Gesellschaft

So funktioniert das Kosmosviertel

Seit es das Quartiersmanagement gibt, ist die Nachbarschaft gewachsen zwischen den Plattenbauten im Kosmosviertel in Altglienicke.

Gemeinsam ist man stark: Daniel Fritz, Marion Krippner und Uwe Regelin (v. l.) auf dem Spielplatz im Kosmosviertel.

Gemeinsam ist man stark: Daniel Fritz, Marion Krippner und Uwe Regelin (v. l.) auf dem Spielplatz im Kosmosviertel.

Foto: Maurizio Gambarini

Berlin. Wer wissen will, wie das Kosmosviertel am Stadtrand in Altglienicke funktioniert, muss nur Uwe Regelin treffen. Er hat seinen Spitznamen weg, „Kosmosviertelgärtner“ nennen sie ihn hier. Sein Revier sind die Hochbeete, Bäume und Rasenflächen, die den drei-, acht- und elfgeschossigen Plattenbauten der Siedlung zumindest etwas Grün einhauchen sollen.

Ohne ihn würde es hier wohl kaum ein Blümchen mehr geben, die Büsche würden meterhoch wuchern. 210 Arbeitsstunden für Rabatenpflege, Gießen und Unkrautvernichtung hat er sich notiert. Nur den Teich am Spielplatz von Blättern und Schlacke zu befreien, das hat er nicht geschafft. „Alles Arbeitsstunden, die das Bezirksamt gratis bekommt“, meint er. Er kann sich richtig empören, das zuständige Grünflächenamt soll endlich seine Arbeit machen. Wenn ein Viertel verwahrlost und dreckig ist, so seine Auffassung, sind auch die Menschen nicht daran interessiert, der Kiez vermüllt. Und dagegen kämpft der 70-Jährige als Ehrenamtlicher an, deshalb engagiert er sich im Quartiersmanagement. 28 Jahre lebt er nun schon im Viertel.

Die Grundschule wird saniert, der Spielplatz bekommt einen Neubau mit Platz für 60 Kinder und Eltern

Seit zwei Jahren gibt es das Quartiersmanagement in einem ehemaligen Laden in der Nummer 237 an der Schönefelder Chaussee. Von Rudow fährt der Bus hierher zehn Minuten. Daniel Fritz leitet das Büro zusammen mit zwei Mitarbeitern. Auf dem Tisch mit den vielen Stühlen drumherum steht eine Kanne Kaffee, der helle Raum wirkt wie eine große Studentenbude. Regelin sitzt an diesem Morgen mit am Tisch, er ist im Beirat. Die Räumlichkeiten sind für die 5800 Einwohner des Viertels eine Anlaufstelle. „Was 30 Jahre vergammelt, kann man nicht in zwei Jahren wieder aufpäppeln“, sagt der engagierte Rentner. „Doch jetzt geht es voran!“

Dieses Jahr wurde der Bolzplatz komplett saniert, auf dem Abenteuerspielplatz stehen nun zwei Ponys und der Neubau soll bald Platz für bis zu 60 Kinder und Erwachsene bieten. Nächstes Jahr wird die Grundschule umgebaut und der Zirkus Cabuwazi bekommt ein feststehendes Gebäude, die Zelte waren im Winter einfach zu kalt.

Marion Krippner vom Projekt Kiezband hilft, Ideen und Initiativen zu entwickeln, die das Miteinander im Kiez stärken. Für jene, die es nicht ins Quartiersmanagement schaffen, steht seit August eine mobile Kiezberatung zur Verfügung. Der „Info Point Alleinerziehende“ bietet zwei Mal wöchentlich seine Beratung. Es gibt einen Kosmos Chor, einen Theaterworkshop, eine Kiezwerkstatt in der WAMA, der sogenannten Waschmaschinenbörse. Dort sollen bald Kinoabende auf dem Programm stehen.

Eine Vielzahl von Angeboten wie Familienabende, Computerkurse, Frauen Power Tage und sogar Lachyoga werden angeboten. Natürlich bekommen nicht alle Anwohner von den Aktivitäten ihres Kiezes etwas mit. Aber der Anfang ist immerhin gemacht.

Die Arbeit des Quartiersmanagement gilt als vorbildlich, hört man von sozialen Diensten in der Stadt. Ziel ist es, Menschen zu bewegen, mit eigenem Engagement etwas zu bewegen. Einfach ist das nicht immer, „das braucht Zeit, an die Menschen ranzukommen“, meint Daniel Fritz. 150.000 Euro stehen ihm und seinen Team für Projekte zur Verfügung. Die Miete der Räumlichkeiten zahlt der Bezirk.

Die Entscheidung für das Quartiersmanagement sei politisch, meint Fritz, die Berliner Politik würde langsam merken, dass sich die Menschen hier nicht ernstgenommen fühlen. Gerade in einem Viertel wie dem Kosmos, wo es einen hohen Anteil an Nichtwählern gibt, die AFD in einigen Blöcken als attraktive Partei gilt. Durch die hohe Kinderarmut von 56 Prozent und der überdurchschnittlichen Arbeitslosigkeit gilt das Kosmosviertel als Problemkiez. Die Kriminalitätsrate, erzählt uns Daniel Fritz, sei nicht auffällig, hat ihm die Polizei attestiert. „Da gibt es Ecken in Berlin, da ist mehr los, obwohl es sicher aussieht.“

In der City wird Wohnraum unbezahlbar, das merkt man auch hier im Viertel

Das Kosmosviertel, 1987 mit dem Bau begonnen, ist eine typische Plattenbausiedlung mit Schule und Kita und Läden für das Alltägliche. Zu DDR-Zeiten sollte noch Großes entstehen, ein Schwimmbad und Stadion waren vorgesehen. Dann kam die Wende und mit ihr der Abstieg des Kosmosviertels in isolierter Lage an der Stadtgrenze zu Brandenburg. Die Platte war nicht länger sozialistischer El Dorado. Die Leute zogen aus, mittlerweile gäbe es fast keinen Leerstand mehr, meint Fritz. Und die, die hier wohnen, hätten Angst, dass die Mieten bei anstehender Sanierung steigen. Der Quadratmeter liegt mittlerweile bei 6,50 im Durchschnitt. Der Druck auf bezahlbaren Wohnraum in der City ist im Viertel angekommen, wer dort gar nichts mehr findet, zieht auch in einen Plattenbau. Dabei teilt sich das Quartier in sanierte, bunte und düstere unsanierte Bauten, da wurde seit DDR-Zeiten nicht mehr viel gemacht. Diese Häuser gehören der privaten Schönefeld Wohnen GmbH & Co. Im Sommer gab es einen Mieterprotest wegen der Sanierung, energetisch sollte sie sein. Modernisierungsmaßnahmen schlagen auf die Mietkosten. Für viele hier eine unzumutbare Steigerung.

An diesem Morgen trifft man auf ganz normale Bewohnerschaft, vom BVG-Fahrer, der zum Dienst eilt, bis zur Rentnerin, die in einem der Senoirenblocks wohnt, seit 29 Jahren im Viertel lebt. Sie ist mit dem Rollator unterwegs. „Hier habe ich alles für den Alltag“. Sie zeigt auf die neue Apotheke, den Fotoladen, den Shop für alles, vom Unterhemd bis zu den getrockneten Schweineohren für 1 Euro für den Hund. Auf den neuen Edeka wartet sie sehnsüchtig, doch die Eröffnung verzögert sich. Bis Ostern, hat sie gehört. In den Ladenzeilen gibt es viele Bäcker, gut besuchte Treffpunkte für den Kaffeeplausch. Hier kostet die Tasse 1,50, nicht zu vergleichen mit dem Cappuccino für 2,80 Euro in den hippen City-Cafés.

Daniel Fritz weiß, dass für viele Anwohner die Hemmschwelle dennoch groß ist. Am besten, erzählt er, man geht direkt auf sie zu, wie beim „Treppencafé“. Da setzt er sich mit seinen Leuten samt Kaffee und Kuchen unten in einen der Hochhausflure - und dann wird gequatscht. „Wenn man hingeht, dann sprechen die Menschen auch“, meint er. „Einmal sind wir schon rum.“ Auch Marion Krippner fasst ihre Erfahrung zusammen: „Das macht was mit den Leuten.“

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