der Aufstieg lohnt sich schon wegen des Rundblicks. Ganz nach oben kommt man jedoch nur, wenn man eine der Führungen mitmacht, die der Industriesalon anbietet. Famos ist auch das Eingangsportal, der sogenannte Lichthof – ein bekanntes und beliebtes Fotomotiv.

Auf dem Rückweg zu den Reinbeckhallen ist auch die Fußgängerbrücke Kaisersteg einen Abstecher wert. Den weiten Platz davor finden manche öde. Doch in der strahlenden Sommersonne lässt es sich hier aushalten, das haben auch einige Studenten entdeckt. Statt Hochspannung kann man hier vor allem eines finden: ein wenig Entspannung ...

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Anfahrt

Mit der S-Bahn S-Bahn S46 bis Oberschöneweide, weiter mit Tram 60 (wegen der Baustelle ca. 5 Min. Fußweg bis Haltestelle Sterndamm), Aussteigen an Haltestelle Firlstraße. Zu Fuß sind es vom Bahnhof Oberschöneweide über den Kaisersteg (Spree) etwa zwei Kilometer.

Führungen

Verein Industriesalon im Besucherzentrum für Industriekultur, Reinbeckstraße 9, 12459 Berlin. Der Eintritt zur sehenswerten Ausstellung ist kostenlos. Öffnungszeiten für Besucher sind Mittwoch bis Sonntag von 14 bis 18 Uhr. Der Industriesalon bietet regelmäßig sonntags, 12 Uhr, und freitags, 14 Uhr, Touren an, die etwa zwei Stunden dauern. Kosten: 10 Euro. Individuelle Führungen können unter der E-Mail tourismus@industriesalon.de gebucht werden. Info: 030/ 53 60 30 59, industriesalon.de.

Besondere Orte

Rathenau-Hallen mit der ehemaligen AEG-Transformatorenfabrik Oberschöneweide, Wilhelminenhofstraße 83-85, 12459 Berlin – ehemaliges Industriegelände mit Gebäuden aus den Jahren 1898 bis 1941. Auf dem Grundstück befinden sich die unterschiedlichsten Gebäudetypen – riesige Produktions- und Lagerhallen, Stockwerksfabriken, Verwaltungs- und Ateliergebäude. Informationen und Fotos: kultur-und-technologie-zentrum.de.

Peter-Behrens-Bau, ehemalige Automobilfabrik NAG, später Werk für Fernsehelektronik, liegt in der Ostendstraße 1-4, Anfahrt mit den Tram-Linien 27, 60, 61, 67 (Haltestelle Rathenaustraße/HTW). Der sehenswerte, monumentale Gebäudekomplex wurde im Ersten Weltkrieg innerhalb von zwei Jahren gebaut und hat eine repräsentative Eingangshalle, den Lichthof. Der 60 Meter hohe Turm war bei der Eröffnung 1917 das höchste Gebäude Deutschlands und prägt das Ortsbild bis heute. Bestiegen werden kann er bei Führungen des Vereins Industriesalon, der dort auch ein Museum betreibt.

Kunst

Die Reinbeckhallen sind ein Zentrum für zeitgenössische Kunst. Sie können auch für Ausstellungen und Veranstaltungen gemietet werden. Die Stiftung Reinbeckhallen zeigt jährlich zwei bis drei Ausstellungen, die von offenen Workshops, Filmvorführungen oder Lesungen begleitet werden. Die neueste Ausstellung beginnt am 18. September und dauert bis zum 24. Januar 2021. Deutscher Titel: „Berlin zwischen 1945 und 2000: Ein fotografisches Motiv“. Die Schau zeigt, wie deutsche und internationale Fotografen Berlin zwischen den unmittelbaren Nachkriegsjahren und dem Ende des 20. Jahrhunderts fotografierten. 23 Künstler sind vertreten mit mehr als 200 Werken. Adresse: Reinbeckstraße 17, 12459 Berlin, Telefon: 030/ 20 39 31 11, stiftung-reinbeckhallen.de.

In der Nähe

Stadtplatz am Kaisersteg, Fußgängerbrücke über die Spree; Adresse: Platz Am Kaisersteg 1, 12459 Berlin. Kann mit Bus, S-Bahn, U-Bahn oder Straßenbahn erreicht werden.

Hochschule für Wirtschaft und Technik, Wilhelminenhofstraße 75A, Webseite: www.htw-berlin.de.

FEZ, Größtes gemeinnütziges Kinder-, Jugend- und Familienzentrum Europas. An der Wuhlheide 197, 12459 Berlin, 030/ 530710, fez-berlin.de.

Essen und Trinken

Café Schöneweile, Kuchen, Gebäck, belegte Bagels. Reinbeckstraße 9, 12459 Berlin, Telefon: 030/ 54 90 55 22.

Café Waschbar, Johannes-Kraatz-Straße 9, montags bis freitags von 9 bis 14 Uhr.

Turm-Café im Behrensturm: Achtung: Das von den Stephanus-Werkstätten betriebene Café ist derzeit wegen Corona noch geschlossen.