Nalepastraße

Reeder schenkt Berlin Ateliers

Mit zwei neuen Künstlerprojekten entwickelt sich das Areal des alten DDR-Rundfunks weiter zum neuen Kulturstandort Oberschöneweide.

Lutz Freise, Geschäftsführer der Reederei Riedel, auf dem Gelände an der Nalepastraße.

Lutz Freise, Geschäftsführer der Reederei Riedel, auf dem Gelände an der Nalepastraße.

Foto: jörg Krauthöfer /Funke MedienGruppe

Berlin. Die Reederei Riedel hat ihre Zentrale auf dem Areal des alten DDR-Funkhauses an der Nalepastraße. Im Hafen mit direktem Blick auf das Eierhäuschen am Spreeufer gegenüber liegen an diesem Morgen drei Ausflugsboote vor Anker. Vor dem Eingang des Unternehmens grüßt die Skulptur „der Lesende“ von Thomas Lange. Leuchtkästen mit farbstarken Gemälden an der Fassade weisen den Weg ins Bürogebäude und signalisieren – der Hausherr, Geschäftsführer Lutz Freise, ist ein kunstaffiner Mensch.

Bis 2002 gehörte dem Sammler die Kunstspedition Belaj, ehe er die Reederei von seinen Eltern übernahm. Durch seine Kontakte zu Künstlern und Sammlern wie Ulla und Heiner Pietzsch, Erich Marxs und Hans Berggruen liegt die Idee für ihn nah, das auf dem Gelände befindliche ruinöse, ehemalige Arbeiterhaus zum Atelierhaus umzubauen. 16 Studios sollen auf drei Etagen entstehen. Rund 45 Quadratmeter groß, die Größe passt gut in die Vorgaben des Atelierprogrammes der Kulturverwaltung. Denn die Vermietung wird später der Berliner Atelierbeauftragte regeln. Freise hofft auf die Fertigstellung im Sommer oder Herbst 2020. Rund 1,2 Millionen Euro wird der 56-Jährige, der in Karlshorst lebt, investieren. Da das Gebäude unter Ensembleschutz steht, ist die Modernisierung durch Brandschutz- und Schallschutzvorgaben recht aufwendig.

Pläne für einen Schiffs-Shuttle zum Plänterwald

Für die Berliner Senatskulturverwaltung ist so ein privat finanziertes Projekt Gold wert. Laut des Masterplans sollen bis 2020 insgesamt 2000 neue Ateliers entstehen, derzeit gibt es erst 800 geförderte Ateliers und Atelierwohnungen. Pro Jahr verliert Berlin rund 350 Ateliers, in der Innenstadt ist es kaum mehr möglich, bezahlbare Räume zu bekommen. Die Nalepastraße mit den Standorten Riedel und dem Funkhaus ist für Kultursenator Klaus Lederer (Linke) eine gute Adresse, wenn es um Zuwachs und kulturelle Visionen geht. Und so gibt es Pläne zwei ruinöse Funktionsgebäude des ehemaligen Funkhauses (Nalepastraße 52) als Pilotprojekt für den Ausbau von Arbeitsräumen umzuwidmen. Die landeseigene BIM hat bereits eine Grundstücksanalyse erstellen lassen. Für das Projekt sind rund 14 Millionen Euro veranschlagt. Acht Millionen Euro fließen in die Sanierung des größeren Gebäudes, sechs Millionen Euro sind für den Abriss des niedrigen Riegelbaus vorgesehen – es soll durch einen Neubau ersetzt werden, wie Daniel Bartsch, Sprecher der Kulturverwaltung, bestätigt. Derzeit würden noch Varianten geprüft, in welcher Form die Arbeitsräume anzulegen sind. Dabei könnten Flächen von 5000 bis 10.000 Quadratmeter entstehen. Die Mittel sollen im nächsten Haushalt eingestellt werden. Wann die Umbauten beginnen können, sei noch unklar, so Bartsch. Mit diesen zwei neuen Atelierprojekten in unmittelbarer Nachbarschaft lassen sich künstlerische Synergien zum Funkhaus herstellen. Viele Etagen des denkmalgeschützten Gebäudes sind an Künstler und vor allem Musiker vermietet.

Eine der besten Adressen in der Musikszene

In der Musik- und Produktionsszene gilt die einstige Zentrale des staatlichen DDR-Rundfunks als eine der besten Adressen. Die Londoner Musik-Universität dBs hat hier mit ihren Studenten eine Etage belegt. Und Investor Uwe Fabich hat noch weitere Pläne, vor allem aber hat er Platz, der in der City fehlt. Ihm gehört nicht nur das Kraftwerk Rummelsburg, sondern daran anschließende Grundstücke, die bis hoch zum Zementwerk reichen. 9500 Besucher passen ins Funkhaus, mehrere Tausend ins Kraftwerk.

Über eine großzügige Piazza soll der Industriebau mit dem Funkhaus verbunden werden: Lutz Freise wird ein Teil seines Grundstückes dafür freigeben, damit die Besucher zwischen beiden Gebäuden hin- und her flanieren, und „sich schöne Sichtachsen zum Kraftwerk öffnen“. Sein Atelierhaus wird dann den Eingangsbereich des Areals flankieren. Freise möchte zudem in nächster Zeit seinen „Kunst- und Kulturhafen“ mit Programmen wie Lesungen und kleinen Konzerten stärken und beleben, und so auch die Nachbarschaft einbinden, die den Blick aufs Wasser genießen kann. Durch den Uferweg, der einmal entstehen soll, wird es ohnehin offener am Hafen. Krimi-Dinner und Konzerte bietet Freise bereits auf seinen Schiffen an, „das wollen wir eben auf dem Land entsprechend entwickeln“.

Das Funkhaus ist ein Standort mit Zukunft

Wie zukunftsträchtig dieser Standort Funkhaus ist, hat auch die Messe Berlin erkannt. Im Mai startet das erste populäre Wissenschaftsfestival „Children of Doom“ – im Riedel-Hafenbereich. Hier geht es um Themen unserer Zukunft. Gut möglich, dass es auf Flößen stattfindet, heißt es bei der Messe. Freise profitiert von dieser Entwicklung. Zu Großevents wie auch der CSD-Party oder dem Gala-Dinner des Gallery Weekends im Funkhaus organisiert die Reederei den Schiffs-Shuttle in die City. Das wird auch dieses Jahr zum Christoper Street Day im Juli wieder so sein. „Mittelfristig“, erzählt Freise, „werden wir vielleicht auch über die Spree fahren. Der Plänterwald wird als Kunst- und Kulturpark entwickelt. Somit gäbe es eine Verbindung von Köpenick nach Treptow über das Wasser.“ Tatsächlich gibt es Schwierigkeiten bei der verkehrstechnischen Erschließung des ehemaligen Vergnügungsparks. Mit diesen Verbindungen und Erweiterungen entsteht in Oberschöneweide ein immer größeres Kultur-Areal, das den Standort im Südosten aufwertet. Freise empfängt an diesem Morgen in der Galerie des Unternehmens. Von hier kann man das Atelierhaus sehen. Momentan zeigt der Chef Bilder aus seiner Sammlung wie Bernd Köberling und Thomas Lange. Ganz oben auf seiner Agenda steht eine Ausstellung von Boris Aljinovic. Dass der frühere „Tatort“-Kommissar auch malt, wissen wohl die wenigsten.