Stadtführungen

Geschichtsunterricht im Kanu auf der Spree

Vom Wasser aus lässt sich Berlin aus einem anderen Blickwinkel entdecken – Abkühlung inklusive.

Der Geschichtsunterricht artet auch mal zur Wasserschlacht aus.

Der Geschichtsunterricht artet auch mal zur Wasserschlacht aus.

Foto: Maurizio Gambarini / FUNKE FotoServices

Berlin. So könnte es gewesen sein: Besucher aus einer fernen Galaxie waren Lichtjahre unterwegs. Ihr Auftrag: Findet einen traumhaft schönen Ort in Berlin am Wasser im Grünen. Fernab von Hektik und Stress der Metropole, wo ihr mit eurem Ufo ungehindert landen könnt. Die Bewohner des anderen Planeten landeten schließlich in Oberschöneweide am Gelände des Funkhauses Berlin. Dort hatte der Rundfunk der DDR bis 1991 seinen Sitz.

Nur wenige Kilometer vom Stadtzentrum entfernt blieb das Ufo hier unweit vom Spreeufer entfernt zurück. Die außerirdischen Besucher sind vermutlich in der Anonymität der Großstadt untergetaucht – das „Ufo“ aber gibt es tatsächlich. Das „Futuro“, so der richtige Name des ellipsoiden Rundhauses aus dem Jahr 1968, das als Treffpunkt für die Gäste der Kanutouren von „Backstagetourism“ dient.

Stadtführung auf der Spree und Wasserschlachten

„Wir sind sehr flexibel bei der Gestaltung unserer Touren und dem Programm“, sagt Kanuguide Sebastian Bunk. Dauer und Stationen der Kanufahrt seien auch abhängig von Wind, Wetter und der Pünktlichkeit der Gruppe. „Bei der einen Gruppe sollen die geschichtlichen Hintergründe der einzelnen Orte im Vordergrund stehen, bei einer anderen kann es die ausgiebige Wasserschlacht sein. Aber eigentlich ist das egal. Hauptsache, alle Teilnehmer können nach der Fahrt sagen, sie haben einen riesigen Spaß gehabt.“

An diesem Nachmittag, es ist einer der heißesten Tage des Jahres, wartet Bunk auf die Teilnehmer im Schatten unter einem gespannten Segel. Ein Gruppe junger Mitarbeiter einer Bank haben die „Wind of Change“-Tour gebucht. Eine etwa fünf Kilometer lange Strecke zu den Überresten des Spreeparks Plänterwald, vorbei an der Insel der Jugend zur Halbinsel Stralau ist geplant.

Das Begrüßungsbier kommt von der Tankstelle

Von dort paddeln die Teilnehmer an der Liebesinsel vorbei zur Rummelsburger Bucht und von dort die Spree entlang zurück zum Gelände des Funkhaus Berlin. Bunk blickt auf seine Uhr und den Wind. „Die Gruppe verspätet sich – und wenn wir am Spreepark vorbei sind, kann uns der Wind mit der vollen Breitseite erwischen“, sagt er. „Das wird in den zwei Stunden kaum machbar sein.“

Kurz darauf treffen die Teilnehmer ein. Das Begrüßungsbier bringen sie von einer Tankstelle mit, ein kurzes Hallo und Sebastian Bunk fängt mit den Sicherheitshinweisen an. Er erklärt Fahrrinne und Vorfahrtsregel auf dem Wasser, verteilt Schwimmwesten und demonstriert den richtigen Umgang mit den Paddeln.

Die ersten Kilometer geht es meistens im Zick-Zack-Kurs

Als alle in den Kanus sitzen, geht es auch schon los. Aufgabe: Einmal die Fahrrinne überqueren, um auf der anderen Seite der Spree in Ufernähe im Schatten der Bäume zu fahren. „Bis alle den richtigen Rhythmus gefunden haben, geht es auf dem ersten Kilometer meistens im Zick-Zack-Kurs“, sagt Bunk und urteilt in bestem Berlinerisch: „Dit sieht aber schon jut aus.“

Kaum ist die Fahrrinne gequert und die Kanus im seichten Wasser am Ufer, beginnt die erste Wasserschlacht. Die Paddel werden zum Wasserspritzen eingesetzt. Bei 38 Grad eine Erholung – und eindeutig spannender als die Überreste des Spreeparks. Der Kanuguide erzählt von dem stillgelegten Riesenrad, dass bei günstigem Wind von alleine wieder Fahrt aufnimmt. „Eine Spaziergängerin hatte sich in eine Gondel gesetzt“, sagt er. „Sie hatte nur nicht bemerkt, dass sie plötzlich im Riesenrad in luftiger Höhe fest saß.“ Enten, Frösche und Reiher sind dort sesshaft geworden.

Neben Ruder- und Paddelbooten sind auch Shisha-Flöße unterwegs

Auch die abenteuerliche Geschichte des Rummelplatzbetreibers nach der Wende, Norbert Witte, wird erzählt. Von einem großangelegten Kokainschmuggel in einem Fahrgeschäft von Peru nach Deutschland. Dafür wurde Wittes Sohn in Lima zu 20 Jahren Haft verurteilt.

Mit Gegenwind geht es weiter Richtung Insel der Jugend. Sie liegt zwischen Treptower Park und dem Forst Plänterwald gegenüber der Halbinsel Stralau. An diesem heißen Nachmittag herrscht reger Bootsverkehr auf der Spree in Alt-Treptow. Ruder- und Paddelboote, Tretboote und Shisha-Flöße. Man könnte meinen, die halbe Neuköllner Karl-Marx-Straße und Hermannstraße sei vor der Hitze auf die Spree geflüchtet.

Luxuriöse Häuser an der Halbinsel Stralau

„Wir legen da drüben an und trinken etwas Kaltes“, ruft Bunk den weit verteilten Gruppenteilnehmern in den Kanus zu. Kurz darauf haben sie an einem Steg festgemacht und sich an einem Kiosk mit kaltem Bier eingedeckt. „Es ist interessant, diesen Teil Berlins vom Wasser aus zu erkunden“, sagt einer der Bankangestellten. Hier würde man sonst nicht so schnell mal hinfahren.

Die Bierflaschen sind geleert, alle Paddler zurück in den Kanus, die Tour geht weiter zur Halbinsel Stralau. Unter dichten Laubbäumen stehen luxuriöse Wohnhäuser mit eigenen Bootsanlegern. Bunks berichtet, dass die Halbinsel mittlerweile zu einem der teuersten Wohngegenden Berlins gehört.

Dann geht in einem Kanu der erste Mann über Bord

Als er von den Besuchen des Dichters Theodor Fontane an diesem Ort erzählt, geht in einem Kanu der erste Mann über Bord. Einer der Teilnehmer sucht die Erfrischung in der Spree. „Von alleine kommt der nicht mehr rein ins Kanu“, so Bunks. „Er muss ans Ufer schwimmen und von dort einsteigen.“

Wenig später nimmt die Kanuflotte wieder Fahrt auf Richtung Rummelsburger Bucht. Das Interesse an Geschichte und Bauwerken am Spreeufer ist eher gering, dafür haben alle Paddler umso mehr Spaß am kühlen Nass. Nur Kanuguide Sebastian Bunk sitzt trocken im Boot des Morgenpost-Fotografen und verweist besorgt auf dessen teure Kameraausrüstung. Bunks enormes Wissen um diesen Teil der Spree, seine Inseln und Buchten sowie zahlreiche Anekdoten lassen die Kanutour zu einer spannenden und sehr kurzweiligen zweistündigen Fahrt auf der Spree werden - auch ohne Bad im Wasser.

Im Kanu über den Tunnel der einstigen „Knüppelbahn“

„Ich komme aus Ost-Berlin, kenne die Gegend wie meine Westentasche und habe mir viel angelesen“, sagt der 35-Jährige. Er rattert keine auswendig gelernten Fakten runter, sondern erfüllt die Geschichten mit Leben. So etwa, wenn er von einem halb versunkenen Tunnel unter Wasser erzählt, der Anfang des 19. Jahrhunderts für eine Straßenbahnverbindung von Treptower Park zur Halbinsel Stralau gebaut wurde. Die eingleisige Verbindung wurde von den Berlinern „Knüppelbahn“ genannt. Nur der Straßenbahnfahrer, der den Signalstab (Knüppel) hatte, durfte durchfahren. Am Ende des Tunnels gab er den Signalstab an einen Tunnelposten. Der Tunnel existiert noch, die Rampen sind aber zugeschüttet und der Tunnel ist geflutet.

Auf dem Rückweg zwischen festgemachten Schubverbänden und der Spundwand bringen zwei Gruppen ihre Kanus noch zum Kentern. Im knietiefen Wasser werden sie entleert und kurze Zeit darauf legen sie nahe des Ufos wieder an. Und das Motto: „Hauptsache, sie hatten viel Spaß“ ist voll aufgegangen.

Mit dem Kanu zu Inseln und Buchten in der Spree

„Wind of Change“, so der Name der etwa zweistündigen Kanutour, hat seinen Ausgangspunkt am ehemaligen DDR Rundfunkgelände in Oberschöneweide. Gruppentouren für 15 bis 120 Personen können gebucht werden, die öffentlichen Touren starten jeden Sonnabend ab 12 Uhr. Neben der Kanutour im Südosten der Stadt bietet die Firma Backstage Tourism auch geführte Kanufahrten in Richtung Kreuzberg an (Walking on Water). Weitere Angebote sind Fahrten auf dem Wasser durch Neu Venedig in Köpenick und eine Tour durch Köpenick (Grüner Südosten Berlins). Auch Touren auf dem Fahrrad und anschließend im Kanu können gebucht werden. Die „Wind of Change“-Tour kostet pro Person 25 Euro, ermäßigt für Schüler, Studenten, Azubis und Kinder bis 16 Jahren 20 Euro. Treffpunkt für die Kanufahrten ist auf dem Gelände des Funkhauses Berlin an der Nalepastraße 18 in 12459 Berlin. Der Kanusteg ist am „Ufo“ auf dem Grundstück.

Kontakt und Buchungen unter: 532 157 42 oder unter service@backstagetourism.com. Nähere Informationen gibt es auf der Internetseite unter www.backstagetourism.com

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